Springe zum Inhalt

Silvia von Leckere Kekse stellt ein zweisprachiges Lesebuch für Italienisch-Einsteiger:

https://leckerekekse.de/wordpress/zweisprachiges-buch-italienisch-einsteiger/

blogtour_Bellaitalia

5

Zeitungsbranche, Kunstbetrieb, Bauskandale - ein Sittengemälde Berlins zwischen den Kriege
Kaesebier erobert den Kurfürstendamm von Gabriele Tergit

Ein Hype, Merchandising, eine Blase ... von den Machenschaften in der Zeitungsbranche, Pfusch am Bau, schnelles Geld auf Kosten anderer, davon und von noch viel mehr handelt das Buch von Gabriele Tergit: "Käsebier erobert den Kurfürstendamm".

In atemloser Sprache, so schnell geschrieben wie gesprochen - meist sind es Dialoge oder die Schilderung der Ereignisse im Telegrammstil. Berliner Schnauze wechselt ab mit dem dünkelhaften Getue der High Society.

Der Plot ist so einfach wie verblüffend. Aus Verlegenheit, unbedingt auf der ersten Seite einer Berliner Tageszeitung einen Aufhänger zu bringen, wird über einen stümperhaft singenden Schlagersänger - mit Namen Käsebier - berichtet, als wäre es Caruso persönlich. Eine Welle der Werbung, der Vermarktung bis hin zum Bau eines eigenen Theaters für Käsebier am Kurfürstendamm, wird losgetreten. Das Gemauschel, die Absprachen, die Profiteure, man kann es sich lebhaft vorstellen. So läuft es ab hinter den Kulissen der Macht und der Kommunalpolitik. Man denke nur an den neuen Berliner Flughafen und andere verpfuschten Projekte der letzten Zeit.

Aber - die ganze Chose spielt 1929 folgende, geschrieben von einer jungen Gerichtsreporterin, veröffentlicht 1931! Nicht zu fassen, wie aktuell dieser alte Roman ist.

Ein Leckerbissen auch für Kulturhistoriker und alle, die gerne lebendig über vergangene Epochen lesen. Hier wird ein pulsierendes Berlin am Ende der "roaring twenties" geschildert, das ich noch nie so plastisch woanders gefunden habe. Alles ist eben aus erster Hand!

© Jens Brüning

Dem Schöffling-Verlag ist es zu verdanken, dass der Roman, der zu seiner Zeit sehr erfolgreich war, in den 50iger Jahren aber ziemlich schnell wieder in der Versenkung verschwand, wieder ans Licht gehoben wurde. Unbedingt lesenswert, sehr unterhaltsam und nachdenklich machend. Leben wir in ähnlichen Zeiten?

Mein Interesse an der Autorin wurde geweckt durch meine Entdeckungen in der Bibliothek meines Vaters. Näheres dazu unter #VatersBuch

Gabriele Tergit (1894–1982), Journalistin und Schriftstellerin, wurde durch ihre Gerichtsreportagen bekannt. Sie schrieb drei Romane, zahlreiche Feuilletons und Reportagen sowie posthum veröffentlichte Erinnerungen. Im November 1933 emigrierte sie nach Palästina, 1938 zog sie mit ihrem Mann nach London. Dort wählte sie 1957 das PEN-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland zum Sekretär, ein Amt, das sie bis 1981 innehatte. (Autorenportrait - Schöffling)

Eine ausführliche Würdigung des Buches hat Maike Albath auf den Seiten des Deutschlandfunks vorgelegt.

Gabriele Tergit: "Käsebier erobert den Kurfürstendamm"
Roman. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Nicole Henneberg,
Schöffling, Frankfurt 2016, 398 Seiten, 24,95 Euro.

auch als Taschenbuch bei btb oder als eBook

25

#VatersBuch - oder wie man sich eine ganze Bibliothek erschließt.

IMG_20170606_200830

Kürzlich habe ich den Großteil der Bücher übernommen, die mein Vater (81) im Laufe seines Lebens gesammelt hat. Sein Wunsch an mich war es, diese Bücher in guten Händen zu wissen, bevor er stirbt. Er hatte berechtigte Angst, dass seine Sammlung ansonsten irgendwie zerstreut oder auf dem Müll landen würde.

Nun hat er das Glück, eine Tochter zu haben, die sowohl "vom Fach" ist, als auch genügend Platz hat, um mehrere tausend Bücher aufzustellen. Wir mussten mit unserem VW-Bus zweimal zwischen Bonn und dem Westerwald pendeln, um diese Massen abzuholen.

Und dann dauerte es etwa eine Woche, bis alle Regale standen und alle Werke einzeln per Hand in alphabetischer Reihenfolge (bei der Belletristik) oder passendem Sinnzusammenhang (bei der Sachliteratur) gebracht waren. Gar nicht so einfach; Kollegen wissen was "schieben" bedeutet.

Nun stehen sie da, schön geordnet, alt - da meistens antiquarisch auf Flohmärkten erworben - und mir größtenteils unbekannt. Natürlich sind auch Wiederentdeckungen dabei, vor allem bei den illustrierten Werken, die ich als Kind unendliche Male durchgeblättert habe. IMG_20170612_175921Besonders wichtig damals "Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde" von Gustav Fochler-Hauke und Helmut Bibow. Nichts religiöses, sondern eine ausführliche Evolutionsgeschichte vom Urknall bis zur Entwicklung des Menschen - von 1956. Wenn ich solche Bücher jetzt wieder in die Hand nehme, läuft mir im ersten Moment ein Schauer über den Rücken. Die ersten Berührungen mit Büchern aus meiner Kindheit werden lebendig.

Um nun auch die anderen Bücher und vor allem die Autoren und ihre Geschichten näher kennen zu lernen, habe ich mir ein besonderes Projekt ausgedacht. Ich werde fast täglich eine Autorin oder einen Autor herausnehmen und mit Bild (vom Buch) und mindestens einer informativen Seite aus dem Internet auf Twitter posten. Und zwar unter dem bisher noch nicht benutzten Hashtag #VatersBuch. Diese Seite drucke ich auch aus und lege sie dem ersten Buch bei. So erhoffe ich mir, nach und nach eine gut dokumentierte und fast wissenschaftliche Bibliothek des 20. Jahrhunderts mein Eigen zu nennen.

Vielleicht macht es Euch Spaß, mit mir gemeinsam in Vergessenheit geratene Schriftsteller wieder zu entdecken. Ich freue mich auf Eure Kommentare!

4

Ingrid Bergmann - Filmgeschichte und persönliche Einblicke: ein Leben wie im Film.

IMG_20170607_104853
"Die Schwedin Ingrid Bergman (1915–1982) zählt zu den wenigen weiblichen Weltstars des Kinos. Zu ihren bekanntesten Filmen gehören Klassiker wie "Berüchtigt" von Alfred Hitchcock, "Das Haus der Lady Alquist", "Casablanca", "Wem die Stunde schlägt", "Die Kaktusblüte" oder "Herbstsonate". Im Lauf ihrer fast 50-jährigen Karriere erhielt sie drei Oscars. Doch das glanzvolle Schauspielerleben hatte auch eine brüchige Seite." (Klappentext)

Thilo Wydra (www.thilowydra.de) hat ein ergreifendes Buch zu einer großen Schauspielerin und eigensinnigen Frau geschrieben.

Die sorgfältige Aufmachung des voluminösen Bandes kann sich sehen lassen. Ein klares Druckbild, roter Leineneinband, rotes Lesebändchen. Alle Seiten weisen im Kopf die jeweilige Kapitelüberschrift in bordeauxfarbener Schrift aus. Wie im Film gibt es einen Vor- und einen Abspann. Ausführliche Anmerkungen, eine Filmographie und ein Personenregister runden das spannend zu lesende Werk ab.

Wie der Autor in einer persönlichen Nachbemerkung schreibt, war es gar nicht so einfach, überhaupt an Material über Ingrid Bergmann heranzukommen. Ihr Familie "verwehrte sich erst jeder Gesprächsanfrage". Der gesammelte Nachlass liegt, nicht öffentlich zugänglich, in 187 Kisten in den "Wesleyan Cinema Archives". Erst als der Autor den Kontakt zu ältesten Tochter Ingrid Bergmanns, Pia Lindström, fand, öffnete sich auch der Rest der Familie für Interviews und Gespräche - und natürlich auch die Kisten.

Das Buch beginnt um 1900 mit der bezaubernden Liebe von Ingrids Eltern, die viel Geduld haben mussten, bis sie sich endlich haben durften. Die deutsche Friedel Adler und der schwedische Justus Bergmann hatten es sehr schwer, ihre Eltern für diese Verbindung zu erwärmen. Sieben Jahre dauerte das Werben und der Austausch von Postkarten, Telegrammen und Briefen bis die beiden 1907 endlich heiraten durften. Im August 1915 wurde Töchterchen Ingrid geboren. Drei Jahre später schon stirbt die Mutter an einer unheilbaren Gelbsucht. Ingrid hat keine eigenen Erinnerungen an sie. Mit 14 Jahren stirbt auch ihr Vater im Alter von nur 58 Jahren an Magenkrebs. Bis zur Volljährigkeit lebt Ingrid in Stockholm bei verschieden Verwandten, die Sommerferien verbringt sie immer in Hamburg im Hause der Großeltern mütterlicherseits. In der Schule und im Umgang mit anderen Menschen hat sie es schwer. "Ich war ein sehr scheues Mädchen, wahrscheinlich der scheueste Mensch auf der Welt. Wenn man mich nach meinem Namen fragte, wurde ich rot."  Schon als Schulkind hat sie Freude an Rollenspielen. Sie malt, erfindet Kurzgeschichten und kleine Theaterstücke. Als sie mit 11 Jahren an der Hand ihres Vaters zum ersten Mal ins Theater geht, ist es um sie geschehen. "Da gab es erwachsene Leute, die das gleiche auf einer Bühne taten wie ich zu Hause ganz allein für mich, nur so zum Spaß. Und sie wurden sogar noch dafür bezahlt!" Ihr Entschluss stand fest. Sie machte die Schule zu Ende und wechselte dann in die renommierte Schauspielschule "Dramaten" in Stockholm.

Seitdem spielt Ingrid Bergmann sich nach oben. Als wäre das Verkörpern anderer Charaktere ihre eigentliche Lebensform, scheint sie nur wirklich zu leben wenn sie spielt. Selbst schlechte Filme werden durch ihre Mitwirkung noch sehenswert. In den privaten Rollen, Geliebte, Ehefrau, Mutter, ist sie weniger geschickt und ungeduldig. "Ein Leben primär als Mutter tut ihr nicht gut, sie ist dafür nicht geeignet. Sie kann nicht damit umgehen, es überfordert sie, da es sie zugleich kreativ-künstlerisch unterfordert."

So führt Wydras Biographie folgerichtig chronologisch durch die Filme, die auch inhaltlich besprochen werden, und bruch- und übergangslos durch Ingrid Bergmanns Privatleben. Ihre Ehen, ihre Beziehungen, ihre Lebensstationen Schweden, Deutschland, Amerika und Italien, Großbritannien ... alles ist letztlich bestimmt durch die Filme, die sie drehen darf.

Filmliebhaber kommen hier ebenso auf ihre Kosten, wie Menschen, die gerne Lebensbeschreibungen lesen. Außerdem spiegelt das Buch fast das ganze 20. Jahrhundert. Ein Leben - wie im Film. Dramatisch, tragisch, zuweilen glücklich, nie langweilig.

Ingrid Bergmann : ein Leben / Thilo Wydra . - München: DVA, 2017. - 1. Aufl. - 751 S.; zahlr. Ill. - ISBN 9783421046734 fest geb. : 28 €

Im Folgenden ein Interview mit Isabella Rossellini über die Arbeit des Wesleyan-Film-Archivs und der Ingrid Bergmann Collection:

http://www.wesleyan.edu/cinema/video-bergman.html#part2