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Menschliche Regungen - 65 Gefühle von 11 Menschen in einem Haus
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Ein Kosmos menschlicher Regungen in einem vierstöckigen Genossenschaftshaus in Zürich. Acht Mietparteien und eine Gästewohnung. Hier lebt die fünfjährige Mona mit ihrer Mutter, hier lieben sich Pit und Petzi, gerade erst von zu Hause ausgezogen,  hier bereiten sich Herr und Frau Wyss auf das Lebensende vor. Außerdem ist da noch der allein lebende Herr Brechbühl und ein paar andere mehr oder weniger normale Personenm - wie aus dem Leben gegriffen.

Halten Sie kurz inne und stellen Sie sich vor, was da alles zutage tritt, was man da alles erzählen könnte.

Genau das macht Tim Krohn. Zuerst hat er ein Archiv menschlicher Regungen angelegt. Mehr für sich und seinen Fundus für gute Geschichten. Doch dann brauchte er Geld für ein behindertengerechtes Bad für seine alte Mutter. Er startete eine Crowdfundingaktion, bei der er seine Geschichten für Geld anbietet. Die menschlichen Regungen, von Aalglätte bis Zynismus, kosten je nach Aufwand und Beigaben von 250 € (ohne zeitliche Frist, die Geschichten werden in der Reihenfolge ihrer Bestellung bearbeitet. Da Band 4 bereits voll ist, kann es 2019 werden, bis die Geschichte geschrieben ist) bis zu 5000 € (wenn du uns mit Begleitung deines Partners / deiner Partnerin zu einem einwöchigen Schreibworkshop in unserem Haus im Münstertal besuchen möchtest, plus Abschlusslesung für eure eingeladenen Freunde vor Ort, an der ihr und ich lest. Ausserdem erhältst du fünf gewidmete Exemplare des Bands, in dem deine Geschichte erscheint.) 

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Die ersten 65 Regungen sind schon in jeweils einer Episode verarbeitet und in den ersten veröffentlichten Band verpackt, der seit Februar 2017 im Handel ist. Weiter Bände folgen. Das Projekt läuft noch.

Krohn bittet seine Leser und Leserinnen zum gewählten Begriff noch drei x-beliebige Wörter oder auch Zahlen dazu zu geben, damit er daraus die Geschichte entwickeln kann. Das erinnert mich an den Deutschunterricht in der Grundschule, wo wir aus einem vorgegebenem Anfangssatz eine Geschichte schreiben sollten.

Herausgekommen ist ein Episodenroman, der wie in einer ewig fortgeführten Vorabendserie, immer neue Geschichten mit dem vorhandenen Personal erzählt. Die auftretenden Typen werden uns schnell bekannt mit ihren Schrullen und Eigenarten. Das Mietshaus bietet durch allfällige Konflikte und Begebenheiten viele Anknüpfungspunkte zwischen den Parteien. Das liest sich nett und unterhält. Für diejenigen, die den jeweils Titel gebenden Begriff ausgewählt haben, ist es bestimmt aufregend, nun persönlich mit einem Buch in Verbindung zu stehen. Ihre namen sind am Ende des Buches aufgeführt. Für die Episoden selbst ist der Begriff meist unerheblich. Die Geschichte wird weitergesponnen, die menschliche Regung darin verarbeitet, jedoch so subtil, dass ich regelmäßig zurückblättern musste, um mich überhaupt an den Begriff zu erinnern.

In jedem Satz kann man die unbändige Fabulierlust des Autors spüren. Er ist ein Geschichtenerzähler alten Schlages aus Zeiten, da man abends noch am Küchentisch zusammen saß, weil es das Fernsehen noch nicht gab.

Obwohl das Buch natürlich auf Hochdeutsch vorliegt, "hört" man beim Lesen ab und zu das Schweizerische durch. Es hat einen anderen Rhythmus und immer wieder auch andere Wörter.  Mich hat es sehr gut unterhalten. Abseits der etwas sonderbaren Crowdfundingaktion könnte ich mir Tim Krohn als Autor weiterer spannend erzählter Bücher mit etwas mehr Tiefgang gut vorstellen. (weitere Titel: Nachts in Vals (2015) und Aus dem Leben einer Matratze bester Machart (2014))

Herr Brechbühl sucht eine Katze : Roman / Tim Krohn. - (Menschliche Regungen ; Band 1). - 480 S. - Berlin: Galiani, 2017. - ISBN 978-3-86971-147-8 ; 24 €

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Ein menschlicher Blick auf Sterbebegleitung und gelingendes Leben. Pásztor: Und dann steht einer auf...

9783462048704Diesmal war es eindeutig der Titel, der mich auf das Buch aufmerksam werden ließ. Er brachte in mir etwas zum Klingen. Hören Sie das auch?

"Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster."

Es gibt so viele Situationen, wo man keine Worte mehr hat, wo der Mensch mit seinem Latein am Ende ist. Eine bedrückende Stille ... und dann steht einer auf ...

Ich stellte mir vor, dieses Buch müsste so ähnlich sein. Als ob mal jemand einfach ein Fenster aufmacht.

Nun, es ist ein Roman und er spielt im Milieu der Sterbehilfe und Hospizvereine. Es geht um Tod - und um den persönlichen Umgang damit. Ein Thema, dass man nicht unbedingt mit Belletristik in Verbindung bringt. Doch Susann Pásztor ist es genial gelungen, dieses schwere und bedrückende Thema in eine Geschichte einzubinden, die äußerst locker und unterhaltsam daherkommt.

Es treten nur wenig Personen auf, die uns alle auf irgendeine Weise schnell vertraut werden und allesamt sympathisch sind. Fred Wiener, Ende vierzig und leicht übergewichtig, ist alleinerziehender Vater von Philipp, 13 Jahre, zu klein für sein Alter, der lieber Gedichte schreibt, als mit Gleichaltrigen abzuhängen. Phil, wie er neuerdings genannt werden möchte, hat einen Freund, Max, das reicht ihm völlig. Seine Mutter lebt mit neuem Ehemann auf einer Farm in Schottland, wo Phil die Ferien verbringen muss, obwohl ihm Natur und Tiere nicht ganz geheuer sind.

Karla Jenner-García lebt allein in einem Mehrparteienwohnhaus. Ihre Kontakte beschränken sich auf gelegentliche Begegnungen im Treppenhaus mit dem Hausmeister, Leo Klaffki, und Rona, eine Serviererin aus dem Café nebenan, die ihr ungefragt Tüten mit Lebensmitteln vor die Haustür stellt.

Karla leidet an Krebs im Endstadium und Fred wird ihr "ambulanter Sterbebegleiter". Fred hat dazu einen Kurs absolviert und nun seinen ersten Einsatz. Die Handlung beginnt mit der ersten Begegnung der beiden. Karla ist keineswegs ein umgänglicher Mensch. Sie weiß, dass sie in absehbarer Zeit sterben wird und hat keine Lust, sich in irgendeiner Weise zu verstellen oder höfliche Konversation zu betreiben.

"»Herr Wiener? ... Darf ich Sie fragen, warum Sie das machen? Was bringt Sie dazu, fremde Leute zu besuchen, die bald sterben werden?« ... »Ich hab mal eine Fernsehsendung über Hospizarbeit gesehen«, sagte er. »Ich wusste sofort, dass ich das auch machen wollte.«
» Nehmen die denn jeden?« ...

»Was ich davon habe? Vielleicht möchte ich lernen, es auszuhalten, dass Menschen sterben.«

»Sie wollen das erst lernen? Sie können das noch nicht?«, fragte Karla. ...

»Es ist mein erstes Mal.« ...

«Was für ein Zufall. Bei mir ist es auch das erste Mal.«"

Hier treffen also Charaktere aufeinander, die aus ganz verschiedenen Welten kommen. Karla kann man sicher zu den Altachtundsechzigern zählen, die früher auf Rockkonzerten abgehangen haben. Fred dagegen lebt ein ziemlich biederes Leben und hat Klaras spitzen Kommentaren nicht viel entgegenzusetzen. Sie passen also überhaupt nicht zusammen. Klara zieht sich zurück, Fred muss diese Niederlage in seiner Hospizgruppe schmerzlich aufarbeiten.

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Susann Pásztor während einer Lesung auf der Leipziger Buchmesse 2017  ©e_mager

Hier wäre die Geschichte schon am Ende, wäre da nicht Phil, der zu Klara einen ganz anderen Zugang findet. Und das macht den Roman zu etwas ganz Besonderem. Wir begleiten die so ganz verschiedenen Personen und wie sie aneinander wachsen und sich entwickeln. Vom Fortgang der Handlung will ich nichts weiter verraten, aber wie Susann Pásztor es schafft mit Leichtigkeit und sicherem Gespür für echte Dialoge am Thema dranzubleiben, ist bewundernswert.

Ihre Erzählform ist die dritte Person, die Kapitel für Kapitel die Sicht des jeweiligen Protagonisten einnimmt. Zwischen die Kapitel werden Listen von Karla eingestreut, in denen sie nach Art eines Gedankenprotokolls frei assoziert.

Lesen Sie dieses Buch! Keine Angst vor dem schweren Thema! Es ist Zeit, das Thema Alter, Tod und menschenwürdiges Sterben nicht weiter auszuklammern und zu verschweigen. Je mehr wir uns alle damit beschäftigen, um so leichter wird es in Zukunft sein, Hilfe zu finden und anzubieten.

Ein Roman, in dem es auch viel zu lachen gibt, kommt da gerade recht.


Ich hatte das große Vergnügen, Frau Pásztor persönlich auf der Leipziger Buchmesse zu treffen. Sie las einige Passagen aus ihrem Buch und erzählte ansonsten frei von ihren eigenen Erlebnissen. Sie hat nämlich genau wie Fred Wiener einen Kurs zur ehrenamtlichen Sterbebegleitung gemacht und kann deshalb so authentisch und unverkrampft berichten.  (Link)

Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster. Roman / Susann Pásztor. - 1. Aufl.  - Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2017. - 285 S., fest geb., ISBN 978-3-462-04870-4 , 20,00 €

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