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Ein weltoffenes Venedig zur Zeit der Reformation trotzt dem Vatikan

Zwischen Reformation und Inquisition

Text von Cristina Gregorin; Fotografien von Norbert Heyl

Ketzerisches Venedig / Gregorin; Heyl. Claudius-Verlag
Ketzerisches Venedig / Gregorin; Heyl. Claudius-Verlag

Heute stelle ich im Rahmen meiner Reihe Gastland Italien ein Sachbuch vor. 

Schon die Aufmachung ist gelungen - wieder einmal ein Beispiel dafür, dass analoge Bücher aus Papier dann eine Chance haben, wenn sie auch optisch und haptisch gut gemacht sind. Umschlag und Einband zeigen dasselbe schöne Foto von einem venezianischen Palazzo im Morgen- oder Abendsonnenschein. Das Papier ist durchgehend festes Kunstdruckpapier. Ganzseitige Fotos wechseln ab mit Text in einer augenfreundlichen Schrift. Zusätzlich zu den stimmungsvollen Fotos der Lagunenstadt gibt es historische Fotos und alte Karten, auf der die Position der erwähnten Lokalitäten verzeichnet sind. Eine große Übersichtskarte des modernen Venedigs zu Beginn des Buches ist ein weiteres Plus. Man bekommt sofort Lust, die nächste Reise nach Venedig zu planen - auf den Spuren der Reformation und der Inquisition.

Die Literaturwissenschaftlerin und Kunstführerin Cristina Gregorin und der Fotograf und Designer Norbert Heyl haben sich für uns auf den Weg gemacht, um diesen Spuren nachzugehen. In zahlreichen, nicht zu langen Kapiteln folgen wir ihnen durch die spannende und unerwartete Geschichte des katholischen Venedigs und der Reformation vom 16. Jahrhundert bis heute.

Die alte Handelsmetropole in Südeuropa war weltoffen und erlaubte sich eine geistige Freiheit und Unabhängigkeit vom Vatikan. Hier konnten die Schriften Luthers übersetzt, gedruckt und verbreitet werden, hier fanden "Abtrünnige" vor der Verfolgung Roms Zuflucht und Unterschlupf. Die Reaktion des Vatikans war die Einrichtung eines Tribunals für Glaubenslehren in Rom - eine Reorganisation der heiligen Inquisition. Eine spannende Entwicklung in der "Serenissima", wie Venedig auch genannt wird, zeigte sich auf allen Gebieten, die im weitesten Sinne den Handel betrafen.

Wir dürfen den beiden kompetenten Führern leichtfüßig durch die Stadt folgen und lernen nebenbei etwas über die Reformation, ihre Anhänger in ganz Europa und ihre Ausbreitung bis in die heutige Zeit. Wir erfahren viel über die neuen Techniken des Buchdrucks und die Beeinflussungsversuche durch Kunst und Architektur.

Schade, dass die Fußnoten erst im Anhang aufgeführt werden. Dort nachzuschlagen macht mir während der Lektüre zu viel Mühe. Brauchbar finde ich allerdings die Begriffserläuterungen und die ausführliche Chronologie, die sich mitsamt einer umfassenden Bibliografie ebenfalls im Anhang befinden.

Venedig: eine Auswahl @e_mager

Selten habe ich "trockene" Geschichte so unterhaltend und mit Genuss gelesen. Und selbst wenn wir nicht mit diesem Buch schnellstens nach Venedig reisen, wird es doch eine ganze Weile auf dem Wohnzimmertisch liegen und immer wieder in die Hand genommen. Hier liegt es in guter Gesellschaft mit Cees Nooteboom "Venedig - Fluide Stadt" und "Laguna. Venedigs Inselwelten" von János Kalmár und Alfred Komarek 

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Ketzerisches Venedig : zwischen Reformation und Inquisition / Text von Christina Gregorin, Fotografien von Norbert Heyl. - 128 S. ; zahlr., meist farb. Fotos und Karten. - Claudius: München, 2018. - ISBN 978-3-532-62815-7

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Savo Montalbano ermittelt: eine Stimme in der Nacht. (Una Voce di Notte) Das Phänomen Andrea Camilleri

Das Phänomen Andrea Camilleri

Zum ersten Mal kam ich 1999 mit Andrea Camilleri und seiner Figur Salvo Montalbano in Kontakt. Seine Krimis liefen im italienischen Fernsehen im ersten Teil des Abendprogramms, das regelmäßig nach 21 Uhr beginnt. Unser Italienisch war damals schon so gut, dass wir fast ohne Mühe den schönen Krimis folgen konnten und nebenbei die sizilianischen Drehorte genießen konnten.

Andrea Camilleri : Eine Stimme in der Nacht (Una Voce di Notte)
Andrea Camilleri : Eine Stimme in der Nacht

Wir wurden Montalbano-Fans wie viele Italiener auch.

Die zweite Begegnung hatte ich mit Camilleri bei Feltrinelli in Rom, als ich kurz vor unserer unweigerlichen Rückkehr nach Deutschland noch etwas Lesestoff kaufen wollte. Ich hatte die Absicht, mich mit schönen, sonnigen Geschichten aus Süditalien über eine zu befürchtende Winterdepression zu retten. Schließlich musste ich nach drei langen sonnigen Jahren im November zurück nach Deutschland ziehen. Und da standen sie. Eine lange Reihe schmaler Bücher mit jeweils einem Montalbano-Krimi. Ich war entzückt. Noch bevor in Deutschland das Genre Regionalkrimi bekannt war, konnte ich ein Stück Sizilien mit nach Hause nehmen. Aber – oh weh: Camilleri schreibt in einer eigens erfundenen Sprache, dem Vigatese.

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Eine berührende Lebensgeschichte einer Familie über drei Generationen im italienischen Apennin. Opulent einfach! So wie der Großvater der Erzählerin Schmetterlinge präpariert, so arbeitet Valentini mit Sprache. Jedes Wort scheint wohlüberlegt mit der Pinzette aus dem reichen Schatz der Worte vorsichtig herausgezogen worden zu sein.

das einfache Leben - eine italienische Familiengeschichte

Eine berührende Lebensgeschichte einer Familie über drei Generationen im italienischen Apennin.

In letzter Zeit stehen Familiengeschichten über mehrere Generationen in Italien hoch im Kurs. Elena Ferrante mit ihren vier Bänden der Neapel-Saga (2016, Suhrkamp) oder „Familienbild mit dickem Kind“ von Margerita Giacobino (2016, Kunstmann).

Maria Rosaria Valentini: Magnifica. Roman
© Dumont Maria Rosa Valentini : Magnifica

Ein besonderes Kleinod, das ebenfalls diesem Genre zugerechnet werden kann, ist das Buch „Magnifica“ von Maria Rosaria Valentini.

Auch hier erinnert sich eine weibliche Ich-Erzählerin ihrer Vorfahren und erzählt eine Geschichte von Leidenschaft, karger Arbeitswelt, Entbehrungen, Versuchungen, Liebe, Mutterschaft und Tod. Und es sind wieder die Frauen, die die Generationen zusammenhalten.

Das Buch ist außerdem eine grandiose Naturerzählung. Es spielt in einem nicht näher benannten Dorf am Ende eines abgelegenen, engen Tals im Apennin mit seinen weltberühmten Buchenwäldern.

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Eine Stadt macht "Bella Figura" und mausert sich zur Metropole

Ihr Name ist Programm: Neapolis (griechisch = neue Stadt). Seit fast 3000 Jahren behauptet sich die im Golf Partenopes gegründete Stadt, gegen alle Wirren und Katastrophen. Erfolgreich trotzt sie allen Besatzern und Herrschern.
Von der gefürchteten Durchgangsstation zu den Traumurlaubszielen der Deutschen im Süden Italiens hat sie sich zur lebendigen Großstadt mit einzigartigem Flair gemausert.
Dem "neuen" Bürgermeister Bassolino zu viel zu verdanken: Neapel ist heute eine ernst zu nehmenden Kongressstadt und touristische Metropole. Die Straßen sind sicherer geworden. Viele Kulturschätze sind heute dem Publikum zugänglich, die Parks sind herausgeputzt. Zwar ist die Camorra nicht unschädlich gemacht, aber sie wurde doch in engere Schranken verwiesen.
Anlässlich des G7-Gipfels im Jahre 1994 wollte Neapel "Bella Figura" machen - und diese ureigene italienische Schwäche erwies sich diesmal als Stärke. Was Sicherheit und Ordnung angeht, ist sie auf dem besten Weg, sich zu einer Großstadt wie jede andere zu entwickeln. Wenn das gelingt, wird sie einzigartig dastehen! Denn gepaart mit ihrer herrlichen Naturkulisse, dem stets milden Klima und dem freundlichen Wesen ihrer Einwohner (hier ist der Ärmste noch nobel und der Reichste gibt sich ganz unverbildet herzlich), sticht sie jede andere Stadt Europas aus.
Noch bleibt vieles zu verbessern, aber wer ein Gespür dafür hat, begreift, dass Neapel und Kampanien wirklich alles zu bieten haben: gute Verkehrsanbindungen, herrliches Wetter und eine touristische Schatztruhe:Geschichte, Kunst, Architektur, Religion, Archäologie, Gastronomie und natürlich Natur. So ist den wenigsten bekannt, dass in Kampanien sogar ein Dinosaurier gefunden wurde. Eine Entdeckungstour durch die Stadt beschert auf jeden Fall viele unvergessliche Augenblicke.

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Ein vielschichtiges "Sommerbuch". Tina beobachtet sehr genau die Welt der Erwachsenen und macht sich einen Reim auf das teilweise merkwürdige Verhalten der Menschen. (Alessio Torino: Über mir die Sonne)
Tina - Coverfoto "Über mir die Sonne" - Hoffmann & Campe
Coverfoto "Über mir die Sonne" - Hoffmann & Campe

Der deutsche Titel „Über mir die Sonne“ und ein Mädchenkopf mit wehenden Haaren auf dem Cover suggeriert ein leichtes Sommerbuch zur Unterhaltung. Der im Italienischen durchaus erfolgreiche Titel „Tina“ wäre bei deutschen LeserInnen vielleicht gar nicht angekommen. Wer weiß? Das sind Überlegungen des Verlags, die wir nicht vollends durchschauen.

Schauplatz, Bühne und Darsteller

Die achtjährige Tina ist jedenfalls die Hauptperson dieses „Sommerbuchs“. Sie verbringt mit ihrer Zwillingsschwester Bea und ihrer Mutter den Sommer auf der Insel Pantelleria. Ihr Vater Sergio ist mit seiner jungen Klavierschülerin Laura in Urbino geblieben. Die Ehe scheint vor dem Aus.

Während Bea sich ihrer Weiblichkeit schon sehr bewusst ist und versucht, damit zu kokettieren, weiß Tina noch nicht, wohin die Reise geht. Sie wird von den meisten für einen Jungen gehalten.

„Tina. Mit diesem unentrinnbaren a. Ihr kam der Verdacht, dass ihre Mutter es absichtlich tat: So konnte sie der ganzen Cala und dem Bar-Restaurant Alta Marea verkünden, dass Signora Ottaviani aus Urbino zwei Töchter hatte.“

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