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Das Datenposter “Bibliotheken zählen! Berichtsjahr 2015” des hbz zeigt sich in neuem Design. Darauf zu finden sind wichtige Kennzahlen von Öffentlichen Bibliotheken, Wissenschaftlichen Bibliotheken, Fahrbibliotheken und Wissenschaftlichen Spezialbibliotheken.Wer Interesse daran hat, findet das Poster hier als PDF zum Download. Auch versendet das hbz Exemplare in Papierform.

über hbz: Datenposter veröffentlicht! — Nachrichten für öffentliche Bibliotheken in NRW

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img_20161116_085803Max Frisch: Mein Name sei Gantenbein

„Die dabei gewesen sind, die letzten, die ihn noch gesehen haben, Bekannte durch Zufall, sagen, daß er an dem Abend nicht anders war als sonst, munter, nicht übermütig.“ Erster Satz von M.Frisch „Mein Name sei Gantenbein“ Suhrkamp, 1974 (meine Ausgabe)

Mein Klassiker also. Wer käme bei der Frage nach seinem Klassiker schon auf den Gantenbein? Sicher - auch ich hätte viele im Gepäck, von denen ich glaubhaft schreiben könnte. Thomas Mann hat in mir die Faszination von Sprache geweckt („Das Gesetz“), Doris Lessing meine Haltung zum Feminismus herausgefordert („Das goldene Notizbuch“), Virginia Woolf fragte mich nach meinem eigentlichen Geschlecht („Orlando“), Hermann Hesse hat mich zutiefst verwirrt („Der Steppenwolf“). Das könnte ich noch fortführen.

Aber der Gantenbein ist und bleibt „mein Klassiker“.

Ich habe ihn mit 17 getroffen - äh, gelesen. Schullektüre - na klar. Was dieses Buch bei anderen deswegen per se disqualifizierte, hat mich nicht abgeschreckt. Es schien zu mir zu sprechen, mich zu kennen.

Dabei ist es ein Männerbuch! Ein männlicher Autor schreibt über einen Mann, der sich die mögliche Geschichte eines anderen Mannes zusammenfabuliert. „Ein Mann hat eine Erfahrung gemacht, jetzt sucht er eine Geschichte dazu...“

Was hat das mit mir zu tun? Einem 17jährigen Mädchen? Der Begriff „Frau“ passte damals noch nicht zu mir.

Zuerst einmal gefiel mir die Sprache. Ich las bei einem berühmten Autor, wie man assoziierend aus Wörtern Bilder formt, schreiben kann, ohne einen Gedanken zu Ende führen zu müssen. Das konnte ich sicher auch. Mein Leben schreibend formen. Ich war nicht ein Mann mit Erfahrung, zu der er sich eine passende Geschichte konstruieren muss, sondern ein Mädchen am Beginn eines Lebens, das sich aus Geschichten eine mögliche Identität zusammenreimen könnte. Darum ging es mir. Ich verfolgte Gantenbein mit offenem Mund und stellte mir vor, dass ich meine Geschichte auch schon vorweg ausdenken könnte. Eine erstaunliche Erlösung in einer pubertären Hilflosigkeit - nicht Fisch, nicht Fleisch - noch nicht entschieden. Wer bin ich denn? Wer könnte ich sein? Mein Name sei Gantenbein? War es so einfach?

„Es ist wie ein Sturz ... wie durch alle Spiegel, und nachher ... setzt die Welt sich wieder zusammen, als wäre nichts geschehen. Es ist auch nichts geschehen.“

Wenn ich das Buch jetzt nach mehr als 30 Jahren wieder hervornehme und darin einzelne Passagen lese, kann ich einerseits die Faszination der 17jährigen verstehen, andererseits den Kopf schütteln über die verschwurbelten Altmännerfantasien des Icherzählers. So ein Text dürfte heute nicht mehr so geschrieben werden.

Und dann die Liebe! Frisch erzählt von Liebe in vielerlei Facetten. Das wird mich genauso begeistert haben, ich weiß es nicht mehr genau.

Wichtig, damals und auch heute noch, ist mir geblieben, dass man Geschichten erzählen, fabulieren, alle Möglichkeiten zu Ende denken kann - und dann auch einfach wieder abbrechen darf, wenn man mit einer Geschichte nicht weiterkommt. Alles erlaubt in der Literatur - und im Leben. Max Frisch hat mir durch diesen Text eine unerhörte Freiheit geschenkt.

Deshalb ist es #MeinKlassiker.

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hool(überarbeitete Fassung vom 15.11.16)

Ich habe den Roman "Hool" von Philipp Winkler gelesen. Mir fehlen jedoch irgendwie die Bewertungskriterien für ein solches Werk, welches sich in den Kanon der von mir gelesenen Bücher schlecht einordnen lässt. Auf der einen Seite bin ich davon fasziniert - ein Roman, welcher bestimmt nicht so leicht in Vergessenheit gerät, weil er die Hooligan-Szene beschreibt, die uns normalerweise hermetisch verschlossen bleibt. Er hat es zu recht auf die Shortlist zum deutschen Buchpreis 2016 geschafft. Auf der anderen Seite ist es natürlich keine schöne Lektüre, die ich anderen Menschen gerne empfehlen würde. Ich denke da an meine Bücherei, in der vor allem nach Lesegenuss gesucht wird.

Während des Lesens habe ich oft Parallelen zum "Fänger im Roggen" gesehen. Auch hier ein "angry joung man", dem man fassungslos in eine eigene Welt folgt. Wer so wie ich vollkommen unbeleckt von Fußballbegeisterung und Gewalt ist, kommt aus dem Kopfschütteln nicht mehr raus.
Hat Philipp Winkler das eigentlich alles selbst erlebt? Hat er einfach nur gut recherchiert? Das geht eigentlich nicht, denn diese Szene lässt Blicke von Außenstehenden nicht zu. Beim Lesen hatte ich das Gefühl, da beschreibt einer sich selbst, sein Leben. Dann wiederum wundert man sich, wie jemand aus einem solch dumpfen, bildungsfernen Milieu einen solch eloquenten Roman hinbekommt. Schon zwischendurch wird allerdings klar, dass hier jemand nicht nur Fluchen kann, sondern auch poetisch mit Sprache umgeht. Vor allem gegen Ende des Buches wird die Sprache immer gepflegter. Da kommt dann doch der gebildete junge Mann aus dem Literaturseminar durch. (Siehe auch die untenstehenden Links zu den Interviews mit P. Winkler)
Überhaupt nimmt das Buch eine Wende.
Nachdem es am Anfang immer nur ums Hauen und Stechen und das abschließende Besäufnis geht, erfahren wir ab der Mitte in Rückblicken vom Familienleben der Hauptfigur, von den Enttäuschungen, der Suche nach Geborgenheit, dem hohen Wert der Freundschaft. Beeindruckend beschrieben, wie die Freunde langsam erwachsen werden und sich der Szene entziehen (durch Druck der Ehefrau, durch den neuen Job als verantwortungsbewusster Jugendtrainer, durch das Erlebnis einer schweren Verletzung). Nur Heiko, unsere Held, will es nicht wahrhaben, dass die Zeit zum Aufhören gekommen ist, dass er am Ende alleine kämpft.
Ich habe mich allerdings die ganze Zeit gefragt, woher nimmt der Junge das Geld für die Fahrten, die Fußballkarten, das viele Bier. Da bleibt einiges offen.
Doch, warum tun die das überhaupt?
Warum gibt es Menschen, vorzugsweise Männer, die sich anlässlich von Fußballspielen, abseits davon treffen, um sich gegenseitig die "Fresse einzuschlagen".
Philipp Winkler hat dazu einen erhellenden Gastbeitrag in der FAZ geschrieben, der es wert ist, in Gänze gelesen zu werden:

 „Verstehste eh nich, wenn de nich dabei bist.“ Und so bleiben wir zurück – draußen –, stellen uns selbst die Fragen und versuchen, sie zu beantworten. Zusammenhalt unter Gleichgesinnten. Kameradschaft. Vielleicht nicht ganz unähnlich der in einem Sportverein oder der freiwilligen Feuerwehr. Abwechslung vom drögen, eintönigen Alltag aus Vierzigstundenwoche, Dreischichtarbeit, Familie, Fernsehen und Neubausiedlung. Kämpfen als Ventil. Aggressionsausguss. Warum nicht in den Kickbox-Club in der nächsten Großstadt eintreten? „Da bin ich schon drin.“

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/nach-em-krawallen-einblick-in-die-hooligans-szene-14306789.html

Ich versuche grundsätzlich in meinen Blogbeiträgen zuerst meinen eigenen Eindruck und meine Bewertung niederzuschreiben, bevor ich mich unter den Rezensionen der anderen umschaue. In diesem Fall habe ich es auch so gemacht. Wegen meiner Hilflosigkeit gegenüber dem Thema, möchte ich aber hier schon ein paar Links anfügen.

eine gelungene Analyse von Michael Pilz in der Welt

"Philipp Winkler hat das vielleicht größte deutsche Märchenbuch geschrieben, das sich heute schreiben lässt. Wäre er Heiko Kolbe, würde er jedem, der sein Buch liest, das Gläschen mit dem Grauburgunder aus den Fingern hauen und die Nase brechen."

Hool : Roman / Philipp Winkler. - Aufbau-Verl., 2016. -  ISBN 978-3-351-03645-4 ; 19,95 €

Eine Fundgrube für Ideen...

Sehr empfehlenswert als Hörbuch. Demnächst auch in Oedekoven.