Neapel

Fortsetzung des Romtagebuchs 

 Umzug

Ein chaotischer Anfang; 26. August – Donnerstag

Wir sind in Neapel! Am Dienstag haben wir gegen halb fünf Uhr nachmittags unsere alte Wohnung in der Nähe von Andernach verlassen und sind dreieinhalb Stunden bis Ulm gefahren, wo wir die erste Nacht verbracht haben. Am nächsten Morgen erreichten wir nach elf anstrengenden Stunden Rom. Wir wurden fürstlich in Paglierini, einer ehemaligen Römersiedlung oberhalb Sacrofanos untergebracht. Das Anwesen ist im Besitz der Signora Allegri, einer Adeligen, deren Familie früher ganz Sacrofano gehört haben soll. Freunde haben für uns gekocht und mit uns bis nach Mitternacht Wiedersehen und Abschied gefeiert.
Ziemlich müde brachen wir heute früh auf, um den Möbelwagen einzuholen, der schon in Napoli angekommen ist, und um den Immobilienmakler zu treffen, der uns den Schlüssel zu unserem Haus geben muss.
Soweit lief alles wie geplant. Als wir zum Haus kommen, der erste Schreck: die Zufahrtsstraße zum Haus ist mit einem Tor versperrt. Bis der Schlüssel organisiert ist gehen Michael, die Kinder und die Möbelpacker schon mal vor, um sich das Haus anzuschauen. Michael schickt Johanna zu mir zurück, um mir schonend beizubringen, dass das Haus alles andere als fertig ist. Die Türen fehlen immer noch, die Elektrik ist noch nicht ganz fertig, aber was viel schlimmer ist: die ganze Wohnung ist schmutzig, auf allen Fußböden liegt eine dicke Dreckschicht, auf die man keine Möbel stellen, geschweige denn irgend etwas auspacken kann.
Wir sind ziemlich ratlos und warten darauf, dass ein Schreiner für die Türen und eine Putzkolonne für den Dreck kommen. In jedem Zimmer (außer in dem, wo ich mein Büro mit Computer und Internetanschluss vorgesehen habe), liegt Telefon. Leider ist das Kabel von der Straße zum Haus nicht verlegt worden. Das hat die Telekom leider vergessen.

Übrigens herrscht eine Affenhitze (36°), die vor allem unseren Möbelpackern zu schaffen macht. Die Einfahrt in die Garage wird gerade geteert, was den Zugang mit den Möbeln zu allem übel auch noch erschwert.
Fazit: wenn alle Probleme gelöst sind, ist es ein Traumhaus.

Freitag, 27. August

Es ist halb zwei am Nachmittag. Ich sitze mit schmutzigen Füssen und schweißverklebten Haaren in meinem neuen Schlafzimmer auf dem Bett und versuche den Schreiner zu verstehen, der sich mit mir auf neapolitanisch unterhält. Ich bin müde, man kann sagen ziemlich fertig.
Gestern sind wir gar nicht mit dem Umzug weitergekommen. Gegen fünf Uhr haben die Möbelpacker unsere Betten aufgestellt und Feierabend gemacht, während die italienischen Handwerker noch bis acht Uhr geputzt und geschraubt haben. Wir haben geduscht und unserer frischesten Sachen angezogen, d. h. das Hemd von vorgestern, und sind in ein Restaurant in der Nähe zum Abendessen gegangen (mit den Packern). Wir haben sehr gut gegessen, uns gut unterhalten. Der Wirt bot uns gleich seine Frau als zukünftige Putzhilfe an.
Was als fröhlicher Abend begann, endete abrupt mit einem Sturz unseres Sohnes von einer Wippe auf dem Spielplatz. Wahrscheinlich ist der Ellbogen gebrochen.
Wir haben David eine Nacht damit schlafen lassen, aber heute morgen ist Michael mit ihm ins Krankenhaus nach Neapel gefahren.
Der Umzug geht voran – endlich. Nachdem wir einen Adapter für unsere deutschen Stecker gefunden haben, konnte ich sogar für die Männer Kaffee kochen. Eine Art Notfrühstück haben wir auf dem Computertisch im Keller, zwischen Kisten und Malergerüsten organisiert. Michael und ich haben heute morgen Brot und Aufschnitt, Putzmittel und Hundefutter gekauft. In einer Bar haben wir gefrühstückt – mit Cappuccino und Brioche – bevor wir in der Lage waren, für die anderen zu sorgen und beim Umzug zu helfen.
Als wir zurückkamen, trafen wir den Nachbarn von gegenüber, der uns seine Freundschaft und das „Du“ anbot. Er ist Herzspezialist (na, Gott sei Dank) und hat einen Sohn in Davids Alter.
Plötzlich ein neues Problem – der Hund ist fort. Wir haben gerufen und sind überall in der Nachbarschaft auf die Suche gegangen – vergebens. Bella blieb verschwunden und wir waren alle sehr bedrückt.
Mittlerweile hat sich der Hund wieder angefunden. Er hatte sich im Nachbarhaus, welches auch noch im Rohbau ist, verlaufen und war eingeschlossen worden. (Die Tür, die gerade vor meinen Augen geschreinert wird, kostet übrigens 700 DM, ist aus massivem Nussbaumholz, welches aus Rumänien bezogen wird)
Mittlerweile funktioniert die Elektrik, das warme Wasser und die Heizung. Das Klavier (300 Kilo) steht schon an seinem Platz, und um mich herum wird zur Zeit der Schlafzimmerschrank aufgebaut. Michael ist immer noch nicht aus dem Krankenhaus zurück.

Freitag, 17. September

Drei Wochen sind vergangen – mit putzen, Handwerkern in der Wohnung, Schulanfang, dem Suchen der alltäglichen Trampelpfade. Wir haben fast alle Nachbarn kennengelernt – die einen etwas besser, die andern oberflächlicher.
Davids Arm, der tatsächlich gebrochen war, ist schon wieder aus dem Gips. Die Kinder haben einen guten Anfang in der englischsprachigen Schule gemacht. Die anfängliche Verzweiflung, mit der ich fest gerechnet hatte, blieb aus. Sie fanden alle drei in der jeweiligen Klasse einen anderen deutschsprachigen Schüler, der bei Bedarf dolmetschen kann.

Donnerstag, 30. September

So, nun machen wir einen gewaltigen Sprung. Aus Kummer darüber, dass ich immer noch kein Telefon und also auch keinen Internetanschluss habe, habe ich das Tagebuchschreiben ganz gelassen. Außerdem gab es wahrhaftig genug andere Dinge zu sehen und zu erleben.

Am letzten Wochenende zum Beispiel haben wir dem Haus und dem Dreck und der Arbeit, die damit verbunden ist, den Rücken gekehrt und sind mit Mann und Maus, d.h. wir alle fünf samt Hund, auf die Insel Ponza gefahren.

Es ging am Freitag direkt nach dem Unterricht der Kinder, also kurz vor drei Uhr, mit dem „neuen“ Auto (Fiat Uno Turbo Diesel, Baujahr 88) in wilder Fahrt nach Formia. Das liegt etwa achtzig Kilometer nördlich von Neapel und ist Anlaufhafen der Gesellschaft Caremar, die das Festland mit Ponza und Ventotene verbindet. Der Autofähre konnten wir gerade noch zuwinken, als wir gegen zwanzig vor vier Uhr am Hafen ankamen. Nun hieß es Schlange stehen an der Biglietteria, um Plätze auf dem Aliscafo (Tragflügelboot) zu bekommen, das um 16:40 Uhr abfährt. Michael hat derweil das Auto bei einem Parkplatzwächter für 10.000 Lire in Obhut gegeben. Ich habe immer das dumme Gefühl, dass sie mehr ihren Parkplatz als unser Auto bewachen.

Nach dem üblichen Chaos, das herrscht, wenn Italiener südlich von Rom in einer Schlange stehen sollen, saßen wir zufrieden um kurz vor fünf im Bauch des Schiffes, welches uns in schneller Fahrt, aber leider mit dem Umweg über Ventotene, um sieben Uhr in Ponza ablieferte. 

Die Sonne war gerade untergegangen und ein riesiger Vollmond überstrahlte die kleine Bucht, in der der gleichnamige Hauptort der Insel Ponza eingebettet liegt. Der Baustil der Häuser, weiße und pastellfarbene Würfel, gibt Zeugnis davon, dass die Araber und Sarazenen einst Herren der Insel waren.

Unsere Ferienwohnung liegt jedoch nicht dort am Hafen, sondern in La Forna, einem Örtchen auf der anderen Seite der zerklüfteten Insel. Am Hafen wartete schon ein Freund aus Rom auf uns. Er war schon einen Tag eher auf der Insel und hat das ganze Wochenende für uns organisiert. Und so hatte er den Wirt einer Trattoria überreden können, uns mit seinem Kleinbus abzuholen. Dafür würden wir die nächsten Abende bei ihm Essen.
Das Ferienhaus liegt oberhalb eines kleinen natürlichen Hafens für Fischerboote. Über steile Pfade gelangt man ans Wasser. Autoverkehr kommt nicht hierher.

Am nächsten Morgen fahren wir mit einem eigenen Boot zur Insel Palmarola, sechs Seemeilen entfernt. Auch für das Boot samt Kapitän hatte unser Freund gesorgt, und so konnten wir den ganzen Tag zwischen steilen Felsnadeln schwimmen und angeln und auf dem Bootsdeck in der Sonne dösen. Es waren nur wenige andere Boote unterwegs, denn die Saison ist im September schon längst vorbei.
Es war ein Tag wie aus einem Märchen: kristallklares warmes Wasser, Grotten, die man durchschwimmen kann, kleine einsame Badebuchten. An einem Strand, eingefasst von hohen Felsen bereiten wir uns einen Imbiss aus Mozzarella, Tomaten, Paprika, Brot und Keksen.

Chorleben

Donnerstag, 16. Dezember

Die Gassen der Altstadt sind regennass und vom gelben Schein der wenigen Straßenlaternen in ein seltsames Licht getaucht. Wäsche hängt von Haus zu Haus trotz des feinen Regens. Motorini lehnen an den Hauswänden. Überall Treppchen und Steinbögen, die die Häuser verbinden oder stützen, wer weiß? Die ganze Szene wirkt unwirklich, oder besser, so wirklich, dass man sich in einen alten Film mit Sophia Loren versetzt fühlt.
In der Spaccanapoli stehen noch die Krippen, einige Stände, um Zubehör zum Krippenbau oder Christbaumschmuck zu kaufen. Auf dem Vorplatz von San Domenico Maggiore ertönt Musik. – Aber das sind ja wir!? Wahrhaftig, über große Lautsprecher am Portal der festungsartig wirkenden Kirche ertönt der Chor der Sänger von Posillipo in einer Aufnahme aus dem vergangenen Jahr. In der Kirche sind wir noch allein. Groß und schön ist sie – letzte Ruhestätte derer von Aragon (45 Grabmäler). Eine goldene Kassettendecke gibt ihr einen Glanz und eine Größe, die man von außen nicht vermutet hätte.
Es ist noch früh – mindestens eine Stunde noch bis zum Konzert. Meine Gäste belegen optisch und akustisch günstige Plätze im vorderen Teil des Mittelschiffs. Ich inspiziere die Umkleidemöglichkeiten hinter der Sakristei. Die anderen Chor-„Schwestern“ rauschen nach und nach herein und hängen ihre blauen Roben, die wir heute zum ersten Mal tragen, an irgend einen Haken oder Vorsprung. Ich verhänge mit meinem Mantel die Büste eines römischen Jünglings, damit wir auch wirklich unbeobachtet sind. Alles zwängt sich in die neue Kluft; die Schneiderin, die extra gekommen ist, nimmt letzte Änderungen vor, setzt hier ein Nädelchen, weitet dort einen Ärmel. Es herrscht ein wenig dicke Luft (Area pesante) im Saale, da kaum jemand vom neuen Kleid begeistert ist.
Endlich beginnt das Konzert. Vor dem Kirchenraum versammeln wir uns schwatzend. Ciro teilt uns die Reihe und den Platz im Chor zu – dann beten wir! So gesammelt schreiten wir auf die Stufen vor dem Altar. Es ist wieder einmal kaum Platz zum Atmen (ich stehe in der zweiten Reihe), geschweige denn, um anständig in die Noten schauen zu können. Ich behelfe mich, indem ich in die Partituren der vor mir stehenden Sängerinnen schiele und das Meiste auswendig singe.
Die Kirche erstrahlt im Scheinwerferlicht, und ich bin froh und stolz, so einen Abend erleben zu dürfen.
Wir singen gut, das darf man sagen, und das Orchester bezaubert mit seinem durchsichtigen aber satten Klang. Das wünschte sich so manch deutscher Laienchor: Profimusiker von San Carlo, einem der renommiertesten Opernhäuser der Welt. Am Ende gibt es eine Zugabe: ein Ave Maria von Cimaruta (nicht Cimarosa, wie ich fälschlich annahm). Cimaruta war ein Landpfarrer aus der Gegend von Neapel und hat mit diesem Ave Maria ein in der gehobenen Kunstkritik eher umstrittenes Kunstwerk geschaffen, in dem man die ganze Beschwingtheit und Lebensfreude des neapolitanischen Charakters heraushören kann. Wenn man genau hinhört und die Augen schließt, sieht man die Dorfkapelle (la Banda) vor der Marienstatue in der Prozession marschieren.
Nach dem gut beklatschten Konzert läuft der Chor schnell auseinander. Jeder will nach Hause oder mit seinen Angehörigen, so wie wir, den Erfolg bei einer Pizza feiern.

 

Montag, 20. Dezember

Ich muss um 6 Uhr aufstehen, duschen, mich zurechtmachen, schminken. Es bleibt kaum Zeit fürs Frühstück – aber Michael, der die Kinder geweckt und das Essen gerichtet hat, besteht darauf, dass ich etwas esse.
Um zehn nach sieben sitze ich im Auto. 20 Minuten später fahre ich die Serpentinen zum Posillipo hoch. Welch ein Anblick: der Vesuv liegt im Morgendunst über einem bleigrauen Meer, welches sich tief unter mir in den Golf von Neapel schmiegt. Ein feiner Nieselregen setzt ein und trotzdem ist die Sicht atemberaubend schön. An der Kirche San Gioacchino steht schon der Reisebus, der mich und den Chor nach Rom bringen wird. Heute ist nämlich unser großer Auftritt im Quirinal, dem Sitz des Regierungspräsidenten von Italien. Kurz nach halb acht fährt der Bus tatsächlich los, um dann noch weitere Haltepunkte in der Stadt anzufahren. Mittlerweile schüttet es wie aus Kannen. Der Bus darf nur hundert Stundenkilometer fahren und in Rom selbst herrscht der übliche Verkehr. Doch gegen halb zwölf stehen wir auf dem Vorplatz des Quirinals, au dem gleichnamigen Hügel, von dem aus wir wie von einer Terrasse auf einen Teil Roms herabschauen. Besonders schön ist hier Sankt Peter mit der frisch renovierten Fassade zu sehen.
Dienstbare Geister des Quirinalspalastes empfangen uns freundlich und führen uns in einen Raum kurz hinter dem großen Eingangsportal zur Leibesvisitation. Unheimlich die an allen Ecken postierten Wachsoldaten in ihren phantasievollen Uniformen – alles Männer mit Gardemaß, die sich nicht bewegen und keine Miene verziehen dürfen. Wir werden also durchleuchtet wie im Flughafen und alle Taschen auf Bomben und Waffen untersucht. Dann geleitet man uns in einen Flügel des Palastes die große Scala d’onore hinauf, durch Zimmerfluchten bis in unsere Umkleidegemächer. Dort werden uns Kleiderständer mit Bügeln zur Verfügung gestellt, die bei jeder Belastung zusammenbrechen. Wir schaffen es schließlich sie auszubalancieren, aber wir müssen unsere Roben an diesem Tag noch öfter vom Fußboden aufsammeln. Nachdem jedes Kleid hängt und irgendwie gegen Verwechslung gekennzeichnet ist, wollen wir uns wieder mit dem Rest des Chores vereinigen und den Ort der Aufführung inspizieren – aber das freundliche Personal untersagt uns jegliches Umhergehen in anderen Zimmern. Wir warten. Einige nutzen die Zeit, um auf die einzige Toilette zu kommen. Aber mir liegt Schlangestehen nicht. Endlich hat sich einer der Männer zu uns durchkämpfen können und überzeugt unsere Wächter, dass der Chorleiter uns schon ungeduldig auf der Bühne erwartet. Schließlich soll noch einmal geprobt werden. Man begleitet uns gnädig dorthin. Mittlerweile ist auch das Orchester angekommen und hat die lange Prozedur des Durchleuchtens und Kofferöffnens hinter sich gebracht. Ich stelle mir vor, wie der Kontrabass auf den Kopf gestellt wurde.
Der Saal (il Salone dei Corazzieri),in dem wir vor Ciampi und seinen Ministern singen sollen, ist sehr schön. Fresken und Marmorsäulen, eine vergoldete Decke, schmücken den großen Saal. Der Fußboden besteht aus nichts Geringerem, als aus 2000 Jahre altem Marmor aus den Caracallathermen.
Wir proben. Techniker von der RAI, den öffentlich-rechtlichen Fernseh- und Rundfunkanstalten Italiens, sind anwesend und stellen die Mikrofone ein. Wir werden wohl aufgezeichnet, aber ob man uns auch senden wird, kann uns niemand sagen.
Nun werden wir zum Essen geführt. Es gibt Essensbons für das „Roofgarden“-Restaurant der Galleria delle Esposizioni in der Via Nazionale (gleich nebenan). Das Restaurant ist eine Art Mensa mit Selbstbdienung. Heute gibt es Schmetterlingsnudeln mit Nusssoße und Lachs, gedünsteten Fisch und Backkartoffeln. Dazu nehme ich einen Salat und Cola. Die Italiener, meine Chormitglieder, monieren, dass ich kein Brot und Obst esse. Doch mir reicht es.
Mittlerweile ist es kurz vor drei. In der Bar des Museums nehmen wir noch einen schnellen Kaffee, bevor wir wie die Schafe wieder in den Palast geführt werden. Wieder Leibesvisitation, wieder Taschenkontrolle. Wir dürfen zurück in unsere Umkleidezimmer. Es sind noch zweieinhalb Stunden bis zum Auftritt. Diesmal werden die Türen sogar abgeschlossen. – Man hat uns eingesperrt!!
Was haben wir jetzt zu tun? Schminken, Umkleiden, wieder Schlangestehen vor der einzigen Toilette. Ich bedaure die Männer, die sich nicht einmal schminken und sich also noch mehr langweilen müssen. Später erfahre ich, dass einige von ihnen so schlau waren, ein Kartenspiel mitzubringen. Ich führe einige sehr nette Gespräche mit meinen Chorschwestern und schreibe ein wenig Tagebuch. Dann werden die Noten sortiert. Vielmehr bleibt nicht zu tun. Mittlerweile hören wir Stimmen und Geräusche von jenseits der Tür. Eine Bewacherin steckt den Kopf zu uns herein und ermahnt uns, nicht so laut zu sein – das würde stören – und uns schon einmal in der richtigen Reihenfolge für den Auftritt zu sortieren. Folgsam stellen wir uns in zwei Reihen auf, mit richtiger Vorgängerin und Nachfolgerin. Endlich, eine Viertel Stunde später, wird die Tür geöffnet. In langsamem Zug werden wir von einem Zimmer ins nächste geführt – immer in zwei Reihen und der richtigen Reihenfolge. Im fünften oder sechsten Raum kommen die Männer aus einer anderen Richtung dazu – es ist wie ein Ballett. Endlich stehen wir alle vor der Tür zum großen Saal. Die Luft ist zum Schneiden, warm und ohne Sauerstoff. Ich habe das Gefühl, in Ohnmacht fallen zu müssen und nicht mehr auf meinen Pumps stehen zu können, die ich seit dem frühen Morgen an den Füßen habe. Ständig werden wir vom Personal zur Ruhe gerufen, obwohl wir nur flüstern und die Senatoren im Saal viel lauter quatschen. Schließlich werden wir eingelassen. Wir treten auf die Bühne in Reih und Glied, ohne Fehler – und niemand beachtet es. Ciampi ist nicht anwesend, auch andere Plätze wichtiger Personen sind leer geblieben. Welch eine Enttäuschung – aber Italien steckt wieder einmal mitten in einer Regierungskrise und muss just an diesem Nachmittag ein neues Kabinett bilden. Es kehrt Ruhe ein, der Chorleiter tritt auf – endlich gibt es auch Applaus. Eine Sprecherin des Chores begrüßt das Publikum und leitet in das Konzert über. Wir sind konzentriert, können unsere Enttäuschung herunterkämpfen, singen sehr gut. Das Auditorium ist weniger konzentriert: man schwatzt, schläft und klatscht an den falschen Stellen. Alles in allem kann man sagen, dass es ein kaltes Publikum ist. Am Ende wird unser Maestro von Frau Ciampi verabschiedet – quasi unter vier Augen, zu uns kein Wort. Wir treten ab und zwängen uns mit dem Publikum zugleich durch die enge Tür in Richtung der Häppchen, die in verschiedenen Räumen auf langen Tischen dargeboten werden. Unsere Herren mischen sich unerkannt unter das illustre Publikum und sind in nichts von den VIPs zu unterscheiden, während wir Damen wie große blaue Tauben in diesem besseren Nachthemd, welches unser Chorkostüm ist, durch die mit Gobelins und Kronleuchtern geschmückten Räume schweben. Manchmal werden wir angesprochen und für die schöne Darbietung gelobt. Ich fühle mich etwas verloren und müde und würde gerne nach Hause fahren. Dann wird es doch noch interessant, als ich mich einer kleinen Gruppe anschließen kann, die den Ausführungen eines Ortskundigen lauscht. Er zeigt und erklärt uns die „Cappella dell’Annunciata“ mit Fresken aus dem 17. Jahrhundert von Guido Remi. Besonders schön und selten ist das Bildnis der Gottesmutter, die inmitten von dienstbaren Engeln an einem Tuch näht. Es soll die einzige Darstellung einer nähenden Maria sein.
Nun ist es wirklich Zeit für die Rückfahrt. Mittlerweile ist es halb acht. Der Abendverkehr in Rom ist mehr als verrückt. Erst gegen zehn Uhr sind wir hinter den Gebührenhäuschen der Autobahn Richtung Neapel. Um halb eins endet die Fahrt, die wir mit Unterhaltungen, Schläfchen und Singen hinter uns bringen, auf dem Posillipo, wo mein Auto wahrhaftig noch steht.

Alltag

Wir leben immer noch im Dreck…

Freitag, 15. Oktober

Draußen wird der Garten gemacht und drinnen frisch abgebröckelte Putzlöcher neu verschmiert und angestrichen (bei jedem Windzug fällt eine Tür zu und es bricht wieder ein Stück Putz aus der Wand). Die Männer, die im Garten arbeiten sind dieselben, die die Wände verputzen. Auf diese Weise verteilen sie mit ihren Schuhen nassen Lehm in der ganzen Wohnung. Den Hund muss ich nun auch für geraume Zeit in der Wohnung halten, denn er hat Gefallen daran gefunden, sich im frisch ausgesäten Grassamen zu wälzen.

Mittwoch, 20. Oktober

Bei uns grassieren Bauchschmerzen und Kopfweh. Erst hat es mich gepackt (von Sonntag bis heute), jetzt liegt Johanna flach. Leider habe ich auch mein letztes Chorkonzert am Sonntag mit Bauchschmerzen über die Bühne gebracht. Mein geliebter Chor aus Rom war mir nämlich auf halber Strecke entgegen gekommen, und so haben wir in Arce, einem kleinen Bergnest in der Nähe von Frosinone gesungen. Da das Konzert erst am Abend stattfand, sind meine liebsten Freunde aus dem Chor schon mittags angereist, so dass wir einen schönen Tag gemeinsam verbringen konnten, ( wenn da nicht meine verdammten Bauchschmerzen gewesen wären).
Ich habe jetzt eine Putzfrau – zum ersten Mal in meinem Leben – denn dieses Haus raubt mir noch den letzten Nerv. Drei Etagen weiße Fliesen, vier Bäder und draußen eine Staub- oder Matschwüste (je nach Wetter) hätten mich langsam aber sicher um den Verstand gebracht. Jetzt habe ich eine Frau, die mir wenigstens die Kinderzimmer und die Badezimmer abnimmt. So komme ich auch wieder zum Tagebuchschreiben.

Donnerstag, 21. Oktober

Ich habe einen neuen Chor. Hat aber auch lang genug gedauert, dass ich einen neuen gefunden habe. Ich bin seit gestern Abend in den illustren Kreis der ‚Cantori di Posillipo‘ aufgenommen. Und das Beste ist, dass schon nächsten Freitag mein erstes Konzert sein wird. Wenn ich es richtig verstanden habe, findet es in der Kapelle der Heiligen Barbara im Castel Maschio Angioino, auch Castel Nuovo genannt. Wir werden das(?) Gloria von Vivaldi und die Fantasie Opus 80 von Beethoven zu Gehör bringen.

Freitag, 22. Oktober

Seit ein paar Tagen toben über Italien die alljährlichen Oktoberstürme. Ich bin gestern Nachmittag um drei Uhr in einen hurrikanartigen Wolkenbruch geraten – so was kannte ich bis jetzt nur aus dem Fernsehen. Der Wind peitschte den Regen von unten den Hang herauf, dass ich große Mühe hatte, den Wagen auf der etwas engen Küstenstraße von Pozzuoli zu halten. Bäume wurden entwurzelt, Mülltonnen kullerten über die Strasse, einmal gab es einen Stau, weil eine Straßenlaterne umgeknickt über der Fahrbahn hin und nur noch von einem Müllcontainer gestützt wurde. Es gab nur wenige Mutige, die unter der Laterne herfuhren, darunter ich, denn ich musste die Kinder von der Schule holen. Das Regenwasser konnte bei der Menge nicht in den verstopften Gullys versickern und rauschte deshalb als reißender Bach mit mir die Serpentinen nach Neapel hinunter. Reklameschilder lagen auf der Strasse und was sonst noch nicht niet- und nagelfest war. Heute morgen musste ich in der Zeitung lesen, dass ein Toter aufgrund des Unwetters zu beklagen sei.
Bei alledem haben wir es gar nicht kalt. Der Scirocco, das ist ein heftiger Wind, der von Afrika kommt, bringt ziemlich warme Luft mit sich, und so ist es trotz Wolken und Regengüssen immer noch um die 22 Grad warm. Wenn die Sonne herauskommt, kann man sich gleich im Top auf die Terrasse legen, um die Restsommerbräune zu pflegen.

Samstag, 23. Oktober

Heute sind wir dem Kaufrausch erlegen. Es wird langsam kühler und man bekommt Lust auf herbstlichere Kleidung. Im Navy-Exchange der Nato haben wir Shopping ‚alla Americana‘ gemacht. Mit dem Einkaufswagen alle Abteilungen abgrasend, haben wir die ganze Familie eingekleidet. Schuhe, Hosen, Hemden, Pullis, Socken, Halloweenmaske, Zahnpasta … ein Rundumschlag eben. Als wir dann gegen zwei Uhr, nach dem Besuch des Fastfoodladens, auch noch in ein ganz normales italienisches Spielwarengeschäft gehen wollten, wurden wir unfreiwillig daran erinnert, dass die Italiener eine lange Mittagspause machen, um dann von halb fünf am Nachmittag bis in die Puppen zu öffnen. —

Neues Thema: Schule. Gestern stand in der Zeitung (Lokalteil Repubblica), dass die Schulen in besonderen Risikogebieten (Gewalt, Drogen, Armut..) besondere Zuwendungen, d.h. auch höhere Lehrergehälter (Gefahrenzulage), bekommen. Das sind in Neapel immerhin dreißig Schulen, die in den Genuss der Unterstützung kommen. Die Zeitungsmeldung behandelte vor allem den Protest anderer Schulen, die sich auch zu den Risikoschulen zählen und sich zu unrecht von den Zuwendungen ausgeschlossen fühlen.
Wir schicken unsere Kinder aus gutem Grund in die Internationale Schule Neapel und ernten dafür in Bonn beim Dienstherr Unverständnis, da laut europäischer Kultusministerkonferenz alle staatlichen Schulen Europas gleich sind.

Sonntag, 23. Oktober

Um 12 Uhr mittags hatte ich eine Sonderprobe mit Orchester für das Konzert am Freitagabend. Was lag näher, als die ganze Familie mit nach Neapel zu nehmen? Sie vertrieben sich die Zeit in der schönen Villa Communale, dem öffentlichen Parks Neapels direkt am Wasser. Dort gibt es einen Rollschuhplatz, man kann Fahrradrikschas für die ganze Familie ausleihen, es gibt Spielplätze und nette Lokale. An diesem Sonntag gab es auch einen Antiquitätenmarkt. Ich habe ein paar Bilderrahmen erstanden, denn unsere Wohnung ist doch immer noch sehr kahl. Es war ein komisches Wetter für Ende Oktober. Die Luftfeuchtigkeit war so hoch, dass man den Eindruck bekam, das Wasser würde am Körper kondensieren. Dabei war es warm wie in einer Waschküche. Bei der kleinsten Bewegung brach man in Schweiß aus. Auch die Chorprobe in dem kleinen Saal, der sonst gerade für den Chor ausreicht, war heiß und stickig. Der Chor quetschte sich an die Wand, während der Rest des Raumes vom ziemlich großen Orchester ausgefüllt wurde. Ich kam direkt hinter den Oboen zu stehen und auf diese Weise schnell ins Gespräch. Die Musiker waren zum größten Teil Mitglieder des Orchesters der Oper San Carlo. Als der zweite Oboist hörte, dass ich auch Oboe spiele, gab er mir zu meinem größten Erstaunen seine Oboe und ließ mich darauf spielen. Ich würde mein Instrument an niemanden verleihen, und auch der erste Oboist schaute ein wenig verständnislos.
Nach einer Stunde war die Probe für den Chor schon beendet. Ich bummelte an der Wasserlinie des Golfs von Neapel zurück zu meiner Familie. Ich konnte sie nicht gleich finden und so schlenderte ich ein wenig über den Flohmarkt. Dann habe ich meinen Mann zu einem spritzigen Cocktail auf der Uferpromenade eingeladen. Unter hohen Platanen schauten wir direkt aufs Meer, welches hier in einem großen Bogen unterhalb des Bergrückens von Posillipo einen Teil des Golfes bildet.
Es hätte sehr romantisch sein können, wenn wir nicht immerzu von diesen bettelnden Straßenkindern auf Rollschuhen belästigt worden wären. Wir hätten uns am liebsten beim Wirt beschwert, aber es handelte sich ausschließlich um unsere eigenen drei Kinder, die ständig etwas wissen und vor allem von unseren Knabberkeksen naschen wollten.

Mittwoch, 27. Oktober

Oktober?? Hier ist ein Wetter wie im schönsten August in Deutschland, und das schon seit einer Woche. Gestern Abend waren es in Neapel Stadt um 23 Uhr am Wasser immer noch 24 Grad Celsius – und das bei wolkenlosem Himmel. Und feucht ist die Luft – irgendwie waschküchig. Sobald man einen Handschlag zu viel tut, bricht der Schweiß aus. Die große Wärme soll auch dafür verantwortlich sein, dass der Vesuv ab und zu mal rumpelt. Heute war es wieder soweit. Ich werde berichten.
Und was machen die Kinder? – Die feiern Halloween, denn sie sind in ihrer internationalen Schule in einem eher amerikanischen Umfeld – also wird sich verkleidet, die Leute erschreckt und um Süßigkeiten gebettelt. Jetzt weiß ich, warum wir Karneval lieber im kühlen Februar feiern. Da kann man sich wirklich nach Herzenslust verkleiden, ohne gleich zu schwitzen. Hier gibt es übrigens außer Hexen, Skeletten und Pumpkins (Kürbisse) eine erstaunlich hohe Zahl an Darth Vadern und Obi Wans – alle ausgerüstet mit Lichtschwertern.
Gleich breche ich zu meiner fünften Chorprobe innerhalb der letzten zwei Wochen auf. Generalprobe mit großem Orchester! Übermorgen ist Konzert.

Montag, 8. November

Das Konzert in Santa Barbara war schön und anstrengend. Es war ein sehr warmer Abend und unter den starken Scheinwerfern, die die Bühne beleuchteten, war es wie in einer Sauna (Chorkostüm: langer, schwarzer Rock, schwarzer Pulli und schwarzer Seidenponcho noch darüber). Auf der Fahrt zum Castel Nuovo, in dem die Kapelle liegt, bekam ich zum ersten Mal wirklich das harte Brot des neapolitanischen Straßenverkehrs zu schmecken. Ich hatte ein Stunde für die Fahrt, die normalerweise eine halbe Stunde dauert, veranschlagt. Aber schon bei der Einfahrt in die Stadt musste ich erkennen, dass die Situation am Freitagabend doch ziemlich schlimm ist. Ich hatte es eilig und es war ein bisschen wie Krieg um den besten Platz an der Ampel. es war ein einziges Gerangel und Geschiebe in drei- bis vierspurigen Reihen, obwohl höchstens zwei Reihen vorgesehen waren. der Zeiger der Uhr rückte bedrohlich auf sieben Uhr zu, obwohl ich noch nicht einmal den Tunnel unter dem Bergrücken Posillipo hindurch war, der wie ein Riegel zwischen uns und Neapel liegt. Da kam es dann, dass ich beim Manövrieren vor einer Ampel die Stoßstange eines Taxis berührte und sie einmal von vorne bis hinten an unserem Auto vorbeischrammen ließ. Das meiste waren zum Glück Abriebspuren, die sich am nächsten Tag gut beseitigen ließen. Blöder war, dass ich die Sache nicht ganz so ernst nahm wie der Taxifahrer, der mich im Tunnel überholte und zum Halten zwang. Er war ein wenig aufgebracht, dass ich nicht von mir aus angehalten hatte (die Eile!), aber als er sah, dass eigentlich nur mein Auto den Schaden hatte, ließ er mich ganz freundlich weiterfahren. Nach alledem kam ich dann mit zwei Minuten Verspätung im Burghof des Castellos an. Ich hatte einen Freund aus Rom dabei, den ich kostenlos unter die Zuschauer schmuggeln wollte, denn Eintrittskarten gab es schon längst keine mehr. Er durfte zwar hinein, aber doch nicht so ganz umsonst – er musste das ganze Konzert auf der Videokamera des Chores filmen. Am Ende des Abends, den er nur durch den Sucher der Kamera erlebt hat, beklagte er sich über einen steifen Arm.
Am nächsten Morgen gab es einen weiteren musikalischen Leckerbissen: eine Generalprobe im ehrwürdigen Teatro Sankt Carlo, einem der schönsten Opernhäuser der Welt. Ich hatte während der Proben für unser Konzert den Englisch-Horn-Spieler des Orchesters von Sankt Carlo kennengelernt, und als er mich zur Generalprobe einlud, habe ich natürlich nicht nein gesagt. Und der Musikgenuss war einfach wunderbar. Das Orchester probte unter der Leitung von Evelino Pidò für den gleichen Abend vier programmmusikartige Stücke: Pacifc 231 von Arthur Honegger, ein Konzert für zwei Klaviere von Francis Poulenc, den Zauberlehrling von Paul Dukas und La mer von Claude Debussy. Es war ein Gesamtgenuss, diese spritzige Musik in einem so schönen Ambiente erleben zu dürfen. Wer mag, kann sich einen hier kleinen Einblick hinter die Kulissen des Opernhauses San Carlo verschaffen.
Am Montag, Allerheiligen und Feiertag auch in Italien, haben wir mit unseren Nachbarn und meinen Eltern, die am Sonntag zu Besuch gekommen sind, einen echt italienischen Familienausflug veranstaltet. Mit zwei Autos starteten wir gegen elf Uhr mit den Autos in die Berge, zu den Laghi di Monticchio in der Basilicata. Das war eine Fahrt von fast zwei Stunden. Das Wetter war herbstlich sonnig und die Temperaturen am See und überhaupt die ganze Atmosphäre erinnerte an einen schönen Herbsttag im deutschen Mittelgebirge. Da ein freier Tag viele Familien zu einem Ausflug verlockt und es in Italien so gut wie keine Wanderwege gibt, sind die wenigen Ausflugsziele schnell überlaufen. Hier war es ähnlich. Als wir ankamen, waren die Picknicktische, die am Rande der Straße zwischen Wald und See verläuft, schon mit Tischdecken eingedeckt und brachen fast unter der Last der mitgebrachten Speisen. Für meinen Geschmack hatte der ort mehr von einem Rummelplatz als von einem Ort in der Natur. Es gab Planwagenfahrten zu mieten, eine Eisenbahn auf Rädern, Ponys, ein ganze Reihe von Verkaufsständen und mehrere Einkehrmöglichkeiten. Eine kleine Stehkneipe hatte den merkwürdigen Namen Am See bhai Pietro. Als wir noch davor standen und über diese seltsame Deutsch nachdachten, erschien der Wirt und erklärte auf deutsch, dass er es so aufschreiben musste, sonst hätten die Italien das bei falsch ausgesprochen. Wir stellten unsere Autos auf den Parkplatz eines Gartenrestaurants, in dem wir nach unserem Spaziergang um den kleineren See der beiden Monticchioseen essen wollten. Die Kinder wollten lieber Tretboot fahren, statt zu laufen, und so schickten wir den Opa mit vier Kindern auf den See, während wir ihn langsam zu Fuß umrundeten. Der ganze Spaziergang nahm etwa eine halbe Stunde in Anspruch, womit wir uns als gute ‚italienische‘ Familie die Einkehr ins Restaurant wohl verdient hatten. Wir haben lange an einem der Tische im garten gesessen und sehr lange auf unsere Speisen gewartet. Dabei wurde es immer vergnüglicher, bis wir das ganze Treffen abrupt auflösen mussten, denn es fiel uns ein, dass noch genau zwei Stunden bis zur Ankunft einer deutschen Freundin am Flughafen Napoli blieben. Nur soviel: wir haben es mit knapper Not aber rechtzeitig geschafft.

Montag, 15. November

Thema Müll. Von Mülltrennung hat man hier allenfalls schon mal aus dem Fernsehen gehört – es soll ja entfernte Länder geben, die so was versuchen. Hier wird der Müll folgendermaßen entsorgt: man sammelt alle entstandenen Abfälle in einem großen Sack. Wenn er voll ist, kommt er auf den Hof oder auf den Balkon. Dort wartet er mit seinesgleichen auf das Wochenende. Am Samstag lädt der neapolitanische Familienvater alle Säcke (es sind mindestens 5) auf den Dachgepäckträger seines Autos und fährt alles bis zu den nächsten Gemeinschaftsmülltonnen, die an den größeren Strassen am Straßenrand stehen. Dort stellt er erleichtert fest, dass er nur noch 2 bis 3 Säcke in die übervollen Container stopfen muss, da die anderen schon während der Fahrt heruntergefallen sind. Die eigentliche Mülltrennung geschieht hier nachts. Dann kommen die Straßenhunde und reißen die Säcke auf, um Essbares von Ungenießbarem zu trennen.

Dienstag, 16. November

Seifenoper ’neues Haus‘ – zigste Folge: seit Wochen haben wir immer mal wieder Regen. Das bedeutet in Neapel ganz konkret: Wolkenbrüche, Sturm und Gewitter. Es regnet nie lange, aber immer die Niederschlagsmenge einer Wochenration in Deutschland. Dass dabei jedes Mal unser Garten wegge- und unterspült wird, daran habe ich mich schon längst gewöhnt. Übler ist, dass auch die Strasse vor dem Haus, die keine ist, immer tiefere Canons bildet. Leider ist es wieder einmal mir und nicht Michael passiert: ich bin mit Wucht von einem Schlammhügel abgerutscht, mit dem Auto, wobei der vordere Spoiler völlig aus seinen Angeln gehoben wurde und nun verbogen ist. Zusammen mit den anderen ‚kleinen‘ Schäden am Haus brachte das das Fass zum Überlaufen. Wir haben den Vermieter zu uns nach Hause bestellt, damit er sich die Mängel einmal selbst besieht und vor allem meinen Unmut zu spüren bekommt. Der Termin wurde für heute morgen um zehn angesetzt. Der Vermieter kam pünktlich, mein Mann nicht (er sollte unbedingt dabei sein.) Ich habe meinen ganzen Frust vom Hals geschimpft, dabei versucht freundlich zu bleiben. das ist gar nicht so einfach, wenn man wütend ist und auch noch in einer Fremdsprache schimpfen will. Außerdem sind freundliche Deutsche für Italiener schon unter normalen Umständen nicht freundlich genug. Das Ergebnis: eventuell gibt es nächste Woche eine Strasse, die Schäden am Auto zahlt niemand, und wenn mir das Haus nicht gefällt, dann kann ich ja in ein anderes ziehen.

Mittwoch, 24.November

Die Blüten der Engelstrompeten bekommen langsam braune Ränder, sie welken; am Wege blühte mir heute Morgen eine frische Rose. Gestern Abend versank die Sonne nach einem strahlenden Tag blutrot im Meer (bei Capri). Endlich ist wieder schönes Wetter!
Letzten Freitag hatte ich in der Stadt eine Verabredung. Taku, ein japanischer Freund aus meinem Italienischkurs in Rom, wollte sich Neapel anschauen und mich bei der Gelegenheit wiedersehen. Der Morgen begann herbstlich frisch mit ein wenig Nieselregen, so dass ich mich schon in einen deutschen Septembertag versetzt sah. Wir schlenderten durch die „Villa Communale“, der guten Stube Neapel, zum Ufer. Der Regen wurde stärker, aber noch waren wir guten Mutes. Welch ein Schauspiel. Der Wind blies so stark, dass die weiße Gicht an den Mauern vom Castel dell’Ovo hochschoss und die Wellen in riesigen Brechern gegen die Ufermauern krachte. Wir kamen nur mühsam gegen den Wind an – und fanden es immer noch lustig. In einem gemütlichen Cafè mit großen Panoramascheiben direkt am Ufer konnten wir uns von den ersten Strapazen und für die noch kommenden bei Cornetto und Cappuccino stärken. Endlich konnten wir auch erzählen, denn das war bei dem Wind und Wetter draußen nicht möglich. Die ganze Atmosphäre erinnerte mich stark an einen Spaziergang am Elbufer in Hamburg bei Springflut. An einen Stadtbummel war nicht zu denken – der Regen nahm ständig zu. Wir dachten, man könnte das Castel dell’Ovo besichtigen, und so machten wir uns auf den Weg. Über die Straße (lebensgefährlich!) und über den Damm mit dickem rutschigen Kopfsteinpflaster, der das Castello mit dem Festland verbindet. Hier kam zum Regen die sprühende Gicht dazu. Einmal drehte sich Taku zu mir herum, um mir etwas zuzuschreien, da bekam er einen ganzen Schwall Meerwasser direkt ins Gesicht. Nachdem wir all diese Mühe auf uns genommen hatten, gab man uns im Innenhof der Burg die traurige Auskunft, dass sie natürlich bei diesem Wetter nicht zu besichtigen sei. Schließlich kann man nicht drinnen, sondern nur oben auf den Festungsmauern wandeln. Sicher ein Erlebnis bei Sturm, aber auch viel zu gefährlich. Wir sind noch einige Zeit im Regen herumgelaufen; haben die Kirche San Francesco di Paola besichtigt, einen Blick in den Palazzo Reale geworfen. Taku wollte zum Archäologischen Nationalmuseum, und so haben wir uns bald getrennt, denn dafür reichte meine Zeit nicht mehr. Mittlerweile war ich nass wie eine Katze und trotz der 16 Grad, die es am diesem Morgen hatte, wurde mir unangenehm kalt.


Im Laufe der Woche gab es neue Entwicklungen in der Fortsetzungsgeschichte „Neue Straße“. Erst setzte das Auto einer Bekannten auf einem großen Stein mitten in Strasse auf, als sie mir die Kinder von der Schule nach Hause bringen wollte. Zum Glück hatte ich wie so oft Handwerker im Haus, die uns halfen, das Auto wieder flott zu bekommen.
Vorgestern morgen – ich kam gerade aus der Schule zurück – steckte das Auto meiner Putzfrau mit dem rechten Vorderrad so in einem Schlammcanyon, dass das linke Hinterrad frei in der Luft hing. Sie war verzweifelt und alles Ruckeln und Anfahren half natürlich gar nichts. Diesmal gab es keine starken Männer weit und breit. Ich rief Gennaro an, unseren Automechaniker und mittlerweile Freund, der ganz in der Nähe wohnt. Er versprach baldmöglichst zu kommen. Unterdessen nahm meine Putzfrau die Arbeit auf. Gemeinsam mit Gennaro habe ich dann die Kiste mittels Seilen und meinem armen Auto im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Dreck gezogen. Eine Nachbarin und Miteigentümerin dieser Nichtstraße kam hinzu, und so ließ ich all meinem Unmut über diese Situation freien Lauf. Denn der wahre Grund, warum es immer noch keine Straße gibt, obwohl die meisten Häuser an diesem Weg schon seit zehn Jahren stehen, ist, dass die Nachbarn sich nicht über die Bezahlung der dringend erforderlichen Straße einigen können. Und so streiten sie sich schon seit Jahren – ohne Erfolg – und nehmen stattdessen ständige Reparaturen an ihren Fahrzeugen in Kauf.
Und dann geschah gestern Morgen das große Wunder: ein Raupenfahrzeug kam und ebnete die ganze Fahrbahn und füllte die Löcher auf. – Heute Morgen – ich höre den Lärm der Maschinen – sind sie dabei, kleine Steine als Untergrund für den Asphalt zu verteilen. Ich hoffe jetzt bloß, dass sie die Arbeit beenden können, bevor der nächste Regen einsetzt und sich neue Canons auftun.

Freitag, 26. November

Das Wunder ist geschehen: wir haben eine richtige Strasse, eine glatte Teerdecke, vor dem Haus!
Eviva und hip hip hurra!!

Dienstag, 30. November

Heute morgen muss ich die Kinder in die Schule fahren. Es ist herrliches Wetter – zum Fotografieren schön, aber leider habe ich die Kamera nicht dabei.
Ich kehre nicht sofort nach Hause zurück, denn ich will spazieren gehen. Ich lenke den Wagen immer entlang der Küste zur nördlichsten Ecke des neapolitanischen Golfes, dem Capo Miseno. Ziemlich eng und kurvenreich windet sich die Strasse durch Pozzuoli und Baia, immer vorbei an den verschiedensten Gewässern: dem Lago Lucrino, Lago Fusaro, Mare Morto, Lago Averno und den „beiden“ Meeren: dem Golfo di Pozzuoli und dem thyrenischen Meer. Endlich komme ich nach Miseno, welches nur über eine Landenge zu erreichen ist. Ich mache nicht wieder den gleichen Fehler, wie schon einmal, als ich auf einer Einbahnstraße einmal im Kreis geleitet gleich wieder aus dem Ort geworfen wurde, sondern halte mich im Ort immer rechts, so dass ich schließlich in die Via Faro gelange. Mein Ziel ist der Berg, der das Capo Miseno und den Golf abschließt. Die Strasse wird immer enger; mein Wagen passt gerade noch durch und trotzdem ist es keine Einbahnstraße. Plötzlich stehe ich vor einem engen, langen Tunnel, der nur für Anliegerverkehr erlaubt ist. Nun bin ich aber nicht so weit gefahren, um mich von einem solchen Hinweis aufhalten zu lassen. Ich fahre durch den Berg und werde an der anderen Seite des Tunnels mit einem grandiosen Ausblick auf das offene Meer und einer kleinen Klippe mit einem weißen Leuchtturm darauf belohnt. Links von mir erhebt sich der Berg, rechts liegen ein paar Villen wie in einen großen Garten geschmiegt – vor mir endet die Strasse an einer Mauer. Etwas enttäuscht parke ich den Wagen, denn ich will wenigstens ein wenig das Panorama genießen, wenn ich schon nicht spazieren gehen kann. Als ich aussteige, bemerke ich einen Pfad, der den Hang hinaufführt. Wie herrlich! Es ist wahrhaftig ein mehr oder weniger guter Weg bis hinauf auf die Spitze. Zu Anfang noch mit Tuffblöcken gepflastert und mit einem Mäuerchen eingefasst windet sich der immer enger werdende und vom Gras und Gesträuch überwucherte Weg in einem angenehmen Bogen hinauf. Immer wieder gibt es neue Ausblicke, vor allem auf die Insel Procida, die ich von hier ganz von oben überblicken kann. Die Festung, ein ehemaliges Gefängnis, leuchtet trutzig in der Morgensonne. Tief unter mir sehe ich die Fährschiffe und Fischerboote fahren. Am Horizont in südlicher Richtung habe ich die ganze Skyline des Golfs von Neapel bis nach Sorrent vor Augen. Besonders schön ist, dass der Morgendunst die unteren Abschnitte, und damit Neapel und die Industrieanlagen mit einem weißen Schleier verdeckt, so dass es aussieht, als sei dieses land von Menschen unberührt. Der Vesuv und die Berge von Sorrent stechen klar gegen den blauen Himmel ab, darunter ein weißer Dunstschleier, und noch darunter das Meer mit vereinzelten Booten. Mittlerweile habe ich den Gipfel des Monte Miseno erreicht, der mehr wie eine Hochebene daliegt. Unter dem üppig wuchernden Grün liegen Ruinen von mehreren Häusern begraben – schwer zu sagen aus welcher Zeit, jedoch sicher nichts Antikes. Am äußersten Punkt, der ja immer noch mein Ziel ist, erhebt sich ein großer einsamer Eukalyptusbaum. Mittlerweile ist es halb neun. Mir ist vom Aufstieg sehr warm geworden. Ich breite meinen Mantel als Decke auf den Boden und genieße die Ruhe und die Sonne, die immer noch große Kraft hat. Da es außerdem windstill ist, kann ich sogar den Pulli ausziehen und im T-Shirt ein Sonnenbad nehmen. Immerhin sind es etwa 19 Grad und das am letzten Novembertag.
Dann kommt der Abstieg, der wieder neue Ausblicke eröffnet, diesmal auf die Buchten von Miseno und Baia, auf den Strand von Miseno. Am Horizont liegt Pozzuoli, mittlerweile von der Morgensonne in helles Licht getaucht.
Am Ende meines Weges, ganz in der Nähe meines Autos, treffe ich auf Luciano, der angefangen hat, den Weg von Unkraut zu befreien. Ich lobe die Schönheit dieses Fleckchens Erde und wir stellen uns einander vor. Er will mir noch einen besonderen Ausblick zeigen. Ich folge ihm ein paar Meter durch einen anderen engen Pfad, und wirklich, man überblickt den Golf wieder aus einer anderen Perspektive und sieht die Klippen unterhalb des Capo Misenos im Wasser liegen. Leider verdirbt Luciano hier meine schöne Stimmung, indem er ziemlich plumpe Annäherungsversuche macht. Ich sehe zu, dass ich Land gewinne und fühle mich in meinem Auto um einiges sicherer. Schade, das nächste Mal werde ich mich wohl nur in Begleitung in dieses Paradies wagen.

1. Dezember

Chorabend. Ich verlasse um 19 Uhr zwanzig das Haus. Zeit genug um gemütlich durch den Abendverkehr in die Stadt zu gondeln. Um es noch schneller zu machen, nehme ich die Tangenziale, will in Fuorigrotta ‚runter, um die Vororte zu umfahren. Das kostet ein wenig Geld, aber spart eine viertel Stunde. Doch schon nach der ersten Abfahrt (Agnano) ein Stau! Man schiebt sich vier- bis fünfreihig, wo sonst nur drei Spuren flotten Verkehr gewährleisten. Dazwischen Abschleppwagen, Polizisten mit Blaulicht. Sicher ein Unfall. Einer? Nein, gleich mehrere. Meistens hässliche Auffahrunfälle mit Blechschaden. Aber das ist nicht der Grund für das Chaos.
An der Abfahrt Fuorigrotta (eine Stunde später!) kann ich mir alles erklären. Man verkauft Eintrittskarten für das Fußballspiel zwischen „Il Napoli“ und „Juventus Torino“, das in zehn Minuten angepfiffen wird. Nach weiteren zehn Minuten habe ich endlich das Stadion Paolo hinter mir gelassen, wo wie wild geparkt wird. Mittlerweile höre ich die Jubelschreie der „Tifosi“ sowohl im Radio als auch von draußen. Den Rest des Weges (den längste Teil) rausche ich ohne Behinderung weiter, finde einen passablen Parkplatz und öffne um 20 Uhr 45 die Tür zum Probenlokal. Man probt bis zehn nach zehn. Also war der Weg nicht ganz vergebens. Demnächst werde ich mich besser über die Fußballspiele in Neapel informieren.
Napoli hat übrigens 1 zu 3 verloren. Kommentar im Radio: La Juve war ganz la Juve und il Napoli – eh beh.

Samstag, 4. Dezember

Unser Haus ist heute Abend Austragungsort für einen „internationalen“ Kochwettbewerb. Roberto und Lilia kommen aus Rom und kochen piemontesische Vorspeisen – wobei Roberto kocht und Lilia die Handreichungen macht. Die Küche verwandelt sich ab zehn Uhr morgens in ein Schlachtfeld. Eine „bagna caôda“ auf gedünstetem Gemüse und eingelegte Anchovis sind das köstliche Ergebnis. Unsere Nachbarn Franco und Patrizia, beide 100% Neapolitaner, zaubern aus Kalamares, Sahne und Nudeln eine sogenannte Papardella als primo – also die erste Hauptspeise, die in Italien immer ein Nudel- oder Reisgericht ist. Wir Deutschen steuern den zweiten Gang (secondo) und den Nachtisch bei. Wir garen einen Rollbraten in der Bratfolie, mit beigelegten Zwiebeln und Rosmarinnadeln. Einfach aber sehr effektiv – wahrhaftig deutsch! Dazu gibt es grüne Bohnen mit Speck und Tomaten. Den Nachtisch, eine Bayerische Creme alla Orange, habe ich schon am Vortag in aller Ruhe zubereitet. Dazu kann ich keine Zuschauer gebrauchen.
Der Abend ist gelungen. Keiner der Teilnehmer muss sich mit schlechten Noten begnügen. Wir haben alle gewonnen und sind begeistert. Sowohl der piemontesische als auch der neapolitanische Rotwein tragen das Ihrige zur guten Stimmung bei.
Roberto und Lilia bleiben noch bis zum nächsten Tag und erleben ein echt deutsches Adventsfrühstück. Sozusagen ein Frühstück deluxe – etwas absolut Ungewohntes für Italiener. Aber sie scheinen es zu genießen; sowohl die Atmosphäre als auch den deutschen Kaffee, das Brot, den selbstgemachten Quittengelee, den stimmungsvoll gedeckten Esstisch mit Adventskranz und festlicher Musik. Da passt es geradezu, dass draußen ein scheußliches Regenwetter herrscht und es niemanden zu Ausflügen drängt.
Am späten Nachmittag wagen wir uns dann doch noch in die Stadt und schieben uns durch die enge „Spaccanapoli“, in der es unzählige Stände mit den typischen Weihnachtskrippen, aber auch Krippenzubehör, gebrannte Mandeln, Maronen und Antiquitäten gibt. Leider werden wir auch hier nicht vom Regen verschont. Wir wollen noch auf einen Kaffee im Caffè Gambrinus einkehren, aber dort schiebt sich auch eine riesige Menschenmenge. Wir verzichten, schauen uns nur kurz in diesem berühmten und schönen Ort um – und flüchten nach Hause.

Stadtführung

Samstag, 8. Januar 2000

Es ist neun Uhr morgens und Neapel liegt mir zu Füßen. Die Morgensonne liegt auf dem Posillipo und wärmt freundlich die beiden Zeitreisenden durch die Geschichte der Stadt Neapels, die an diesem Januarmorgen das Herz Partenopes suchen. Ich habe einen kundigen Führer zur Seite, der sich schon seit vielen Jahren mit der Stadt beschäftigt hat, und der mir den freundlich-chaotischen Koloss näher bringen will.

Da unten liegt sie, die wimmelnde Großstadt, eingezwängt zwischen die Hügel des Vomero und dem Meer. Wo das Castel dell’Ovo im Wasser zu schwimmen scheint und auf dem Felsen (Pizzo Falcone) gegenüber, hat alles angefangen. Etwa im 8. Jahrhundert vor Christus gründeten Griechen dort eine Stadt und nannten sie Partenope. Nach dem Krieg mit den Etruskern konnten die Griechen aus dem nahen Cumae, welches die erste griechische Siedlung auf dem Festland war, nach dem sie schon lange auf Ischia und Procida ansässig waren, zwar die Oberhand behalten – jedoch war Cuma so zerstört und geschwächt, dass man sich unweit der alten Stadt, nun Paleopolis genannt, ansiedelte. – Neapolis, die neue Stadt, wurde gegründet. Nach heimatlichem Vorbild legte man etwa 470 v. Chr. ein regelmäßiges Straßennetz an, welches noch heute das Bild der Altstadt Neapel bildet. Drei Decumani verlaufen in Nord-Südrichtung und werden von circa zwanzig Cardines in ostwestlicher Richtung geschnitten.

Die Besiedelung der Stadt nimmt im Laufe der Jahrhunderte das ganze Tal ein, bis hinauf auf den Vomero, die Hänge des Vesuvs und machte zuletzt nicht einmal Halt vor dem schönen Posillipo, der mittlerweile auch bis auf den letzten Meter vielstöckig bebaut ist. – Einst ein Ort der Ruhe, Erquickung und Meditation (Pausilypon (griech.) = ohne Schmerzen), ist er selbst heute noch von atemberaubender Schönheit. Erst relativ spät, im 18. Jh., ließ Karl III. das Ufer vor der Riviera di Chiaia aufschütten und die Villa Reale anlegen, der Park, der heute zur Vorzeigegrünfläche, der Villa Comunale, geworden ist. Zu allerletzt und aus der Not der Verkehrs- und Bevölkerungsdichte heraus , wurde die Straße direkt am Ufer, vor dem Park und zwischen Castel dell’Ovo und Pizzo Falcone gebaut. Man muss bedenken, dass Neapel Europas dichtbesiedelste Großstadt mit den wenigsten Grünflächen ist.

Bevor es jedoch so weit war, kamen erst die Römer, dann die Normannen und später die Spanier und wurden die Herren der Stadt. Direkt an den Rand der Altstadt ließ der spanische Vizekönig Don Pedro de Toledo 1536 die Via Toledo anlegen. Jenseits davon ließ er Wohnungen für seine Soldaten errichten: das spanische Viertel, die Quartieri Spagnoli. Es heißt, er wäre bei der Verteilung der Wohnungen so vor gegangen: die Männer stellten sich auf einem Platz an der Via Toledo auf und mussten sodann auf Kommando loslaufen. Jeder bekam die Wohnung, die er zuerst besetzen konnte. Noch heute sagt man in Neapel: „Wer zuletzt kommt, wohnt schlecht.“

fondaco di Napoli
fondaco di Napoli

Wir sind mittlerweile trotz der vielen Erklärungen durch das Fischerdorf Chiaia den Posillipo heruntergestiegen, haben bei Mergellina (aus dem Französischem = merveilleuse / wunderbar) gefrühstückt und sind mit dem Bus R3 an den schönen Häusern der Riviera di Chiaia entlang zur Mole Beverello gelangt. Sie hat ihren Namen von einer Trinkwasserquelle, die in der Nähe des Castel Nuovo sprudelte. Die Schiffe konnten so direkt am Hafen ihre Süßwasservorräte auffrischen. Manchmal führt die Quelle jetzt noch Wasser.

Der Bus hält an der Via Toledo und hier endet auch der vogelperspektivische Überblick über die Stadt. Wir tauchen nun direkt mit der Nase in den alten Kern, der die Zeitläufte fast unbeschadet überstanden zu haben scheint. Mit der Nase? Nein – mit allen Sinnen muss man Neapel erfassen; das Gewimmel sehen, riechen, hören und begreifen. Ja, sogar die Füße tragen mit dazu bei, die Geschichte zu verstehen, wenn sie das Pflaster aus Pipernum betreten – den schwarzen Vulkanstein, mit dem so vieles hier erbaut wurde und einen schönen Kontrast zum Tuffgestein bildet, aus dem die Stadt ansonsten besteht. Es handelt sich dabei um Lavaasche vom Vesuv, von einem nachfolgenden Ausbruch überdeckt und unter hohem Druck und Hitze zu festem schwarzen Stein geworden. Auch für die sogenannte Diamantquaderfassade der Kirche Gesu Nuovo, vor der wir mittlerweile stehen, wurde es verwendet. Diese, eigentlich in Florenz gebräuchliche Art der Fassadengestaltung, gibt es in Neapel nur hier und an einem Palazzo an der Via Toledo. Auch Gesu Nuovo war einmal ein Profanbau, gehörte zum Palazzo Sanseverino aus dem 15. Jh., wurde aber im 17. Jh. zur Kirche umgebaut, wobei die Fassade in den Bau integriert wurde. Im Innern, das meiner Meinung nach ziemlich unübersichtlich eingerichtet ist, finden sich wunderbare Marmorarbeiten und ein großes Fresko von Francesco Solimena von 1725. Vor der Kirche leuchtet mitten im Grau der Gassen die Guglia dell’Immacolata in der Sonne. Sie wurde im 18.Jh. aus Dankbarkeit für die wunderbare Errettung der Bewohner eines Hauses an diesem Platz aufgestellt. Ein Priester, der in diesem Haus wohnte, hatte im Traum den Einsturz des Palastes gesehen und es evakuieren lassen – gerade rechtzeitig.

Wir schlüpfen nun am großen Turm der Kirche Santa Chiara vorbei in die Spaccanapoli ein, die unterste (inferiore) der drei alten Decumani. Eng und schnurgerade scheint sie Neapel zu spalten – daher der Name. Und nun sind wir umringt von Geschichte – als könnte jeder Stein sprechen.  Ich muß mich beschränken, etwas aus der Vielfalt auszuwählen, so schwer es mir auch fällt. Besonders schön und seltsam finde ich die Kirche San Domenico Maggiore, von der wir auf der gleichnamigen Piazza nur die Apsis erblicken, die unweigerlich an maurische Einflüsse denken lässt. Die Kirche wurde im Jahre 1283 von Karl I. von Anjou erbaut und ist eigentlich gotischen Stils, der jedoch so oft umgebaut wurde, dass man eben auch eine maurische Apsis finden kann. Im Innern findet sich ein Bildnis des gekreuzigten Christus, das mit Thomas von Aquin geredet haben soll, der hier zwei Jahre im angrenzenden Kloster gelebt hat. Ganz weltlichen Genüssen kann man sich gegenüber der Kirche in der Pasticceria Scaturchio hingeben, angeblich eine der besten der Stadt.

Wir lassen den Platz mit der großen Guglia di San Domenico, die nach der Pest von 1656 errichtet wurde, hinter uns und schlüpfen in die kleine Kirche Sant’Angelo a Nilo. Hier findet sich das Grabmal Kardinal Brancaccios, welches aus der Schule Donatellos stammt, der 1426 eigenhändig das Basrelief vorne am Sarkophag schuf, und nach Neapel schickte.

Weiter geht es die Straße hinauf in den Innenhof der Monte di Pietà. Aus dieser barmherzigen Einrichtung für Opfern von Geldverleihern aus dem 16. Jh. geht die Banco di Napoli hervor, die hier noch immer ihren Stammsitz hat.

Ein weiteres Kleinods Neapels liegt ein paar  Strassenecken weiter. In der Via Francesco de Sanctis Nr. 19, etwas unscheinbar in einem normalen Wohnhaus, finden wir den Eingang zur Cappella Sansevero.  Die kleine Familienkapelle derer von Sansevero wurde im 18. Jh. von Raimondo di Sangro, Prinz  von Sansevero, geplant. Der realtiv kleine, jedoch üppig ausgestattete Raum wirkt nahezu mystisch.  Da der Prinz Mitglied der Freimauerer war, finden sich für den kundigen Betrachter eine Fülle von Freimaurersymbolik in den Kunstwerken und sogar auf dem Fussboden.  Besonderer Anziehungspunkt der Kirche ist der Verhüllte Christus (Christo velato), der aus einem Marmorblock gehauen, auf dem Sarkophag in der Mitte der Kirche liegt. Wie durch einen Schleier sieht man den Körper hindurchscheinen – und bis heute gibt dieses Kunstwerk von Giuseppe Sanmartino (1720 -93) Anlass zu vielen Spekulationen.  Ebenso phantastisch ist die Marmorfigur eines Onkels von Raimondo, der sich aus einem geknoteten Netz herauswindet. Auch dies ein Meisterwerk der Marmorbearbeitung, deren Ausführung man sich nicht recht erklären kann.

Bevor wir die Kapelle verlassen, kommen wir durch die sogenannte Krypta, in der hinter Glas zwei Skelette aufgbewahrt werden, deren  Adern- und Venengeflecht seit dem 18. Jh. vollständig erhalten geblieben ist.  Auch dies unerklärlich. Alchemist und Wissenschaftler Raimondo di Sangro wird nachgesagt, mit dem Teufel im Bunde zu stehen – und an manchen Abenden soll man ihn noch mit seiner sechsspännigen Kutsche über den Himmel des Golfs von Neapel geistern sehen können.

Es ist inzwischen fast Mittag geworden, Zeit für einen zweistündigen Abstecher in Neapels „Unterwelt“ (Napoli Sotterranea). Neben der Kirche San Paolo Maggiore  ist einer der Eingänge, von denen geführte Besichtigungen des unterirdischen Neapels gemacht werden können. Da die Stadt schon immer aus dem Tuff, auf dem es steht, errichtet wurde, erstreckt sich unter der Stadt, wie ein riesiger Ameisenbau, ein ebenso faszinierendes und chaotisches Gänge- und Kanalsystem, wie darüber. Höhlen, Tunnel, Zisternen und Gänge, die teilweise bis in die ersten Anfänge der Stadt zurückreichen, gilt es zu entdecken. Fast jedes Haus der Stadt besitzt einen Zugang in Form eines Brunnenschachtes in dieses versteckte Universum. Die  Zisternen dienten seit Tausenden von Jahren als riesiges Wasserreservoir der Stadt.

Die Disziplin der Neapolitaner ließ leider schon damals zu wünschen übrig. Es war einfach zu bequem, jedweden Müll in die Schächte unter den Häusern zu werfen, und so kam es 1680 zu einer verheerenden Choleraepidemie. Danach ließ man ein Aquädukt aus den Bergen von Avellino herführen, um die Stadt mit unverseuchtem Trinkwasser zu beliefern. Zu neuem Nutzen kamen die trocken- und freigelegten Gänge und Räume im 2. Weltkrieg, als man Luftschutzkeller für die Bevölkerung benötigte. In diesem Zusammenhang wurden richtige Treppen nach unten gehauen, von denen wir jetzt als Besucher profitieren.  Unten lassen uns die großen, alle mit der Hand und primitivem Werkzeug aus dem Stein gehauenen Räume erstaunen. Sie wurden  zu dreiviertel mit wasserundurchlässiger Farbe gestrichen, damit das gesammelte Wasser nicht im Tuff versickerte. Aber da gibt es auch Gänge, durch die man kaum aufrecht und oft  nur seitlich gehen kann. Ausgerüstet mit Kerzen zwängen wir uns durch die schmalen Schlitze und hoffen, nicht verloren zu gehen.

Gehen, Schauen und Begreifen macht hungrig.  Eine klassische Pizza guter neapolitanischer Qualität muss her. Direkt unter der Port’Alba, einem der alten Stadttore, werden wir fündig. Hier in guter Nachbarschaft mit Buchläden und kleinen, aber feinen Verlagshäusern, finden wir mit knapper Not einen Tisch „La vera Pizza Napoletana!“. Leider haben wir sehr lange auf die Pizza warten müssen. Aber so konnten wir das bisher Erlebte noch einmal Revue passieren lassen und uns auf das Kommende vorbereiten.

Als nächstes geht es wieder ein paar Stockwerke tiefer, diesmal unter die Kirche San Lorenzo Maggiore, wo sowohl Häuser und Strassen aus römischer als auch griechischer Zeit zu sehen sind. Im Kreuzgang des Klosters wird gerade das römische Macellum – der Markt – weiter ausgegraben. Dann steigt man in den Keller darunter und steht noch eine Etage tiefer in den Strassen des griechischen Neapolis mit Handwerkerhäusern. Die einzelnen Epochen kann man sehr schön an den verwendeten Steinen und ihrer Anwendung ablesen.

Zum Abschluss dieses, an Eindrücken übervollen Tages, schauen wir uns Neapel noch einmal von ganz hoch oben an. Wir fahren mit dem Fahrstuhl auf die dreißigste Etage des Hotel Jolly, wo das Restaurant zu finden ist. Dort kann man den Ausblick auf ganz Neapel zu den normalen Essenszeiten  geniessen – oder auch außer der Reihe,  wenn man die freundlichen Herren an der Rezeption zu überzeugen weiss, dass es für die deutsch-italienischen Beziehungen von ausgesprochener Wichtigkeit ist.

🙂

Posillipo

27. Januar 2000 – Donnerstag

9 Uhr morgens in der Sonne auf dem Posillipo, genauer im Parco Virgiliano, der ganz oben auf dem schönen Felsenriegel  liegt. Ich sitze auf einer Parkbank. Die Rückenlehne fehlt zwar, meine Füße stehen in hohem Unkraut zwischen dem Müll eines halben Jahres, aber was will das schon ausrichten gegen die Schönheit, die die Sinne überflutet wenn man umherblickt?

Vielleicht halten wir in Deutschland unsere Parks so sauber, weil der Park das Schönste ist, was es dort  zu sehen gibt? Hier ist der Park völlig unwichtig; er verteidigt nur den Standort gegen Wohnungsbau und Verkehr. Hier schweift der Blick frei in die  Gegend, und das Herz wird weit vor Staunen und Andacht über so viel Schönes, dass schon seit Urzeiten hier gewesen sein muss – der Mensch und der Müll spielen hier die kleinste Rolle. Vielleicht wird er eines Tages wirklich nicht mehr sein und das letzte Stück Plastik ist verrottet  – doch diese Landschaft wird weiter bestehen, immer schön, ohne einen Zweck zu verfolgen. Wer sich hier vor fast 3000 Jahren ansiedelte, muss schon denselben Schmerz über soviel Schönheit in der Brust gefühlt haben, und es wundert mich kein bisschen, dass hier schon gesungen, gedichtet und gemalt wurde, als der Rest Europas noch in Höhlen lebte.

Was ist es denn nun, was mich zu solchen Worten hinreissen lässt?  Es ist schwer auszudrücken, ohne dass es kitschig klingt.

Pinien bilden den Rahmen für das Bild, in dem ich sitzen darf. Zu Hören ist nur das Tuckern der Fischerboote und Vogelgezwitscher. Vor mir liegen steilabfallende Tuffsteinhänge im Sonnenlicht, mit  Büschen und indischen Feigenkakteen überberwuchert. 

Eine Etage tiefer verteilen sich wie auf einer Hochebene die Villen des Posillipo inmitten grüner Gärten. Darunter die Bucht von Neapel, über  der eine Dunstschicht liegt und den Blick auf das Gewirr der Großstadt verwehrt. Eine Fähre durchpflügt mit weißer Bugwelle das Merr, als hätte ein Maler noch einen Farbtupfer hinzufügen wollen. Über allem, immer noch im Pinienrahmen, scheint der Vesuv wie losgelöst zu schweben: schwarz und majestetisch, Wächter und Bedroher zugleich. Dahinter leuchtet, schon in einem anderen Licht, die Bergkette Avellinos mit schneebedeckten Kuppen. Lasse ich den Blick ein wenig nach rechts schweifen, werden die Augen vom goldenen Streifen geblendet, den die Sonne auf das Wasser appliziert. Die Berge der Halbinsel von Sorrent bilden den Rand des Bildes, als hielten sie das Wasser im Golf von Neapel. Und ganz am Ende ahnt man nur im Dunst die Umrisse Capris, die mit zunehmendem Sonnenstand immer schwerer auszumachen sind. 

Ein neugieriges Rotkehlchen  wagt sich immer näher zu mir, und die Sonne brennt mir auf den dicken Winterpullover, der wohl nötig ist, bei Lufttemperaturen um die Null Grad, was für dieses sonnen- und temperaturverwöhntes Land doch extrem niedrig ist.

Wer sich traut, über die Mauer zu klettern, die den Park begrenzen, sieht tief unter sich Felsen und Riffe im klaren Wasser liegen, durchbrochen von Höhlen und Ausspühlungen. Zwischen den Steilwänden leuchten halbmondförmige Strände, die unerreichbar scheinen.

Eine weiter Vierteldrehung nach rechts in diesem Diorama, und wir schauen auf einen anderen Golf, jenen von Pozzuoli. Eingefasst wie ein Edelstein von Nisida bis zum Capo Miseno; dahinter Procida und hochaufragend Ischia. Und als wäre der Wasserstand verschieden hoch, leuchtet am Horizont der blaue Streifen des offenen Meeres, genannt das Tyrrhenische. 

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Schwärme ich zu sehr? Sehe ich alles zu positiv?

Nein – ich sehe auch den Müll und ärgere mich darüber. Ich sehe auch die Schwierigkeiten der kleinen Leute, die kaum Geld für die Heizung haben und Tag für Tag eine neue Einnahmequelle suchen müssen. ich sehe den chaotischen Verkehr in deiner Stadt ohne Ausweichmöglichkeiten, die baufälligen Häuser, die vielen Bettler und wieder und wieder den Müll. ich habe selbst mit den Mühlen der Verwaltung zu kämpfen und verstehe vieles nicht, weil ich doch nur Gast bleibe. Aber ich stehe ehrfürchtig vor dieser uralten Kulisse, in der sich seit tausenden von Jahren große und kleine Schicksale abspielen. Und ich bemerke den Stolz selbst der ärmsten der Armen; seine Würde aus dem Bewusstsein von edelster Rasse zu sein. Salopp gesagt, habe ich den Eindruck, als lebe man hier nach dem Motto: „Wenn es mir schon schlecht geht, dann danke ich Gott, dass ich wenigstens in Neapel leben darf.“

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