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Gerade gehört und absolut empfehlenswert!

colliniVierunddreißig Jahre hat der Italiener Fabrizio Collini als Werkzeugmacher bei Mercedes-Benz gearbeitet. Unauffällig und unbescholten. Und dann ermordet er in einem Berliner Luxushotel einen alten Mann. Grundlos, wie es scheint.

Er leugnet die Tat nicht, will nicht verteidigt werden, gibt keine Motive an. Der junge Anwalt Caspar Leinen wird zum Pflichtverteidiger bestellt. Sein erster Fall. Es stellt sich heraus, dass er mit dem Mordopfer seit Kindheitstagen bekannt ist.

Erst will er das Mandat niederlegen, doch dann hört er auf den Rat eines erfahrenen Anwalts, und macht weiter. Was als aussichtslose Verteidigung erscheint, entwickelt sich zu einem Lebensdrama mit vielen Facetten.

Ich glaube nicht, dass ich die Geduld aufgebracht hätte, das Buch im nüchternem Stil von Gerichtsprotokollen zu lesen, aber die Stimme von Burghart Klaußner macht das Ganze zum Erlebnis.

Der Fall Collini. Ferdinand von Schirach. Ungekürzte Lesung mit Burghart Klaußner. - 3 CDs, 224 Minuten Laufzeit, ISBN 978-3-86952-354-5 (Erschienen am 12.01.2017 bei Hörbuch Hamburg ) 

Der Fall Collini / von Ferdinand von Schirach. Ungekürzte Lesung mit Burghart Klaußner (Onleihe)

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Latein: eine erstaunlich lebendige Sprache um "die flüchtigsten Zustände des Inneren in Worte zu fassen,"

Gastland Italien - Folge 8

978-3-498-02539-7
In meiner Reihe zu interessanten Übersetzungen aus dem Italienischen möchte ich diesmal auf ein Sachbuch aufmerksam machen.

Nicola Gardini schreibt geradezu hymnisch über sein geliebtes Latein. Er kann davon schwärmen, wie andere es bei besonderen Menschen tun.

Er verbindet die verschiedenen Werke dieser alten, ehrwürdigen Sprache mit seinen eigenen Lebensstationen. Dabei geht er nicht immer chronologisch vor, aber heraus kommt so etwas wie eine Biographie des Lateinischen.

...weiterlesen "Latein lebt / Nicola Gardini"

Ein poetisches, stilistisch überraschendes Buch über die Liebe und das Leben

Gastland Italien – Folge 7

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Die junge Braut / Alessandro Baricco ©e_mager

Alessandro Baricco ist mit "Die junge Braut" schon zum zweiten Mal in meiner Reihe "Gastland Italien" vertreten. Und das aus gutem Grund - ich bin verliebt in seine Sätze und seine skurrile Art. Nachdem im letzten Jahr sein kleines Drama "Smith & Wesson" auf Deutsch herauskam, kommen wir nun in den Genuss der guten Übersetzung von Annette Kopetzki von "La Sposa Giovane".

Wer nur Literatur lesen möchte, die realistisch ist und die die herrschenden Verhältnisse kritisch beleuchtet, ist bei Baricco fehl am Platz. Bei den Stimmen zur italienischen Ausgabe finden sich dann auch oft Aussagen wie "Nicht so meins.", "Konnte ich nichts mit anfangen." Die Fraktion der Baricco-Begeisterten, zu der ich ohne Zweifel gehöre, sammelt die wunderschönen Sätze des Autors sogar auf einer eigenen Facebook-Seite.

Beginnen wir zum Beispiel beim ersten Satz:

"Es sind sechsunddreißig Stufen, und der Alte steigt sie langsam hinauf, mit Bedacht, als sammele er sie eine nach der anderen ein, um sie in den ersten Stock zu treiben: er der Hirte, sie fügsame Tiere." (S.7)

Lässt man sich auf dieses Bild ein und fügt sich diesem ruhigen Sprachfluss, möchte man das Buch nicht mehr weglegen. Man wird eingelullt in diese bizarre Geschichte eines Hauses, einer Familie, deren Mitglieder nichts so sehr fürchten, wie die Nacht.

"Seit einhundertdreizehn Jahren, das muss erwähnt werden, sind in unserer Familie alle nachts gestorben. Das erklärt alles." (S.11)

Nachdem der Hausdiener Modesto die Nacht für beendet erklärt und eine Wetterprognose für den Tag verkündet hat, versammeln sich die Familienmitglieder am "Tisch der Frühstücke", um mit einem ausgedehnten Brunch das Leben zu feiern. Es ist immer für 25 Personen gedeckt, weil auch Geschäftspartner und Freunde jederzeit dazukommen können.

Die Familie besteht aus Vater, Mutter, Sohn, Onkel und Tochter. Dazu gibt es den Diener Modesto - und später noch die junge Braut. Dies ist der innere Kreis, um den sich weitere Personen scharren: ein Verwalter (Commandini), ein Notar (Bertini), ein Arzt (Acerbo), ein Monsignore... Es fällt auf, dass die wichtigen Personen namenlos sind. Baricco verwendet die Personen wie Spielsteine auf einem Brett. Sie erinnern ein wenig an die Masken der Commedia dell'Arte. Alle sind mit einer ganz besonderen Eigenschaft ausgestattet, die anstelle eines Charakters fungiert. So ist die Tochter zwar bildschön, muss aber wegen eines Unfalls in der frühen Kindheit hinken. Der Onkel schläft Tag und Nacht, beteiligt sich aber erstaunlicherweise vollkommen am Familienleben und äußert zu richtigen Zeit einen weisen Satz. Der Sohn ist abwesend, man vermutet ihn in England und hofft auf seine baldige Rückkehr, denn er soll die junge Braut heiraten. Der Vater hat eine schwache Konstitution und er darf "sich schon aus medizinischen Gründen keine Neigung zu Ängstlichkeit erlauben". (S.74) Die Mutter hat die Marotte, völlig unzusammenhängende Sachverhalte in einem Satz zu verknüpfen, was der Autor jedesmal in Klammern mit den Worten "(viele ihrer Syllogismen waren nämlich unergründlich)" kommentiert.

Und damit sind wir bei einer weiteren Besonderheit des Romans: der Autor mischt sich fortlaufend ein, kommentiert, unterbricht, erzählt vom Schreiben des Romans. Das macht er allerdings sehr dezent und durchaus zum Roman passend. Ebenso im ersten Moment verwirrend, dann aber nachvollziehbar, wechselt der Autor immer mal wieder von der 3. Person zum Ich, aber nicht, um von sich zu sprechen, sondern um die Figur, die gerade "dran" ist, persönlich hervortreten zu lassen, als spräche sie nun direkt zu uns.

Aber worum geht es denn nun eigentlich? An einem dieser immer gleichen, glücklichen Tage ("sie wussten nichts von der Abfolge der Tage, denn sie strebten danach, einen einzigen vollkommenen Tag zu leben..." (S.17)), erscheint eine junge Frau, um den Sohn zu heiraten, wie es vor Jahren, als die Liebenden dafür noch zu jung waren, vereinbart wurde. Nun ist sie da, die junge Braut, aber der Sohn nicht. Es wird also gewartet. Die junge Braut zieht ein, lernt die Familie kennen, wartet auf den Bräutigam. Ein ganzes Haus wartet. Währenddessen beschließt der Vater, als erster einer langen Reihe von Vorfahren, nicht im Schlaf zu sterben - und die junge Braut wird ihm dabei helfen.

Hier noch ein paar schöne Sätze:

"Es war, als würde eine zitternde spätnachmittägliche Sommersonne in den mit Parkett ausgelegten Saal fallen und Tanzschritte hervorrufen, die alle in einen gewissen Süden der Seele zurückbrachten." (S.31)

"Wissen Sie, man neigt dazu, das Unglück für eine Zeitverschwendung zu halten, das heißt für einen Luxus, den sich noch für eine gewisse Anzahl von Jahren keiner erlauben darf. Irgendwann vielleicht. Das Unglück raubt der Freude Zeit, und in der Freude wird Wohlstand geschaffen. Wenn Sie einen Augenblick lang darüber nachdenken, ist es ganz einfach." (S.26)

"Vede, qui si è propensi a credere che l’infelicità sia uno spreco di tempo e quindi una forma di lusso che per ancora un certo numero di anni nessuno si potrà permettere.
Forse un domani.
Ma, per adesso, a nessuna circostanza della vita, per quanto penosa, è concesso di rubare agli animi qualcosa di più di un momentaneo smarrimento.
L’infelicità ruba tempo alla gioia, e nella gioia si costruisce prosperità.
Se ci pensa un attimo, è molto semplice."

Lesen Sie dieses poetische, kleine Buch! Und wenn Sie dann darüber nachdenken, ist es ganz einfach: Unglück ist nicht erlaubt!   

Die junge Braut / Alessandro Baricco. Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki. - Hamburg: Hoffmann und Campe, 2017. - 1. Aufl. ; 206 S. - ISBN 9783455405781 fest geb. : 20,00 €

Über den Autor:

Alessandro Baricco, 1958 in Turin geboren, studierte Philosophie und Musikwissenschaft. Er ist Mitherausgeber verschiedener Literaturzeitschriften und von La Repubblica. Neben seinen Romanen hat Baricco zahlreiche Essays, Erzählungen und Theaterstücke verfasst, sein Roman Seide wurde zum internationalen Bestseller. Baricco wurde mit dem Premio Campiello, dem Premio Viareggio und dem Prix Médicis Étranger ausgezeichnet. (Verlagstext)

Skandalbuch von 1879 erstmals auf Deutsch aus dem Urtext übersetzt.

Gastland Italien – Folge 6

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©e_mager Luigi Capuana: Giacinta

Die kleine Giacinta wird von Geburt an von ihrer Mutter abgelehnt, die nur selbstsüchtig auf Geld und eine gute gesellschaftliche Stellung aus ist. Sie wird bis zum Alter von 5 Jahren bei einer Amme aufs Land gegeben, wo sie ziemlich verwahrlost und wie ein kleines wildes Tier aufwächst. Als es der Mutter endlich in den Kram passt, wird Giacinta  wieder nach Hause geholt, wo sie mehr oder weniger sich selbst überlassen ist. Anstatt wie vorher auf dem Land recht frei herumzutollen, ist sie nun auf ein Zimmer mit Aussicht auf den eng ummauerten Garten angewiesen. Sie hat keinerlei Kontakt zu Gleichaltrigen. Einzig der Vater ist ihr liebevoll zugetan, aber auch dieser steht unter dem Pantoffel von Giacintas Mutter. Als diese ziemlich unüberlegt einen jungen Mann als Gärtner engagiert, findet Giacinta endlich einen lustigen Kamerad, der Zeit für sie hat. Beppe freut sich, wenn Giacinta zu ihm in den Garten kommt und er hat immer allerlei Späße für sie in petto. Doch ohne dass Giacinta es bemerkt, wandeln sich diese Späße immer mehr zu sexuellen Handlungen bis hin zur handfesten, von Giacinta heftigst abgelehnten Vergewaltigung. Als eine Magd die beiden erwischt, wird Beppe entlassen. Die entsetzte Mutter weiß sich keinen anderen Rat als Giacinta auf ein Internat zu schicken bis sie erwachsen ist.

Wieder im elterlichen Haus, versucht die Mutter mit groß angelegten Festen und Einladungen ihre Tochter mit einer einigermaßen guten Partie zu verheiraten. Der Makel der Vergewaltigung in jungem Alter ist stadtbekannt und deshalb kann man nicht wählerisch sein. Die wunderschöne Giacinta spielt gekonnt auf dem gesellschaftlichen Parkett und schart eine ganze Gruppe junger Männer um sich herum. Innerlich ist sie jedoch teilnahmslos und überhaupt nicht auf eine Ehe aus. Einzig Andrea, ein lebenslustiger und unterhaltsamer junger Mann aus Neapel, kann ihr Herz gewinnen. Da Giacinta aber zutiefst misstrauisch ist und eine abgrundtiefe Angst vor Enttäuschung hat, lässt sie eine Liebesbeziehung nur außerhalb einer Ehe zu.

"Der Mann meines Herzens kann vielleicht mein Geliebter werden, aber mein Ehemann, nein, niemals." (S.23)

Andrea, der Giacinta aufrichtig liebt, ist einverstanden, dass sie zum Schein und wegen des guten Namens, den etwas schwachsinnigen Grafen Grippa di San Celso heiratet. Ein skandalöses Leben in einer ungewöhnlichen Ménage-à-trois beginnt und nimmt einen verheerenden Verlauf.

Luigi Capuana schildert dieses Psychogramm einer jungen, weiblichen Seele so schonungslos und präzise, dass der Roman bei seinem ersten Erscheinen 1879 in Italien einen Skandal auslöst und nach sechs Monaten ausverkauft ist. Erst 1886 gibt es eine entschärfte Version, die genau wie weitere Ausgaben nie den Erfolg der Erstausgabe wiederholen können. Erst 1980 erscheint bei Mondadori die Neuauflage nach dem Urtext des mittlerweile in Vergessenheit geratenen Originals, auf das sich auch die vorliegende Übersetzung von Stefanie Römer ins Deutsche stützt.

Diese liest sich hervorragend flüssig und modern, obwohl sie im Sprachduktus auf die Zeit, in der das Buch spielt, Rücksicht nimmt. Ich habe das sehr schön editierte Buch in einem Rutsch durchgelesen, allerdings häufig kopfschüttelnd. Nicht wegen der "skandalösen" Begebenheiten, die uns heute keine Empörung mehr entlocken, sondern wegen der wirklich abstrusen Gedankenwelt Giacintas. Capuanas Buch gilt als erster Vertreter der in den 1870er Jahren in Italien neu entstanden Gattung des Verismo, der von Zola und Tolstoi beeinflusst war. Dieser zeichnet sich durch übersteigerten Realismus in der Beschreibung von vor allem sozialkritischen Begebenheiten aus. Bei Capuana sind es die neuen psychologischen und medizinischen Erkenntnisse Mitte des 19. Jahrhunderts, die er mit der Lebensgeschichte der Giacinta illustrieren möchte.

Für Èmile Zola

Ich bin mir gewiss, ein Buch geschrieben zu haben, das weder scheinheilig noch unmoralisch ist. Wäre ich doch ebenso sicher, geschaffen zu haben, was in meiner Absicht stand - ein wahres Kunstwerk! (Widmung)

Ein interessantes Buch, das es verdient hat, aus der Vergessenheit geholt worden zu sein, auch wenn es nicht so stark ist, wie die Klassiker Madame Bovary, Anna Karenina und Effi Briest, mit denen es auf dem Schutzumschlag verglichen wird.

Mir gefällt es sehr, wenn ich "historische" Stoffe von zeitgenössischen Autoren lesen kann, so wie  z.B. auch die Neuausgabe von Gabriele Tergits  "Käsebier erobert Berlin". So erlebe ich eine kleine, sehr authentische Zeitreise. Ich freue mich, dass die Verlage diese Kostbarkeiten wieder ans Licht holen und nicht immer nur neue Autoren herausgeben.

Giacinta : Roman / Luigi Capuana. Aus dem Italienischen übers. von Stefanie Römer. Nachwort von Angela Oster. - Zürich: Manesse, 2017. - 329 S. - ISBN 9783717524342 ; fest geb. : 26,95 €

Über den Autor:

Luigi Capuana (1839–1915), Sohn sizilianischer Landbesitzer, lebte nach einem abgebrochenen Jurastudium als Theaterkritiker in Mailand, Florenz und Turin. Er schrieb zahlreiche Novellen, drei Romane und sammelte Volksmärchen. «Giacinta» wurde bei Veröffentlichung zu einem Riesenerfolg. 1886 erschien nach empörtem Echo der Kritik eine zweite, «entschärfte» Version. (Verlagstext)

Dieser Artikel ist der sechste aus meiner Reihe zu aktuellen Übersetzungen aus dem Italienischen: Gastland Italien

Ein monumentales Museum des Krieges für die Ankunft des Friedens und die Entschärfung der Geschichte

Gastland Italien – Folge 5

Bildschirmfoto vom 2017-08-05 13-37-47Unter den Übersetzungen aus dem Italienischen, die in der letzten Zeit erschienen sind und die meine Aufmerksamkeit errungen haben, bildet dieser Titel sicherlich eine Ausnahme. Um es kurz und allzu salopp auszudrücken: „Schwere Kost“.

Dr. Claudio Magris studierte an den Universitäten Turin und Freiburg im Breisgau Germanistik. Er ist Essayist und Kolumnist für die italienische Tageszeitung Corriere della Sera und andere europäische Zeitungen. Durch seine zahlreichen Studien zur mitteleuropäischen Kultur gilt er als deren größter Förderer in Italien. Claudio Magris lebt in Triest und spricht seinen fast als eigene Sprache bezeichneten Triestiner Dialekt. (Quelle: Wikipedia abgerufen am 5.8.2017)

Er ist also kein Romancier im eigentlichen Sinne, sondern eher ein Wissenschaftler, was man seinem Buch sehr anmerkt. "Zunehmend warnt er vor der Gegenwart des Krieges und betätigt sich als paneuropäischer Friedensstifter im Sinne Kants." (Ebenfalls Wikipedia s.o.)

Als Warnung vor der Gegenwart des Krieges ist auch dieses Buch zu verstehen.

"Ich kämpfe nicht gegen das Vergessen, sondern gegen das Vergessen des Vergessens, gegen die schuldhafte Unbewusstheit, vergessen zu haben, vergessen haben zu wollen, nicht wissen zu wollen und nicht wissen zu können, dass es etwas Entsetzliches gibt, das man vergessen wollte - sollte?"

Das Buch erzählt die Geschichte eines grotesken Museums der Gewalt für eine Zukunft in Frieden und des Mannes, der sein ganzes Leben damit verbracht hat, alle Erinnerungsstücke dafür mühselig zusammen zu tragen: vom alten Panzer, einem gebrauchten U-Boot, verrosteten Teilen kleiner Handwaffen aus allen Teilen der Welt, Videosequenzen aus alten Wochenschauen bis hin zu Abschriften aus den Todeszellen des ehemaligen Konzentrationslagers "La Risiera di San Sabba" in Triest. Er selbst erlebt die Fertigstellung seines Museums nicht, da er in einer Nacht, als er inmitten seiner gesammelten Stücke in einem leeren Sarg eingeschlafen ist, bei einem Großfeuer verbrannt ist. Luisa, seine Assistentin,  macht es sich zur Aufgabe, aus den immer noch zahlreichen Resten der Sammlung das Museum gegen das Vergessen einzurichten. Vor allem die Notizbücher mit den Abschriften der Zellenwände sind für die Nachwelt interessant und gefürchtet. Die Erben möchten nicht, dass diese veröffentlicht werden. Wichtige Persönlichkeiten in Triest befürchten immer noch, dass herauskommen könnte, wer sich von ihnen oder ihren Vorfahren schuldig gemacht hat. Wie viele der Notizbücher den, vielleicht sogar vorsätzlich gelegten, Brand überstanden haben, ist nicht bekannt. Man hofft allgemein, dass die Beweise nicht reichen und daher ein wie auch immer geartetes Verfahren eingestellt wird. "Über diese Schande, diese ehemalige Triester Reisfabrik, in der die Nationalsozialisten einige tausend Menschen umgebracht hatten oder hingeschickt, um sie dort umbringen zu lassen – im Schweigen der Allgemeinheit, das auch nach dem Krieg noch anhielt –, begann man nun endlich zu reden, was manch einen in Verlegenheit brachte." (S.22)

Luisas eigene Lebensgeschichte ist der zweite Erzählstrang des Buches. Sie ist die Tochter einer Jüdin und eines afroamerikanischen Leutnants, Nachfahrin von Diaspora und Sklavenhandel. Hier erfährt der Leser viel über Schuld, Gewalt und Krieg in anderen Teilen der Welt und wie alles mit allem zusammenhängt. Diese Kapitel haben mir sehr gefallen, da Magris hier wirklich eine romanhafte Erzählung gelingt.

Mir scheint, Magris hat mit den einzelnen Kapiteln selbst ein Museum der Gewalt errichtet. Die Geschichten sind so zahlreich und muten unsortiert an, als ob man in einem riesigen, verstaubten, unsortierten Museum von Ausstellungsstück zu Ausstellungsstück wandert. Man begreift die Intention, wird aber nicht wirklich ergriffen. Zumindest habe ich einiges über Triest und das einzige Vernichtungslager Italiens gelernt. Ich habe auch eingesehen, wie sehr nach dem Krieg, nach allen Kriegen, vertuscht und gelogen wird, um "ehrenwerte" Herrschaften nicht zu belasten. Hier hat der Roman seinen Zweck erfüllt.

"Man hat den Müll ins Meer geschüttet, ins Flusstal, sie haben uns hier ausgeladen, zwischen dem Patòc und dem Meer, das Wasser kann hier nicht sehr tief sein, aber wir gehen unter, hinunter, Müll ins Meer zu kippen ist ein Verbrechen, ebenso Menschen hineinzuwerfen, aber der Richter erklärt: Das Verfahren wird eingestellt." (S. 399)

Große Mühe hatte ich auch mit den ellenlangen Sätzen und mühsamen Formulierungen, die ich zuerst der Übersetzerin anlasten wollte. Ich leiste allerdings Abbitte, nachdem ich ich mir das Original angeschaut habe, in dem Sätze wie dieser stehen:

"Lui però, prima, pare le avesse viste e ricopiate, quelle scritte, almeno alcune; anche quei nomi, si mormorava, nomi abietti e altolocati di collaborazionisti o comunque buoni amici dei boia, incisi sui muri delle luride latrine dalle vittime sulla soglia della morte e poi cancellati dalla calce – calce viva, bianca, innocente e bruciante sulla carne viva – e poi cancellati forse un’altra volta ancora dall’incendio nel suo capannone, da un fuoco distruttore che ripuliva ogni sozzura e restituiva una falsa innocenza alla più sordida e immonda infamia, a miserabili protetti per sempre dalla sparizione dei loro nomi dissolti nella calce e polverizzati nella cenere, illeggibili per i giudici umani, come quel magistrato che aveva dovuto concludere l’indagine sui crimini della Risiera quasi con un nulla di fatto; illeggibili forse pure per giudici più alti, anch’essi derubati di ogni materiale di prova e certo illeggibili per i figli di quegli assassini contumaci, ignari che quei loro nomi erano stati a suo tempo corrosi dalla calce o accartocciati dal fuoco; fieri anzi di portare quei nomi rispettabili e dei loro padri che li avevano portati anche quando le vittime – che essi avevano forse spinto o anche solo visto andare a una morte atroce e la cui sorte comunque non aveva turbato la loro indifferenza – li avevano scritti sui muri."

 

"Er scheint also diese Inschriften zuvor gesehen und abgeschrieben zu haben, zumindest einige; und auch diese Namen, wie gemunkelt wurde, ordinäre und hochstehende Namen von Kollaborateuren oder zumindest guten Freunden der Henker, eingeritzt in die dreckigen Abortwände von den Opfern an der Schwelle des Todes, und dann ausgelöscht vom Kalk – vom frischen, weißen, unschuldigen und auf dem lebendigen Fleisch ätzenden weißen Kalk – und später vielleicht zum zweiten Mal ausgelöscht durch den Brand in seinem Schuppen, durch ein zerstörendes Feuer, das jede Schmutzigkeit beseitigte und selbst der erbärmlichsten und niederträchtigsten Gemeinheit eine falsche Unschuld zurückgab, jenen Schurken, die nun für immer geschützt waren durch das Verschwinden ihrer im Kalk aufgelösten und in der Asche pulverisierten Namen, unleserlich gemacht für die menschlichen Richter, so wie für jenen Staatsanwalt, der die Untersuchung über die Verbrechen in der Risiera gleichsam ergebnislos einstellen musste; unleserlich vielleicht auch für höhere Gerichte, denen ebenfalls jedes Beweismaterial fehlte, und ganz bestimmt unleserlich für die Kinder dieser abwesenden Mörder, die nicht wussten, dass ihre Namen seinerzeit vom Kalk zerfressen oder vom Feuer verbrannt worden waren; ja, die vielmehr stolz darauf waren, diese ehrenwerten Namen zu tragen, und genauso stolz auf ihre Väter, die diese Namen auch getragen hatten, als die Opfer – welche sie vielleicht in einen schrecklichen Tod getrieben oder ihm zumindest ausgeliefert hatten, kurz: deren Schicksal ihnen wohl ziemlich gleichgültig gewesen war – diese Namen an die Wände geschrieben hatten."

Verfahren eingestellt : Roman / Claudio Magris. Aus dem Italienischen von Ragni Maria Gschwend. - München : Hanser, 2017. 400 S. - ISBN 978-3-446-25466-4 , fest geb. 25 €

Der vorliegenden Besprechung liegt die EBook-Ausgabe (ISBN 978-3-446-25604-0) zu Grunde, die mir der Verlag dankenswerter Weise im Rahmen meiner Reihe zu neueren Übersetzungen aus dem Italienischen zur Verfügung gestellt hat.

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