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"Die fünfziger Jahre waren ein merkwürdiges Jahrzehnt, eingeklemmt zwischen dem Krieg auf der einen und den rebellischen sechsziger Jahren auf der anderen Seite. [...] In vieler Hinsicht war diese Zeit heil und aufregend und unschuldig, aber es gab auch eine dunklere Seite. Spitzengardinen-Anständigkeit und die Schicklichkeit der Vorkriegszeit sperrten Frauen, die während des Krieges in der von Männern dominierten Gesellschaft Fuß gefasst und ihr Land tatkräftig unterstützt hatten, wieder ins Haus zu ihrer Familie und unterwarfen sie der Heuchelei und Doppelmoral geradezu viktorianischer Moralvorstellungen, die abweichendes Verhalten nicht tolerierten."

Dies schreibt die Autorin Nikola Scott in ihrem Nachwort zu "Zeit der Schwalben", das im Original "My Mother's Shadow" heißt. Doch dazu später.

978-3-8052-0037-0Zuerst wunderte ich mich über das nette Umschlagfoto, dass so gut zu Urlaub und Entspannung passt. Ein leichtes Sommerbuch für Frauen also. Ich kann mir schon denken, warum der Verlag ein wunderschönes, hellblaues Cover und einen luftig-leichten Titel für ein Buch ausgesucht, das im August erscheint und möglichst viele Leserinnen zum Kauf animieren soll. Die Rechnung geht sicher auf, da ich schon viele entzückte Äußerungen dazu gefunden habe. "Der Schatten meiner Mutter", wie es ja eigentlich heißen müsste und den Kern der Geschichte viel eher träfe, erschien der Marketingabteilung anscheinend zu düster. Erstaunlich übrigens, wie viele Bücher mit "Zeit der ..." beginnen, als sei allein das schon ein verlockendes Leseversprechen.

Obwohl das Buch wirklich wunderbar im Sommer zu lesen ist - ich habe es in ein paar Tagen verschlungen - hat es doch einen sehr ernsten, traurigen Kern.

Elizabeth ist jung am Ende der 50ger Jahre in London. Der Vater ist ein tiefgläubiger und strenger Mann. Die Mutter laboriert an einer schweren Krankheit, was Elizabeth jedoch nicht wirklich bewusst ist. Im Sommer, in dem sie 17 wird, soll sie zu Verwandten aufs Land, wo sie im Kreise junger Menschen herrliche Ferien und unbeschwerte Wochen genießt - ein Leben, wie sie es bis dahin nicht kannte. Sie verwechselt einen Flirt und die Leidenschaft eines jungen, verheirateten Mannes mit Liebe und wird ungewollt schwanger. Sie hatte bis dahin weder von Verhütung noch von den körperlichen Vorgängen von Schwangerschaft und Geburt gehört. Im Heim für gefallene Mädchen, in das sie bei Bekanntwerden der Schande von ihrem Vater gesteckt wird, munkeln die Mädchen untereinander, dass die Babys durch den Bauchnabel zur Welt kämen.

Dies ist die, ich nenne sie einmal "innere" Geschichte des Romans, um die sich alles dreht. Von Elizabeth erfahren wir aus ihrem Tagebuch, welches mehr als 40 Jahre später ihrer Tochter Adele in die Hände fällt. Die "äußere" Geschichte spielt im Jahr 2000, ein Jahr nach dem Tod von Elizabeth. Kurz zuvor hatten Elizabeth und ihr Mann George noch ihren 40. Hochzeitstag ganz groß gefeiert.

Die Erzählung setzt ein, als sich die ganze Familie zum Jahrgedächtnis von Elizabeths Tod in der elterlichen Wohnung zusammenfindet. Adele nimmt den mysteriösen Anruf eines Detektivs entgegen, der sie irrtümlich für ihre Mutter hält und ihr mitteilt, dass er in der Suche nach ihrer Zwillingsschwester weitergekommen sei.

Kurze Zeit später steht Phoebe vor ihrer Tür. Adele will zuerst nicht wahrhaben, dass ihre Mutter zwei Kinder bekommen und eines davon nach der Geburt zur Adoption weggegeben haben soll. Und auch Phoebe ist verwirrt und verhält sich Adele und ihrer Familie gegenüber ziemlich ungeschickt. Als Adele ihren Vater zur Rede stellen will, erleidet dieser einen Herzinfarkt und muss ins Krankenhaus, wo er erst einmal nicht ansprechbar ist. Mit den wenigen Anhaltspunkten, die die sehr ungleichen Schwestern haben, begeben sie sich auf die Suche nach ihrer Vergangenheit und die wahren Umstände ihrer Geburt.

Beide Zeitebenen sind jeweils aus der Ich-Perspektive der jeweiligen weiblichen Hauptperson geschrieben, was anfangs etwas verwirrend ist. In dem Maße indem sich die Erkenntnisse der Schwestern erweitern und die beiden Frauen sich langsam akzeptieren und einander näherkommen, erfahren wir aus dem Tagebuch der Mutter vom ganzen Ausmaß der Tragödie um die Geburt der Kinder.

screenshot_20170823-143623Ein packender, im englischen Original "unputdownable" genannter Roman, der äußerst lesenswert und eigentlich gar keine leichte Sommerlektüre ist, sondern auf erschreckende Weise die strengen, völlig überzogenen Moralvorstellungen nicht nur in England beschreibt. Schade, dass Männer wahrscheinlich wieder nicht zu so einem Buch greifen werden.

Zeit der Schwalben : Roman / Nikola Scott. Aus dem Englischen von Nicole Seifert. - 1. Aufl. - Reinbek bei Hamburg : Wunderlich, 2017. - 503 S. - ISBN 9783805200370 - fest geb. : 19,95 €

Zur Autorin:

Nikola Scott ist in Deutschland geboren und aufgewachsen, bevor sie jahrelang in den USA und in Großbritannien in verschiedenen Verlagen arbeitete. Sie lebt inzwischen mit ihrer Familie in Frankfurt am Main. "Zeit der Schwalben" ist ihr erster Roman. (Verlagstext)

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Ein Tal in Licht und Schatten / Marie Buchinger ; ein schöner Lektüretipp auf der #BlogtourBellaItalia

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Skandalbuch von 1879 erstmals auf Deutsch aus dem Urtext übersetzt.

Gastland Italien – Folge 6

Die kleine Giacinta wird von Geburt an von ihrer Mutter abgelehnt, die nur selbstsüchtig auf Geld und eine gute gesellschaftliche Stellung aus ist. Sie wird bis zum Alter von 5 Jahren bei einer Amme aufs Land gegeben, wo sie ziemlich verwahrlost und wie ein kleines wildes Tier aufwächst. Als es der Mutter endlich in den Kram passt, wird Giacinta  wieder nach Hause geholt, wo sie mehr oder weniger sich selbst überlassen ist. Anstatt wie vorher auf dem Land recht frei herumzutollen, ist sie nun auf ein Zimmer mit Aussicht auf den eng ummauerten Garten angewiesen. Sie hat keinerlei Kontakt zu Gleichaltrigen. Einzig der Vater ist ihr liebevoll zugetan, aber auch dieser steht unter dem Pantoffel von Giacintas Mutter. Als diese ziemlich unüberlegt einen jungen Mann als Gärtner engagiert, findet Giacinta endlich einen lustigen Kamerad, der Zeit für sie hat. Beppe freut sich, wenn Giacinta zu ihm in den Garten kommt und er hat immer allerlei Späße für sie in petto. Doch ohne dass Giacinta es bemerkt, wandeln sich diese Späße immer mehr zu sexuellen Handlungen bis hin zur handfesten, von Giacinta heftigst abgelehnten Vergewaltigung. Als eine Magd die beiden erwischt, wird Beppe entlassen. Die entsetzte Mutter weiß sich keinen anderen Rat als Giacinta auf ein Internat zu schicken bis sie erwachsen ist.

Wieder im elterlichen Haus, versucht die Mutter mit groß angelegten Festen und Einladungen ihre Tochter mit einer einigermaßen guten Partie zu verheiraten. Der Makel der Vergewaltigung in jungem Alter ist stadtbekannt und deshalb kann man nicht wählerisch sein. Die wunderschöne Giacinta spielt gekonnt auf dem gesellschaftlichen Parkett und schart eine ganze Gruppe junger Männer um sich herum. Innerlich ist sie jedoch teilnahmslos und überhaupt nicht auf eine Ehe aus. Einzig Andrea, ein lebenslustiger und unterhaltsamer junger Mann aus Neapel, kann ihr Herz gewinnen. Da Giacinta aber zutiefst misstrauisch ist und eine abgrundtiefe Angst vor Enttäuschung hat, lässt sie eine Liebesbeziehung nur außerhalb einer Ehe zu.

"Der Mann meines Herzens kann vielleicht mein Geliebter werden, aber mein Ehemann, nein, niemals." (S.23)

Andrea, der Giacinta aufrichtig liebt, ist einverstanden, dass sie zum Schein und wegen des guten Namens, den etwas schwachsinnigen Grafen Grippa di San Celso heiratet. Ein skandalöses Leben in einer ungewöhnlichen Ménage-à-trois beginnt und nimmt einen verheerenden Verlauf.

Luigi Capuana schildert dieses Psychogramm einer jungen, weiblichen Seele so schonungslos und präzise, dass der Roman bei seinem ersten Erscheinen 1879 in Italien einen Skandal auslöst und nach sechs Monaten ausverkauft ist. Erst 1886 gibt es eine entschärfte Version, die genau wie weitere Ausgaben nie den Erfolg der Erstausgabe wiederholen können. Erst 1980 erscheint bei Mondadori die Neuauflage nach dem Urtext des mittlerweile in Vergessenheit geratenen Originals, auf das sich auch die vorliegende Übersetzung von Stefanie Römer ins Deutsche stützt.

Diese liest sich hervorragend flüssig und modern, obwohl sie im Sprachduktus auf die Zeit, in der das Buch spielt, Rücksicht nimmt. Ich habe das sehr schön editierte Buch in einem Rutsch durchgelesen, allerdings häufig kopfschüttelnd. Nicht wegen der "skandalösen" Begebenheiten, die uns heute keine Empörung mehr entlocken, sondern wegen der wirklich abstrusen Gedankenwelt Giacintas. Capuanas Buch gilt als erster Vertreter der in den 1870er Jahren in Italien neu entstanden Gattung des Verismo, der von Zola und Tolstoi beeinflusst war. Dieser zeichnet sich durch übersteigerten Realismus in der Beschreibung von vor allem sozialkritischen Begebenheiten aus. Bei Capuana sind es die neuen psychologischen und medizinischen Erkenntnisse Mitte des 19. Jahrhunderts, die er mit der Lebensgeschichte der Giacinta illustrieren möchte.

Für Èmile Zola

Ich bin mir gewiss, ein Buch geschrieben zu haben, das weder scheinheilig noch unmoralisch ist. Wäre ich doch ebenso sicher, geschaffen zu haben, was in meiner Absicht stand - ein wahres Kunstwerk! (Widmung)

Ein interessantes Buch, das es verdient hat, aus der Vergessenheit geholt worden zu sein, auch wenn es nicht so stark ist, wie die Klassiker Madame Bovary, Anna Karenina und Effi Briest, mit denen es auf dem Schutzumschlag verglichen wird.

Mir gefällt es sehr, wenn ich "historische" Stoffe von zeitgenössischen Autoren lesen kann, so wie  z.B. auch die Neuausgabe von Gabriele Tergits  "Käsebier erobert Berlin". So erlebe ich eine kleine, sehr authentische Zeitreise. Ich freue mich, dass die Verlage diese Kostbarkeiten wieder ans Licht holen und nicht immer nur neue Autoren herausgeben.

Giacinta : Roman / Luigi Capuana. Aus dem Italienischen übers. von Stefanie Römer. Nachwort von Angela Oster. - Zürich: Manesse, 2017. - 329 S. - ISBN 9783717524342 ; fest geb. : 26,95 €

Über den Autor:

Luigi Capuana (1839–1915), Sohn sizilianischer Landbesitzer, lebte nach einem abgebrochenen Jurastudium als Theaterkritiker in Mailand, Florenz und Turin. Er schrieb zahlreiche Novellen, drei Romane und sammelte Volksmärchen. «Giacinta» wurde bei Veröffentlichung zu einem Riesenerfolg. 1886 erschien nach empörtem Echo der Kritik eine zweite, «entschärfte» Version. (Verlagstext)

Dieser Artikel ist der sechste aus meiner Reihe zu aktuellen Übersetzungen aus dem Italienischen: Gastland Italien

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Eine Streitschrift zur Frauenweihe in der Katholischen Kirche.

Christiane Florin, wie ich im Rheinland aufgewachsen, schreibt über die verweigerte Priesterweihe der Frau in der Katholischen Kirche in Geschichte und Gegenwart. Sie erlebte wie ich Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre den frischen Wind nach dem zweiten Vatikanischen Konzil. Mädchen konnten in der Kirche in allen möglichen Gruppen schon gleichberechtigt mittun und es bestand die berechtigte Hoffnung, nun könne es nur noch besser werden.

Nur vier Jahre älter als Frau Florin und aus einem „streng“ katholischen Umfeld, habe ich schon früh begriffen, dass ein Mädchen in jeder Hinsicht weniger wert ist. Das hat mir niemand gesagt, aber ich habe es gespürt. Diese Meinung wurde mir von ganz und gar liebenswerten Menschen, vor allem auch Frauen, so tief anerzogen, dass ich noch mit fast dreißig enttäuscht war, als das Orchester, in dem ich mitspielen wollte, von einer Frau geleitet wurde.

Gut - dass war die Erziehung der sechziger, siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Aber heute?

Wir wissen alle, dass der frische Frühlingswind der 60er verflogen ist und die härteren, konservativeren Kirchenleute den Kurs wieder in ihrem Sinne korrigiert haben. Die Ökumene ist noch kein Stück weiter, das Elend der wiederverheirateten Geschiedenen ist nicht gemildert, die Frauen dürfen sich nach wie vor den unteren, arbeitsintensiven und zumeist ehrenamtlichen Tätigkeiten widmen. Da sind sie hoch willkommen.

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©e_mager Christiane Florin: Der Weiberaufstand

In Ihrem Buch „Der Weiberaufstand“ dröselt Christiane Florin einmal ganz genau auf, welche Argumente seit jeher angeführt wurden, um die Weihe von Frauen zu Priestern zu verhindern. Die Begründungen wechseln, sie haben eine Geschichte, je nach dem, wie der allgemeine Zeitgeist es gerade erlaubt. Sie haben alle eine Gemeinsamkeit: sie sind nicht stichhaltig. Sie werden von einem Männerklub ausgeheckt, der alles dafür tut, um die Mädchen nicht mitspielen zu lassen.

Aus meiner untheologischen Sicht und mit meinem gesunden Menschenverstand (Männer- oder Frauenverstand gibt es zum Glück nicht) ist es einfach nur eine bodenlose Ungerechtigkeit, die ihren Gipfel 1994 in dem Schreiben Johannes Paul II. „Ordinatio Sacerdotalis“ findet, wonach selbst die Kirche gar nicht befugt sei, so etwas zu entscheiden. Und basta! Jesus hätte nur Männer berufen, obwohl genug Frauen um ihn herumschwirrten. Ja – es waren nur bärtige Fischer, Schreiner und sonstige Handwerker. Einige waren verheiratet und alle waren Juden. Nicht eines dieser Kriterien ist bis heute ausschlaggebend für die Eignung zum Priester – nur das Geschlecht.

Im Vorwort gibt Christiane Florin gibt an, eine Streitschrift schreiben zu wollen, wie es auch der Einband des Buches in frauenbewegtem Lila signalisiert. Mir ist sie noch zu zahm. Sie beschreibt die Fakten, den Status Quo, auch die Schwierigkeiten in anderen christlichen Glaubensgemeinschaften und nennt die Namen lebender Frauen, die sich nicht zufrieden geben mit dem, was ihnen die Amtskirche zugesteht.

Am Ende der durchaus aufwühlenden und faktenreichen Lektüre fragt man sich: und nun? Was könnte dieses Buch nützen? Kann es endlich Änderungen herbeiführen? Frauen werden ja noch nicht mal als Gesprächspartner zu diesem Thema ernst genommen.

Ich befürchte, dass im Zuge immer größerer Pfarrbezirke und seltenen, schlecht besuchten Messen, die Kirche immer unattraktiver wird, sie sich noch einige Zeit (die durchaus noch dauern kann) über Wasser hält und dass erst ganz kurz vor Schluss auch Frauen zugelassen werden, wenn ohnehin nichts mehr zu retten ist. Empörend, unzumutbar, ungerecht.

Warum Frauen in der katholischen Kirche mehr Macht brauchen, hat Christiane Florin nicht erklärt. Aber es geht ja gar nicht um Macht. Das Amt als Priesterin steht der Frau als Mensch zu.

Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie. (Gen 1,27)

Was ist einfacher zu verstehen, als dieser Satz? Und unser neuer Papst? Er bleibt beim Nein!

Der Weiberaufstand : warum Frauen in der katholischen Kirche mehr macht brauchen / Chriatiane Florin. - München : Kösel, 2017. - 173 S. ; ISBN 978-3-466-37191-4 kt. : 17,99

Zur Autorin:

Christiane Florin, geb. 1968 ist deutsche Politikwissenschaftlerin und Journalistin.

Sie war von 1993 bis 1996 für die Pressestelle der Vertretung der Europäischen Kommission tätig. Von 1996 an arbeitete sie für die christlich ausgerichtete Wochenzeitung Rheinischer Merkur. Von 2007 bis 2010 leitete sie das Feuilleton des Rheinischen Merkur. Von Dezember 2010 bis 2015 war sie Redaktionsleiterin der Beilage „Christ und Welt“ in Teilen der Wochenzeitung „Die Zeit“. Seit Januar 2016 ist sie Redakteurin beim Deutschlandfunk für den Bereich "Religion und Gesellschaft". (Angaben des Verlags)

Unter dem folgenden Link gibt es ein Feature zu Christiane Florin in der Tradition mit Mutter und Tochter:

http://www.br.de/themen/religion/weiberaufstand-kirche-macht-100.html

>>>>Zu Christiane Florins Blog

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Ein monumentales Museum des Krieges für die Ankunft des Friedens und die Entschärfung der Geschichte

Gastland Italien – Folge 5

Unter den Übersetzungen aus dem Italienischen, die in der letzten Zeit erschienen sind und die meine Aufmerksamkeit errungen haben, bildet dieser Titel sicherlich eine Ausnahme. Um es kurz und allzu salopp auszudrücken: „Schwere Kost“.

Dr. Claudio Magris studierte an den Universitäten Turin und Freiburg im Breisgau Germanistik. Er ist Essayist und Kolumnist für die italienische Tageszeitung Corriere della Sera und andere europäische Zeitungen. Durch seine zahlreichen Studien zur mitteleuropäischen Kultur gilt er als deren größter Förderer in Italien. Claudio Magris lebt in Triest und spricht seinen fast als eigene Sprache bezeichneten Triestiner Dialekt. (Quelle: Wikipedia abgerufen am 5.8.2017)

Er ist also kein Romancier im eigentlichen Sinne, sondern eher ein Wissenschaftler, was man seinem Buch sehr anmerkt. "Zunehmend warnt er vor der Gegenwart des Krieges und betätigt sich als paneuropäischer Friedensstifter im Sinne Kants." (Ebenfalls Wikipedia s.o.)

Als Warnung vor der Gegenwart des Krieges ist auch dieses Buch zu verstehen.

"Ich kämpfe nicht gegen das Vergessen, sondern gegen das Vergessen des Vergessens, gegen die schuldhafte Unbewusstheit, vergessen zu haben, vergessen haben zu wollen, nicht wissen zu wollen und nicht wissen zu können, dass es etwas Entsetzliches gibt, das man vergessen wollte - sollte?"

Das Buch erzählt die Geschichte eines grotesken Museums der Gewalt für eine Zukunft in Frieden und des Mannes, der sein ganzes Leben damit verbracht hat, alle Erinnerungsstücke dafür mühselig zusammen zu tragen: vom alten Panzer, einem gebrauchten U-Boot, verrosteten Teilen kleiner Handwaffen aus allen Teilen der Welt, Videosequenzen aus alten Wochenschauen bis hin zu Abschriften aus den Todeszellen des ehemaligen Konzentrationslagers "La Risiera di San Sabba" in Triest. Er selbst erlebt die Fertigstellung seines Museums nicht, da er in einer Nacht, als er inmitten seiner gesammelten Stücke in einem leeren Sarg eingeschlafen ist, bei einem Großfeuer verbrannt ist. Luisa, seine Assistentin,  macht es sich zur Aufgabe, aus den immer noch zahlreichen Resten der Sammlung das Museum gegen das Vergessen einzurichten. Vor allem die Notizbücher mit den Abschriften der Zellenwände sind für die Nachwelt interessant und gefürchtet. Die Erben möchten nicht, dass diese veröffentlicht werden. Wichtige Persönlichkeiten in Triest befürchten immer noch, dass herauskommen könnte, wer sich von ihnen oder ihren Vorfahren schuldig gemacht hat. Wie viele der Notizbücher den, vielleicht sogar vorsätzlich gelegten, Brand überstanden haben, ist nicht bekannt. Man hofft allgemein, dass die Beweise nicht reichen und daher ein wie auch immer geartetes Verfahren eingestellt wird. "Über diese Schande, diese ehemalige Triester Reisfabrik, in der die Nationalsozialisten einige tausend Menschen umgebracht hatten oder hingeschickt, um sie dort umbringen zu lassen – im Schweigen der Allgemeinheit, das auch nach dem Krieg noch anhielt –, begann man nun endlich zu reden, was manch einen in Verlegenheit brachte." (S.22)

Luisas eigene Lebensgeschichte ist der zweite Erzählstrang des Buches. Sie ist die Tochter einer Jüdin und eines afroamerikanischen Leutnants, Nachfahrin von Diaspora und Sklavenhandel. Hier erfährt der Leser viel über Schuld, Gewalt und Krieg in anderen Teilen der Welt und wie alles mit allem zusammenhängt. Diese Kapitel haben mir sehr gefallen, da Magris hier wirklich eine romanhafte Erzählung gelingt.

Mir scheint, Magris hat mit den einzelnen Kapiteln selbst ein Museum der Gewalt errichtet. Die Geschichten sind so zahlreich und muten unsortiert an, als ob man in einem riesigen, verstaubten, unsortierten Museum von Ausstellungsstück zu Ausstellungsstück wandert. Man begreift die Intention, wird aber nicht wirklich ergriffen. Zumindest habe ich einiges über Triest und das einzige Vernichtungslager Italiens gelernt. Ich habe auch eingesehen, wie sehr nach dem Krieg, nach allen Kriegen, vertuscht und gelogen wird, um "ehrenwerte" Herrschaften nicht zu belasten. Hier hat der Roman seinen Zweck erfüllt.

"Man hat den Müll ins Meer geschüttet, ins Flusstal, sie haben uns hier ausgeladen, zwischen dem Patòc und dem Meer, das Wasser kann hier nicht sehr tief sein, aber wir gehen unter, hinunter, Müll ins Meer zu kippen ist ein Verbrechen, ebenso Menschen hineinzuwerfen, aber der Richter erklärt: Das Verfahren wird eingestellt." (S. 399)

Große Mühe hatte ich auch mit den ellenlangen Sätzen und mühsamen Formulierungen, die ich zuerst der Übersetzerin anlasten wollte. Ich leiste allerdings Abbitte, nachdem ich ich mir das Original angeschaut habe, in dem Sätze wie dieser stehen:

"Lui però, prima, pare le avesse viste e ricopiate, quelle scritte, almeno alcune; anche quei nomi, si mormorava, nomi abietti e altolocati di collaborazionisti o comunque buoni amici dei boia, incisi sui muri delle luride latrine dalle vittime sulla soglia della morte e poi cancellati dalla calce – calce viva, bianca, innocente e bruciante sulla carne viva – e poi cancellati forse un’altra volta ancora dall’incendio nel suo capannone, da un fuoco distruttore che ripuliva ogni sozzura e restituiva una falsa innocenza alla più sordida e immonda infamia, a miserabili protetti per sempre dalla sparizione dei loro nomi dissolti nella calce e polverizzati nella cenere, illeggibili per i giudici umani, come quel magistrato che aveva dovuto concludere l’indagine sui crimini della Risiera quasi con un nulla di fatto; illeggibili forse pure per giudici più alti, anch’essi derubati di ogni materiale di prova e certo illeggibili per i figli di quegli assassini contumaci, ignari che quei loro nomi erano stati a suo tempo corrosi dalla calce o accartocciati dal fuoco; fieri anzi di portare quei nomi rispettabili e dei loro padri che li avevano portati anche quando le vittime – che essi avevano forse spinto o anche solo visto andare a una morte atroce e la cui sorte comunque non aveva turbato la loro indifferenza – li avevano scritti sui muri."

 

"Er scheint also diese Inschriften zuvor gesehen und abgeschrieben zu haben, zumindest einige; und auch diese Namen, wie gemunkelt wurde, ordinäre und hochstehende Namen von Kollaborateuren oder zumindest guten Freunden der Henker, eingeritzt in die dreckigen Abortwände von den Opfern an der Schwelle des Todes, und dann ausgelöscht vom Kalk – vom frischen, weißen, unschuldigen und auf dem lebendigen Fleisch ätzenden weißen Kalk – und später vielleicht zum zweiten Mal ausgelöscht durch den Brand in seinem Schuppen, durch ein zerstörendes Feuer, das jede Schmutzigkeit beseitigte und selbst der erbärmlichsten und niederträchtigsten Gemeinheit eine falsche Unschuld zurückgab, jenen Schurken, die nun für immer geschützt waren durch das Verschwinden ihrer im Kalk aufgelösten und in der Asche pulverisierten Namen, unleserlich gemacht für die menschlichen Richter, so wie für jenen Staatsanwalt, der die Untersuchung über die Verbrechen in der Risiera gleichsam ergebnislos einstellen musste; unleserlich vielleicht auch für höhere Gerichte, denen ebenfalls jedes Beweismaterial fehlte, und ganz bestimmt unleserlich für die Kinder dieser abwesenden Mörder, die nicht wussten, dass ihre Namen seinerzeit vom Kalk zerfressen oder vom Feuer verbrannt worden waren; ja, die vielmehr stolz darauf waren, diese ehrenwerten Namen zu tragen, und genauso stolz auf ihre Väter, die diese Namen auch getragen hatten, als die Opfer – welche sie vielleicht in einen schrecklichen Tod getrieben oder ihm zumindest ausgeliefert hatten, kurz: deren Schicksal ihnen wohl ziemlich gleichgültig gewesen war – diese Namen an die Wände geschrieben hatten."

Verfahren eingestellt : Roman / Claudio Magris. Aus dem Italienischen von Ragni Maria Gschwend. - München : Hanser, 2017. 400 S. - ISBN 978-3-446-25466-4 , fest geb. 25 €

Der vorliegenden Besprechung liegt die EBook-Ausgabe (ISBN 978-3-446-25604-0) zu Grunde, die mir der Verlag dankenswerter Weise im Rahmen meiner Reihe zu neueren Übersetzungen aus dem Italienischen zur Verfügung gestellt hat.

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