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Am 19.02.2016 starb Umberto Eco

“Chi non legge, a 70 anni avrà vissuto una sola vita: la propria. Chi legge avrà vissuto 5000 anni: c’era quando Caino uccise Abele, quando Renzo sposò Lucia, quando Leopardi ammirava l’infinito… perché la lettura è un’immortalità all’indietro.”

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Familie Wagner auf Sizilien.

IMG_20180130_102225.v01Constanze Neumann schreibt in Ihrem Buch „Der Himmel über Palermo“ intensiv von der Ballsaison im Jahre 1882 und einer sich daraus entwickelnden, aus heutiger Sicht gesehen, unmöglichen Liebe und Ehe am Ende des 19. Jahrhunderts.

Blandine von Bülow ist die Tochter von Cosima Wagner aus erster Ehe mit Hans von Bülow. Die Wagners sind mit Blandine und den ehelichen Kindern Isolde, Eva und Siegfried von 1881 bis 1882 in Palermo, wo Richard Wagner sich von allerlei Querelen familiärer und künstlerischer Art zurückziehen konnte, um zusammen mit Joseph Rubinstein den „Parzival“ zu beenden. Sie sind im Hotel des Palmes abgestiegen. Blandines ältere Schwester Daniela kommt später nach.

Die Geschichte einer unglücklichen Liebe, die 1881 beginnt und 1897 endet, fasst Constanze Neumann in eine Klammer. Das erste und letzte Kapitel spiegelt die Gedanken der vom Leben enttäuschten Blandine während der Abreise von Palermo. „Sechzehn Jahre nur, die ihr wie ein Menschenalter, eine Ewigkeit vorkommen.“

„Ende November 1897 verlässt Blandine Gräfin Gravina, geborene von Bülow, mit ihren drei jüngeren Kindern Maria, Gilberto und Guido Sizilien.“

Ihr Mann, Graf Biago Gravina, Zweitgeborener einer der ältesten Adelsfamilien Sizilien, ist gerade gestorben.

Wie alles begann: 1881 – Palermo scheint zwischen Allerheiligen und Karneval ein einziges morbides, frivoles Fest zu sein. Die 19jährige Blandine erlebt als Debütantin ihre Einführung in die adlige Welt Siziliens. Wir bekommen allerlei Aufregung um mögliche Kostüme und Verkleidungen während der Karnevalsaison mit. Am Rande erleben wir die Geschichten und Beziehungen einiger anderer Adliger. Auch die Gassen der Altstadt und das Gefälle zwischen Arm und Reich kommen ins Bild. Man bemüht sich um Blandines Freundschaft, um zu Wagner zum Vorsingen vorgelassen zu werden. Die Familie muss im Februar 1882 in eine andere Villa umziehen, weil Wagner im Hotel stört. Schließlich spielt er ohne Rücksicht auf andere Gäste zu allen Tages- und Nachtzeiten Klavier. Das neue Domizil liegt weit vom Stadtzentrum Palermos entfernt und ist schlecht heizbar und daher feucht. Die Kinder, besonders Siegfried, von allen Fidi genannt, erkranken schwer. Alle leiden unter dem ungemütlichen Haus.

Es kommt, wie es kommen soll. Die unerfahrene Blandine lernt gleich auf dem ersten Ball den schneidigen Graf Biagio Gravina kennen. Auf weiteren Bällen bemüht er sich um Plätze auf Blandines Tanzkarte. Weiter Gelegenheiten, sich wirklich und ungestört kennen zu lernen, finden die jungen Leute nicht,  Biagio schreibt heimlich Briefe, die jedoch von Blandine mangels Gelegenheit nicht erwidert werden können. Wie es scheint, hält Graf Gravina um ihre Hand an, um endlich auf legalem Weg Zugang zu Blandine zu erhalten. Richard Wagner und seine Frau Cosima sind erleichtert. „Mein liebes Kind, dein Papa macht sich viele Gedanken um dich und deine Zukunft. Er hat alles über den Grafen in Erfahrung gebracht, was er konnte, und er glaubt, dass ihr eine glückliche Ehe führen könnt.“ Damit ist es entschieden. Später muss Blandine mit anhören, wie Wagner zu Cosima über die Schwestern sagt: „Ein Krampf der Existenz. Es wäre besser, sie wären nie geboren.“

Graf Biagio Gravina ist nur der zweite, und daher nicht erbberechtigte Sohn, hat aber eine gute Stelle beim Militär. Blandine erhält eine sehr großzügige Mitgift. Dem Glück stünde nichts im Wege. Allerdings verliert Graf Gravina zeitgleich mit der Hochzeit seine Stellung beim Militär. Es wird ihm nicht mehr gelingen, eine andere Arbeit zu finden. Die völlige finanzielle Abhängigkeit von seiner Frau Blandine verhindern es, dass aus den sich durchaus liebevoll zugetanen jungen Leuten ein sich liebendes Ehepaar werden kann. Anstatt in Palermo zu leben, besteht Gravina darauf, auf dem Gut der Familie in Ramacca am Fuße des Etnas zu leben. Dort wird Blandine nicht heimisch und geht mit den Kindern zurück in die Stadtvilla nach Palermo. Graf Gravina verfällt immer mehr in Trübsinn und nimmt sich 1897 das Leben.

„Der Himmel über Palermo“ ist leichte Lektüre für Liebhaber*innen historischer Erzählungen mit südlichem Flair. Ich finde es etwas schade, dass über die Hintergründe der Wagners wenig im Roman vorkommt. Ich musste mir vieles aus anderen Werken zusammensuchen, um die Zusammenhänge besser zu verstehen. Hier kann ich exemplarisch die Biographie Cosima Wagners von Oliver Hilmes nennen. „Herrin des Hügels“, Siedler 2007. Diese erschien mir spannender als der neue Roman von Constanze Neumann.

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Der Himmel über Palermo : Blandine von Bülows große Liebe. Roman / Constanze Neumann. - 2. Aufl., 222 S. - München: Goldmann, 2017. - ISBN 9783442314409, fest. geb. : 18 € 

Zu den noch immer lebendigen Allerheiligenbräuchen Siziliens, die im ersten Kapitel des Romans wirklich schauderhaft erzählt werden, empfehle ich den folgenden Blogartikel:  http://hallosizilien.de/ognissanti-allerheiligen/

Das Grand Hotel et des Palmes gibt es auch noch. Bei meinem nächsten Besuch in Palermo werde ich es in Betracht ziehen.

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Ein schmales Buch mit einer großen Geschichte. Klassikerverdächtig!

Gastland Italien - Folge 9 meines Projekts, die Übersetzungen aus dem Italienischen der letzten Zeit vorzustellen.

Das Fell des Baeren von Matteo RighettoMan soll den Tag nicht vor dem Abend loben. Im Italienischen heißt es entsprechend: verkaufe nicht das Fell des Bären, bevor er erlegt ist. (Non vendere la pelle dell'orso prima di averlo ucciso)

Dies immer im Hinterkopf, traut man der märchenhaft erzählten Geschichte einer Vater-Sohn-Geschichte nicht über den Weg. Und doch bangt und hofft man mit den beiden auf ein gutes Ende.

Was für ein Unterfangen! Im ladinischen Colle Santa Lucia in der Provinz Belluno treibt ein furchterregender Bär sein Unwesen. Immer wieder findet man Kadaver von Rehen und Hirschen, die aussehen, als ob sie von einem Ungeheuer gerissen wurden. Die Spuren, die der gefürchtete Bär hinterlässt, lassen auf einen Riesen schließen. Bienenstöcke findet man verwüstet vor, sogar eine Kuh soll dem Bären zum Opfer gefallen sein. Die Menschen in der Gegend haben Angst.

Ausgerechnet der im Dorf wenig angesehene, meist betrunkene Witwer Pietro Sieff, noch keine 50 Jahre alt, wettet um eine hohe Summe mit dem reichen Wirt der Dorfkneipe, den Bären zu erlegen. Wie es scheint, hat er nichts zu verlieren.

Domenico, sein 12jähriger Sohn, fürchtet die schlechte Laune des Vaters und versucht, aus Angst vor Schelte und Ohrfeigen, seinem Vater alles Recht zu machen. Er ist gerne in der Natur und träumt von Abenteuern und seiner Mitschülerin Maria.

Am frühen Morgen nach der Wette nimmt Pietro Sieff zwei Gewehre und seinen Sohn mit in die Berge. Auf dem Weg erklärt er dem erstaunten Domenico seinen Plan.

Und dann bekommt die spannende Geschichte alles, was einen guten Roman ausmacht: die Geschichte der immer besser werdenden Beziehung zwischen Vater und Sohn, der beschwerliche Kampf mit den Naturgewalten, die Erinnerungen des Vaters an die junge Liebe zu seiner Frau, die Hintergründe über den schlechten Stand Pietros im Dorf.

Je weiter die beiden in immer einsamere und dunklere Gegenden vordringen desto stärker wird ihre Bindung zu einander. Und dann kommt es endlich zum Kampf.

Wie es weitergeht, möchte ich hier nicht verraten. Im Ton geradlinig erzählt, fast wie in einem Kinderbuch - ohne Flashbacks und Szenenwechsel - zieht es den Leser mit hinein in den Wald, über die beschwerlichen Bergpfade in eine wunderschöne aber auch bedrohliche Naturkulisse. Das Buch endet in völliger Erschöpfung und einer Frage.

Es hat mich sehr nachdenklich zurückgelassen. Man soll eben das Fell des Bären nicht verkaufen, bevor...

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Besuchen Sie die Gegend: alle Infos und die Bildquelle

In Italien ist das Buch ein großer Erfolg und wurde auch schon verfilmt. Regie führte Marco Segato ---  Trailer

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Über den Autor:

Matteo Righetto, wurde 1972 geboren und lebt in Padua. Er ist Dozent für Literatur. "Das Fell des Bären" (Originaltitel: "La pelle dell'orse") ist sein erster Roman, dem in Italien bereits zwei weitere folgten. (Verlagstext)

 

Besprechung bei NDR Kultur vom 23.11.2017 

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Das Fell des Bären : Roman / Matteo Righetto. Aus dem Italienischen von Bruno Genzler. -  1. Aufl., 159 S. - München: Blessing, 2017. - ISBN 9783896675996 ; 19,99 €

 

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Über die Schwierigkeiten, das passende Leben zu finden.

Gastland Italien - Folge 8 meines Projekts, die Übersetzungen aus dem Italienischen der letzten Zeit vorzustellen.
Acht Berge von Paolo Cognetti Und wieder mal Cognetti. Nachdem ich von ihm im Sommer "Fontane N° 1" vorgestellt habe, welches meine Sehnsucht nach Rückzug und Bergeinsamkeit angesprochen hatte, musste ich natürlich auch zu diesem besonders schön gemachten Bändchen "Acht Berge" greifen.

Diesmal handelt es sich um einen Roman, obwohl ich, da er in der ersten Person erzählt, nicht umhin konnte, immer nur den Autor selbst zu hören. Ich kannte ihn ja schon aus seinen Aufzeichnungen aus der Berghütte, die als Sachliteratur gelten.

Nach dem überwältigenden Erfolg des Buches in Italien, wo es den berühmten Premio Strega  erringen konnte, erklärt der 39jährige Autor, dass die im Roman erzählte Kindheit wirklich seiner eigenen entspricht, von da nimmt die Geschichte jedoch ihren eignen Verlauf. Vielleicht so, wie er sich sein Leben erträumt.

"L'infanzia è quasi un'autobiografia ne 'Le otto montagne' e poi il romanzo, in maniera un po' misteriosa, prende una sua strada. Pietro non sono più io e la sua vita è forse quella che io sognavo."

Die Geschichte erzählt die unterschiedlichen Lebenswege zweier Jungen, die seit der Kindheit miteinander verflochten sind. Wie bei einer langen Bergwanderung kommt man auch im Leben immer wieder an Weggabelungen, an denen man wählen muss. Hier lässt der Autor die Jungen eben den jeweils anderen Weg gehen.

Das Stadtkind Pietro kommt Jahr für Jahr in den Sommerferien mit den naturbegeisterten Eltern in das kleine Dorf Grana in den Dolomiten. Dort lernen sie den Bauernjungen Bruno kennen. Während Bruno trotz der Förderung von Pietros Eltern das Dorf und die Almwirtschaft nicht verlassen will, zieht es Pietro als Erwachsener bis nach Nepal. Die Bergtouren mit seinem Vater sind sehr spannungsgeladen und schwierig, faszinieren Pietro aber trotzdem. Er entwickelt den Ehrgeiz, trotz seiner Höhenkrankheit, den Anforderungen des Vaters zu genügen.

Es zieht ihn immer wieder zurück in die Berge von Grana und er erkennt, dass sein Vater die Beziehung zu Bruno nie aufgegeben hat. Er war vielleicht der Sohn, der Pietro hätte sein sollen. Auch die Beziehung zu Lara, die Pietro einmal aus der Stadt mit in die Berge nimmt, gestaltet sich schwierig. Mit Bruno dagegen scheint sie ihre Bestimmung gefunden zu haben. Doch auch das reicht nicht für ein ganzes Leben.

Dies ist ein Buch der leisen Töne. Es liest sich leicht wie ein Spaziergang, vermittelt jedoch große Gedanken wie eine anstrengende Bergwanderung. Es treibt sich in den "Acht Bergen" der Welt herum, weil es den einen Berg noch nicht gefunden hat. Ein nepalesisches Sprichwort sagt, dass die Welt ein Rad mit acht Speichen ist. Diese stehen für acht Berge rund um den Berg Sumero in der Mitte. Im Buch geht es um die Frage: ist es besser, sich auf "allen" acht Bergen der Welt umzuschauen oder nur auf den einen Gipfel des wichtigen Berges in der Mitte zu steigen?

Christina Burkhardts Übersetzung ist gelungen und bringt die Schönheit und Klarheit Cognettis Sprache auch im Deutschen zum Klingen. Ich mag solche Bücher, die unsere Sehnsucht nach dem einfachen Leben thematisieren und uns zeigen, dass es eine unstillbare Sehnsucht ist.

"Una mattina lui stava per uscire mentre mia madre dormiva, e allacciando gli scarponi si era trovato davanti me, vestito e pronto a seguirlo. Dovevo essermi preparato dentro il letto. Nell'oscurità l'avevo spaventato come se fossi piú grande dei miei sei o sette anni: ero già quello che sarei diventato dopo, nel suo racconto, la premonizione di un figlio adulto, un fantasma del futuro."

"Eines Morgens, als er gerade aufbrechen wollte und sich die Stiefel schnürte, während meine Mutter noch schlief, habe ich plötzlich vor ihm gestanden: angezogen und aufbruchsbereit. Ich müsse mich im Bett fertig gemacht haben. Im Dunkeln hätte ich ihn erschreckt, so als wäre ich weitaus älter als meine sechs oder sieben Jahre. Schon damals war ich der, der ich einmal werden sollte, zumindest seinen Schilderungen nach: ein Vorgeschmack auf den erwachsenen Sohn, ein Gespenst aus der Zukunft."

"Acht Berge" hat das Potenzial zum Klassiker. Ein doppelter "Coming of Age", der die existentiellen Fragen des Lebens aufgreift aber nie abschließend beantwortet.

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Über den Autor:

Paolo Cognetti, 1978 in Mailand geboren, verbringt die Sommermonate am liebsten in seiner Hütte im Aostatal auf 2000 Metern Höhe. Er hat Mathematik studiert, einen Abschluss an der Filmhochschule gemacht und Dokumentarfilme produziert, bevor er sich ganz dem Schreiben zuwandte. Auf Italienisch sind von ihm schon Erzählbände und zwei Romane veröffentlicht worden. »Acht Berge« stand über Monate auf Platz 1 der Bestseller in Italien; der Roman erhielt u.a. den renommiertesten italienischen Literaturpreis, den Premio Strega, und erscheint in rund 40 Ländern. (Verlagstext)

Ein Interview mit dem Autor

Acht Berge : Roman / Paolo Cognetti. Aus dem Italienischen von Christina Burkhardt. - Stuttgart: DVA, 2017. - 256 S. - ISBN 978-3-421-04778-6 ; 20 €

Norman Weiß von "Notizhefte" hat einen "neuen" Nooteboom gefunden.

nooteboom
©e.mager

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