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img_20160929_160848 Terra incognita - hic sunt leones. Unbekanntes Land - hier sind Löwen. So steht es auf uralten Karten der noch nicht ganz erkundeten Welt. Bei Paula Fürstenberg sind es die geflügelten Tiger, die ihre Icherzählerin und Hauptperson Johanna auf einer Nachbildung der Ebstorfer Weltkarte (Link) gesehen hat. Johanna ist zwei Jahre vor der Wende in der Uckermark geboren. Nach der Schule hat sie die kleine enge Welt ihres Dorfes verlassen, in dem ihre Mutter als Tierpflegerin arbeitet. Anstatt zu studieren, wie ihre Mutter sich das gewünscht hätte, wird sie Straßenbahnfahrerin in Berlin. Ihr Vater , der kurz vor dem Mauerfall verschwunden ist, meldet sich plötzlich per Postkarte und möchte sie wiedersehen.

Sie findet ihn in einem Krankenhaus, wo er im letzten Stadium eines schweren Krebsleiden liegt. Dort trifft sie auch Antonia, ihre Halbschwester und Hilde, die Großmutter der beiden. Alle bleiben ihr seltsam fremd. Als sie endlich Fragen hat, die sie von ihrem Vater beantwortet haben will, wird dieser durch die Krankheit sprachlos.

Befragt sie die anderen Familienmitglieder, präsentiert jeder eine andere Version. Ihr ganzes Leben scheint ihr als Terra incognita, eine Familie der geflügelten Tiger. Ihre eigene Orientierungslosigkeit versucht sie mit dem Sammeln von alten Landkarten zu kompensieren. Anstatt eines eigenen Lebensweges fährt sie lieber auf den festen Schienen der Straßenbahn durchs Leben. Um Antworten zu bekommen, schreibt sie auf einer alten Schreibmaschine Stasiprotokolle selbst. Am Ende legt sie sich ihre eigene Wahrheit zurecht, mit der sie leben kann.

Paula Fürstenberg hat etwas zu erzählen. Sie nimmt uns mit in die Gedankenwelt der "Wendeverlierer", wie sie es ausdrückt. Ganz unaufdringlich und mit leichten Worten entwickelt sie vor unseren Augen eine Seelenlandkarte der jungen Nachwendegeneration. So hat man sich dem Thema DDR und Wiedervereinigung noch nicht genähert. Ein Buch, das ich gerne empfehle!

Familie der geflügelten Tiger. Roman / Paula Fürstenberg. - Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2016. - 1. Aufl., 235 S., fest geb. - ISBN 9783462048759 ; 18,99€

 

 

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Einmal Sizilien hin und zurück - "a sentimental journey" widerfahrnis

Reither, bis vor kurzem Verleger in einer Großstadt, nun in einem idyllischen Tal am Alpenrand, hat in der dortigen Bibliothek ein Buch ohne Titel entdeckt, auf dem Umschlag nur der Name der Autorin, und als ihn das noch beschäftigt, klingelt es abends bei ihm. Und bereits in derselben Nacht beginnt sein Widerfahrnis und führt ihn binnen drei Tagen bis nach Sizilien. [Klappentext]

Der gealterte, vereinsamte Verleger hat sich zurückgezogen. Er lebt in einem Wohnkomplex in idyllischer Natur, inklusive Rezeption und Restaurant. Das hört sich sehr nach betreutem Wohnen und Resignation an. Die Novelle, wie der Verlag als Genrebezeichnung angibt, setzt an, als der Icherzähler, Julius Reither, versucht, das was ihm widerfahren ist, zu Papier zu bringen. Als Verleger und Lektor ist er es gewohnt, jedes Wort auf die Goldwaage zu legen und gnadenlos zu streichen. Jedenfalls bei den ihm eingereichten Manuskripten und von ihm lektorierten Werken. Bei seiner eigenen Geschichte ist er gnädiger. Er muss feststellen, dass manches  nur auf eine Art ausgedrückt werden kann, auch wenn es kitschig oder abgedroschen klingt. Für den Leser ist es spannend mitzuerleben, wie Satz für Satz der Geschichte entsteht, samt den Gedanken des imaginierten Autors.

Und was für eine Geschichte! Was zuerst als ruhig dahin fließende Reisebeschreibung daherkommt, entwickelt, ja verwickelt sich immer mehr ins Unangenehme.

Zwei Personen, der abgehalfterte Verleger, der im Leben beinahe ein Kind gehabt hätte, und eine ehemalige Hutladenbesitzerin, deren Tochter sich vor kurzem das Leben nahm, treffen auf einander und reisen ein Stück ihres Weges zusammen. Ein Wort gibt das andere, ein Schritt den nächsten und so fahren sie ohne Plan und Ziel los. Erst nur zum Sonnenaufgang, dann zu einer schöneren Stelle für das Frühstück, dann nach Italien, dann noch ein Stückchen bis ans Meer - und so gelangen sie endlich bis nach Sizilien. Sie lassen sich treiben, lernen sich ein wenig kennen, später sogar etwas lieben.

Sizilien ist nicht nur der Scheitelpunkt der Reise, sondern auch der der Novelle. Ab da wird es kompliziert. In die frische Romanze platzt jäh die Gegenwart, in Form der in die Gegenrichtung aus Afrika Flüchtenden.

Mich hat die Geschichte sehr berührt. Durch den ruhigen und etwas spröden Erzählstil hatte ich Zeit, eigene Gedanken fließen zu lassen, wurde an eigene "Widerfahrnisse" erinnert. Bodo Kirchhoff vermittelt absolut glaubhaft die Gedanken und Gefühle seiner Figuren. Atemberaubend, wie wir wie in einer klassischen Tragödie zuschauen müssen, wie kleinste Handlungen in die Katastrophe führen. Fast möchte man eingreifen, wie Kinder, die beim Puppentheater Kasperl vor dem Krokodil warnen wollen.

Am Ende gelangen wir wieder zum Anfang, als Julius Reither beginnt, diese Geschichte zu Papier zu bringen. Ich blieb etwas ratlos zurück. Eine Fortsetzung wäre vorstellbar.

Widerfahrnis : eine Novelle / Bodo Kirchhoff. - Frankfurter Verlagsanstalt, 2016. - 224 S., ISBN 978-3-627-00228-2

siehe auch: http://www.deutscher-buchpreis.de/preisverleihung-2016/

 

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dretuer

"Zweiundzwanzig Zigaretten und was ich noch zu sagen hätte." So hätte das Buch von Katja Lange-Müller auch heißen können. Asta Arnold steht im Münchener Flughafen beim Standascher hinter einer Drehtür. Nach einem langen Flug aus Nicaragua kommend, wartet sie auf ihren Koffer, der wohl woanders gelandet ist. Die gealterte Krankenschwester, die lange Jahre in Nicaragua gearbeitet hat, wurde zuletzt von ihren Kollegen gemobbt und mit einem One-Way-Ticket nach Deutschland zurückgeschickt. Da steht sie nun, auch metaphorisch an einer Drehtür ihres Lebens. Will sie wirklich nach Deutschland und als arme Rentnerin leben? Oder könnte sie zurück nach Nicaragua, wo sie sich auskennt und für die Armen noch lange nützlich wäre?

Diese Gedanken kommen ihr nicht strukturiert und bewusst. Vielmehr beobachtet sie durch die Glasscheibe des Flughafengebäudes verschiedene Personen, die sie an Menschen aus ihrem Leben erinnert. Oft glaubt sie gar, es könnte wirklich der Mensch sein. Mit jedem verbindet sie eine wichtige Episode in ihrem Leben, das wir auf diese Weise kaleidoskopartig zusammensetzen können.

Katja Lange-Müller kann erzählen, soviel steht fest. Sie weiß ganz genau, wie sie die Worte einsetzen und sezieren muss, um bestimmte Stimmungen und Assoziationen beim Leser zu erzeugen. Wir lassen uns in den Gedankenfluss der Protagonistin hineinziehen. Mir kam es so vor, als lausche ich unfreiwillig einem Gespräch am Nebentisch und könne nicht weghören. Fasziniert und zugleich bestürzt, dass einen das doch eigentlich gar nichts angeht.

Spannend auch, wie sie Asta von außen in dritter Person beschreibt, ihre Gedanken aber übergangslos in der Ich-Form präsentiert. So habe ich das noch nie gelesen. Genauso meisterhaft der Einfall, die Geschichten mit der Drehtür hinauswehen zu lassen.

Am Ende kehrt Asta überstürzt durch die Drehtür zurück ins Gebäude und... Aber das werde ich nicht verraten.

Drehtür : Roman / Katja Lange-Müller. - Kiepenheuer&Witsch, 2016. - fest geb. ; 224 S. - ISBN 978-3-462-04934-3 ; 19,00€

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Aus dem Klappentext:

"Wir treffen Georg, einen Studenten der Musikwissenschaft und angehenden Komponisten, als er mit Mitte zwanzig eine neue Frau kennenlernt. Sie wird etwas in ihm lösen, mit ihr wird er ins Leben aufbrechen, Kinder bekommen und doch keine glückliche Ehe führen. Er wird sich fragen, woran das liegt, was sein autoritärer Vater damit zu tun hat, der ein Patriarch alter Schule ist und die Familie durch diverse Affären ruiniert, und er wird einen großen Schritt in eine neue Liebe wagen. Doch frei ist Georg nicht mehr, denn er bleibt Vater von drei Kindern, die am Ende zur Liebeskonstante in seinem Leben werden. Über sie wird er sich seiner selbst bewusst, und an ihnen hält er fest, als sich alles andere aufzulösen scheint."

Soweit der Plot. Faszinierend, ernüchternd und exemplarisch steht Kumpfmüllers Roman für die ganze Generation der Ende 1950, Anfang 1960 geborenen. Die in Frieden und Wohlstand aufgewachsenen Kinder der ziemlich orientierungslosen und aus den Traditionen gefallenen "Kriegskinder", die mit Wirtschaftswunder und sexueller Befreiung überfordert sind, reiben sich als Erwachsene verwundert die Augen, als sie feststellen müssen, welchen Ballast sie durch die unterschwelligen Verwundungen der Kindheit mit sich schleppen.

In der stetigen Suche nach dem kleinen oder großen Glück verbringen sie ein Leben, das nicht gelingen will. Die Unfähigkeit ihrer Eltern, zu kommunizieren, hat sie selber stumm gemacht. Entweder sie reagieren unerklärlich wütend, so wie Georgs Frau Jule, oder agieren bloß passiv, wie die Hauptfigur Georg. Zu einem wirklichen Glück kommt es auch in der Beziehung zur nächsten Generation nicht. Obwohl beruflich durchaus erfolgreich, schaffen sie es nicht zu einem selbst bestimmten, zufriedenen Leben.

Michael Kumpfmüllers Roman ist zu recht für den Deutschen Buchpreis vorgeschlagen. Dieses Buch wird nachwirken und späteren Generationen als historischer Bericht über die Nöte der Babyboomer dienen. Hoffen wir, dass es einen Ausweg aus dieser glücklosen Spirale gibt.

Die Erziehung des Mannes. Roman / Michael Kumpfmüller. - Kiepenheuer & Witsch, 2016. - fest geb., 320 S. - ISBN 9783462315622 ; 17,99

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Das wünschen wir uns alle: produktiv zu sein, den Alltag gut in den Griff zu bekommen - und trotzdem noch genug Zeit zu finden, um Freundschaften zu pflegen, Sport zu treiben, Hobbys nachzugehen und sich auszuruhen.

Winfried Hille will zeigen, wie es geht. Mit vielen schönen Zitaten aus Literatur und Wissenschaft zum Thema Zeit erklärt er zuerst das ambivalente Wesen der Zeit. Sie ist eben nicht nur eine wissenschaftlich festgelegte Konstante sondern auch eine psychologisch erlebbare, veränderliche Größe.

Dann geht er Kapitel für Kapitel alle Lebensbereiche durch und gibt Beispiele, wie man in diesem Zusammenhang Zeit gewinnt. Praktische Übungsvorschläge runden die Themenbereiche ab.

Hille geht es vor allem ums Loslassen und ums achtsame Wahrnehmen unserer Gegenwart. Die Qualität des bewusst erlebten Jetzt gibt uns erst die Möglichkeit, die Zeit zu dehnen und positiv zu erleben und zu erinnern.

Wer wird sich für dieses schöne Buch Zeit nehmen?  Wird der von Terminen gejagte Manager sich auf dieses Slow Book einlassen? Es ist zu hoffen. Wenn Sie jemanden kennen, der es nötig hätte, schenken Sie es ihm. Zusammen mit dem an dieser Stelle schon früher besprochenen Buches "Not Sorry" gewinnt man wertvolle Anregungen für ein selbst bestimmtes und damit zufriedeneres Leben.

Werden Sie sich Ihrer persönlichen Zeit bewusst und nutzen Sie sie für sich!

Slow : die Entscheidung für ein entschleunigtes Leben / Winfried Hille. - Gütersloher Verlagshaus, 2016. - ISBN 9783579086279. -  fest geb., 17,99 €

 

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