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... ein Sachbuch mit vielen Jahreszahlen und Fakten. Aber Geert Mak schafft es, uns sofort mit hinein zu ziehen. Schon auf den ersten Seiten lässt er uns teilhaben an seiner Begeisterung, dass hier eine Familie über so viele Jahre nicht wirklich umgezogen ist und in einem Haus mit mehr als vierzig Zimmern ihre Geschichte, die der Stadt Amsterdam und die der Niederlande bewahrt hat. Und es ist kein Museum - hier wird gelebt.

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Es gibt kein Leben, das nicht,
Und sei es auch nur für einen Moment,
Unsterblich gewesen ist.
WisŁawa Szymborska

Dieses Zitat stellt Geert Mak seinem Opus über die 12 Generationen einer Amsterdamer Familie voran.

"Six van Hillegom heißen sie offiziell, und die ältesten Söhne tragen – fast – alle den Namen Jan. Das ist eine Tradition, die 1618 mit dem Stammvater begann, mit Jan Six – Tuchfärber, Dichter, Kunstliebhaber, Bürgermeister der Stadt Amsterdam, ein Freund Rembrandts und des Dichters Joost van den Vondel. Der heutige Hausherr ist der zehnte Jan Six. Sein Sohn, Kunsthändler, ist der elfte, und den zwölften Jan Six gibt es auch schon, ein strahlendes Bürschchen in einem Buggy."

Dieses 512 Seiten lange und schwere Werk ist ein Sachbuch mit vielen Jahreszahlen und Fakten. Aber Geert Mak schafft es, uns sofort mit hinein zu ziehen. Schon auf den ersten Seiten lässt er uns teilhaben an seiner Begeisterung, dass hier eine Familie über so viele Jahre nicht wirklich umgezogen ist und in einem Haus mit mehr als vierzig Zimmern ihre Geschichte, die der Stadt Amsterdam und die der Niederlande bewahrt hat. Und es ist kein Museum - hier wird gelebt. Und genauso kommt die Geschichte daher.

"Drinnen duftete es nach Kaffee, vermischt mit einem Hauch von Bohnerwachs. Ich betrat einen breiten Flur, unten im Haus. An der gefliesten Wand hörte ein Bauer nicht auf, friedlich zu pflügen, Papageien kreischten und plapperten, die Uhr stand für alle Zeit auf halb elf, die schwarzen Hände einer Lampe hielten das Licht empor. An den Wänden, ein Stück weiter, querformatige Stiche..."

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Foto: E. Mager

Geert Mak kann erzählen - nicht nur auf Lesungen, wie ich ihn zuletzt im Ehrengast-Pavillion der Frankfurter Buchmesse erlebt habe, sondern auch auf dem Papier. Das haben zum Glück auch seine Übersetzer Gregor Seferens und Andreas Ecke verstanden, ins Deutsche zu transportieren.
Anhand der vielen Fundstücke, die Mak im Haus der Familie Six in die Hand nehmen darf, erzählt er von Aufschwung und Niedergang, von Eheglück und Ehefrust, von Trauer und Not über geborene und früh verstorbene Kinder. Aber auch davon, dass es immer wieder bergauf ging. Die Familie Six hatte immer auch Einfluss im politischen Geschehen der Stadt - mal mehr, mal weniger. Es sind übrigens nicht nur die Männer, über die Mak zu berichten weiß. Wir erfahren auch eine Menge über die Frauen der Sixe. Besonders gefallen hat mir die Beschreibung Lucretias im 19. Jahrhundert.

Warum könnte uns die Biographie einer Amsterdamer Familie überhaupt interessieren? - Weil sie auch die Geschichte Europas und der Welt enthält. Weil wir viel über die allgemeinen Lebensumstände erfahren - auch die der einfachen Leute. Weil wir viel über die Hintergründe für die heutige Stellung der Niederlande in der Welt erfahren. Ich hatte so manches Aha-Erlebnis!

Ich empfehle dieses Buch all denen, die sich gerne mit Geschichte, Lebensgeschichten und Generationenfragen beschäftigen. Allen Liebhabern der Niederlande und der Stadt Amsterdam sei es als Pflichtlektüre sehr ans Herz gelegt.

Überdies ist es ein ausgesprochen schönes Buch geworden. Sehr sorgfältig gesetzt, gebunden und mit einem Lesebändchen versehen. Vielen Dank dafür an den Siedler-Verlag.

Schade nur, dass so wenige Illustrationen enthalten sind. Die wenigen, die es als Vignetten zu den Kapiteln ins Buch geschafft haben, sind sehr klein und in schwarz-weiß gehalten. Hier könnte ich mir sogar einen Zusatzband in der Art eines Ausstellungskatalogs vorstellen, der die vielen Gegenstände und Bilder enthält, die Geert Mak so fasziniert im Haus der Sixe in die Hand nehmen durfte.

Über Leben und Werk des Journalisten und Historikers Geert Mak finden sich viele Informationen auf seiner dreisprachigen Internetseite http://www.geertmak.nl

Hier ein Interview mit Geert Mak zum neuen Buch vor der Frankfurter Buchmesse: SR 2 - "Die vielen Leben des Jan Six"

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Die vielen leben des Jan Six : Geschichte einer Amsterdamer Dynastie / Geert Mak. Aus dem Niederländischen von Gregor Seferens, Andreas Ecke. - Siedler, 2016. - Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 512 S. und Abb. - ISBN: 978-3-8275-0087-8 - 26,99

Ein tolles, aufrüttelndes Buch für Jugendliche - aber nicht nur. Auch und gerade für Menschen wie mich, die sonst nichts mit diesen Themen zu tun haben, ist es ein wichtiges Beispiel für Verdrängung, Wegsehen, Verharmlosung von Nöten junger Menschen. Wir sollten mehr auf die kleinen Anzeichen von krankmachender Angst schauen. Selbst Jugendliche in scheinbar intakten Verhältnissen sind betroffen.

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Bild-Quelle

Im Herbst bin ich auf "gegessen" von Sonja Vukovic aufmerksam geworden und habe es mir als Rezensionsexemplar erbeten. Ich dachte an die Zielgruppe der jugendlichen Leser und Leserinnen in unserer Bücherei. Gerade in der Pubertät haben ja viele Probleme mit ihrer Selbstwahrnehmung, vergleichen sich ständig mit ihren Klassenkameraden und geraten da auch schon mal auf Irrwege wie Magersucht und Bulimie. Dann habe ich die Lektüre vor mir hergeschoben. Da ich wusste, dass die Autorin ihre eigene Geschichte aufgeschrieben hat und vorher ein Buch über Christiane F.  veröffentlicht hatte (s.a. F.Foundation), befürchtete ich drastische Schilderungen aus einem abstoßenden Milieu. Andere, vermeintlich sanftere Bücher lagen noch auf meinem Stapel ungelesener Bücher und lockten mich mehr. Dann kam die Buchmesse, Zeit verging...

Ich nahm also erst kürzlich das Buch wieder zur Hand und wurde zunächst in meiner Befürchtung bestätigt: gleich zu Beginn eine ziemlich ekelige Beschreibung von Erbrechen und Sauerei im Badezimmer, von der Autorin mit "Prolog" überschrieben.

Doch dann wurde ich vom Buch regelrecht überrascht - und wiederum auf ganz andere Weise verstört. Hier ist eine junge, hübsche Frau mit einem halbwegs normalen Elternhaus, deren Leidenschaft es ist, zu schreiben. Schon in der Schule jobbt sie als Lokalreporterin für die "Rheinische Post" und bekommt ein Bundesstipendium für ein Austauschjahr in den USA. Dort ist sie just im September 2001 und wird gebeten hautnah zu berichten, wie die Amerikaner das Attentat in New York erleben. Eine ganz normale Jugendliche also mit wunderbaren Aussichten, etwas sinnvolles und erfüllendes mit ihrem Leben anzufangen.

Und währenddessen frisst und kotzt sie heimlich, weil sie glaubt, sie könne so ihren unbändigen Hunger nach wer weiß was stillen und gleichzeitig schlank bleiben. Sie begibt sich in eine Therapie und später sogar in eine geschlossene Wohngruppe, um gegen ihre Störung anzukämpfen. Aber so wirklich gesteht sie sich selbst nicht ein, dass etwas zutiefst falsch läuft. Man ahnt, dass es etwas mit der unheilvollen Beziehung zu ihrem Sportlehrer zu tun hat, zu dem sie schon mit 13 ein Vertrauensverhältnis aufbaut, welches dieser schamlos sexuell ausnutzt. Sie wird ihm hörig und findet selbst keinen Weg aus dieser Falle. Das einzige, was sie kontrollieren kann, ist ihr Gewicht und Essverhalten.

Nach einem Umzug nach Berlin, wo sie ein Volontariat beim "Spiegel" antritt, während sie ein Studium bei der Fernuni Hagen beginnt, lernt sie wieder einen Mann kennen, mit dem nun alles anders scheint. Aber auch hier wird sie in ganz anderer Weise ausgenutzt und merkt es nicht.

Ihre Eltern helfen ihr, den Sportlehrer zu verklagen. Ein mühevoller und aufreibender Gang durch mehrere Instanzen. Aber erst durch eine Reportage zum Thema Sucht und ihre journalistische Frage "Was macht eigentlich Christiane F.?", dringt sie zum Kern ihres Problems vor. Sie kann sich endlich von ihren Ängsten und ihren Süchten befreien, indem sie sie annimmt und sich zu ihnen bekennt. Sie lernt in dieser Phase ihres Lebens endlich einen Mann kennen, der sie nicht ausnutzt und mit dem sie eine kleine Tochter bekommt. Auch mit ihrem Vater, der selbst Alkoholiker ist, kann sie eine neue Beziehung aufbauen.

Ein tolles, aufrüttelndes Buch für Jugendliche - aber nicht nur. Auch und gerade für Menschen wie mich, die sonst nichts mit diesen Themen zu tun haben, ist es ein wichtiges Beispiel für Verdrängung, Wegsehen, Verharmlosung von Nöten junger Menschen. Wir sollten mehr auf die kleinen Anzeichen von krankmachender Angst schauen. Selbst Jugendliche in scheinbar intakten Verhältnissen sind betroffen.

Und wir lernen auch: jede Sucht ist eine Krankheit und kein Charakterfehler!

gegessen : wer schön sein will, muss leiden, sagt der Schmerz ... / Sonja Vukovic. - Lübbe, 2016. - Originalausg. - 284 S.; Fotos. - ISBN 978-3-7857-2577-1 kartoniert, 15 €

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nelen

Sie hat es einfach drauf! Nele Neuhaus weiß, wie Spannung funktioniert. Auch im neuen Thriller „Im Wald“ schafft sie es, mich tagelang zu fesseln. Das Buch ist mit 560 Seiten ein ziemlicher Brocken und wird gerade die begeistern, die zügig lesen und Bücher verschlingen. Hier hält das Lesevergnügen einmal etwas länger an.

„Im Wald“ ist schon der achte Fall Oliver von Bodensteins. Scheinbar will die Autorin bald das Personal wechseln, denn Bodenstein muss nur noch diesen einen Fall bearbeiten, bevor er sich eine längere Auszeit gönnen darf. Er ist müde und etwas ausgebrannt - ob er wieder zurückkommt bleibt offen. Seine Kollegin Pia Sander ist eine geeignete Nachfolgerin für den Job. Aber auch ein anderer Kollege ist ein möglicher Kandidat für die Leitung des K11. Eine schwierige Situation für das Team.

Nur noch dieser Fall! Was anfangs nach simpler Brandstiftung aussieht, entpuppt sich als Mord. Und wie bei einem kleinen Glutnest, das zu einem riesigen Flächenbrand werden kann, zieht eine Tat die nächste nach sich. Ein ganzes Dorf gerät in Verdacht. Die Anfänge reichen mehr als 40 Jahre zurück und haben, wie sich im Laufe der Handlung herausstellt, auch ganz viel mit Oliver von Bodenstein selbst zu tun.

Neuhaus hat sich die Mühe gemacht, die Psychologie eines Dorfes herauszuarbeiten. Die Personen haben alle ihre eigenen Beweg- und Abgründe, die uns hier sehr plausibel vorgestellt werden. Jeder ist verdächtig, jeder verdächtigt jeden. Nach jedem weiteren Todesfall wächst die Angst. Wer ist der nächste?

Hat alles wirklich damit zu tun, dass vor fast einem halben Jahrhundert ein kleiner Junge und ein zahmer Fuchs verschwanden? Kommissar von Bodenstein entdeckt, dass er selbst mitten drin steckt, denn es handelt sich um seinen Fuchs Maxi und seinen kleinen Freund Artur. Und er gibt sich die Schuld für das, was auch immer mit Artur passiert sein mag, weil er in an diesem Abend nicht nach Hause begleitet hat. Vieles, was er über die Jahre erfolgreich verdrängt hat, kommt wieder hoch und lässt ihn als hauptverantwortlichen Ermittler untauglich werden. Pia Sander übernimmt die Leitung des Falls und kann schon mal zeigen, ob sie sich für die Übernahme der Abteilung eignet.

Ich kann dieses Buch wärmstens empfehlen. Neuhaus-Fans werden es sicher schon verschlungen haben, aber auch alle anderen, die Spannung und Nervenkitzel für lange, gemütliche Leseabende suchen, sind hier bestens bedient.

Im Wald : Kriminalroman / Nele Neuhaus. - Ullstein, 2016. - 560 S. - ISBN 9783550080555 22 €