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Begriffserklärung und neue Sicht auf die Debatte um Tradition und Überfremdung, Angst vor kulturellen Vermischungen in der Nachfolge der Flüchtlingskrise, um den eigentlichen Heimatbegriff und die identitäre Bewegung.

--- Wurzeln? Ich bin ein Mensch, ich habe Füße! ---

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"Es stimmt, sie sind hübsch, alle diese Dörfchen. All diese Marktflecken, Weiler, Gemeinden und Städte. Mit ihren Burgen, ihren Kirchen, ihren Stränden. Sie haben nur einen Schwachpunkt: sie sind bewohnt." (Georges Brassens, Ballade von den Leuten, die irgendwo geboren sind")

Mit diesem humorvollen Motto stimmt uns Bettini sehr schön in seinen durchaus wissenschaftlich fundierten Diskurs über Heimat, Tradition und Identität ein. Es liegt hier ein zwar schmales, aber auch sehr gehaltvolles Sachbuch vor, das zur aktuellen Debatte neue Denkanstöße geben kann. Allein der umfangreiche Anmerkungsapparat zeigt, wie viel Recherchearbeit, sowohl für den Autor selbst als auch für die Übersetzerin Rita Seuß, hinter den Thesen von Maurizio Bettini steckt.

Ich möchte dieses Buch allen zur Lektüre empfehlen, die in der aktuellen, teilweise überhitzten Debatte um Tradition und Überfremdung, Angst vor kulturellen Vermischungen in der Nachfolge der Flüchtlingskrise, um den eigentlichen Heimatbegriff und die identitäre Bewegung, Begriffe und Metaphern benutzen, die eher demagogisch als objektiv verwendet werden. Hier geht es nach der anfänglichen Begriffsklärung und -unterscheidung von Tradition, Heimat, Brauchtum und Identität vor allem um die Bilder, z. B. von den Wurzeln, die, weil sie so griffig und leicht verständlich sind, als Beweis für etwas herhalten müssen, das überhaupt nicht bewiesen ist. Nach Bettini sind Bilder keineswegs neutral, sondern suggerieren vielmehr Erklärungen, die in Wahrheit keine sind. Er fragt zum Beispiel: "Was hat Identität mit Wurzeln zu tun?" Wie wäre es, wenn wir dafür ein Bild benutzen würden, das eher auf ein Fließen anstatt etwas statisches abhöbe? Das Bild vom Fluss, der eine Tradition begründet, die Seitenarme und neue "Einflüsse" zulässt und sich am Ende in ein großes Meer ergießt, weckt ganz andere Assoziationen als ein starr stehender Baum, der durch seine Wurzeln fest an einer Stelle steht und damit neue Einflüsse und anders denkende und handelnde Individuen aus dem Kreis der "Verwurzelten" ausschließt.

Außerdem unterscheidet er zwischen Tradition und Brauchtum eines Individuums im Gegensatz zur Tradition einer Kultur. Etwas, das zwar an einen bestimmten Ort gebunden ist, aber durch die Jahrhunderte ganz und gar nicht so festgefügt und unwandelbar ist, wie es uns heute Demagogen aus der identitären Ecke weismachen wollen.

Am Beispiel der sehr alten Stadt Livorno, der Heimatstadt Bettinis, macht er deutlich, wie oft sich ein Ort wandeln muss und sich, je nach den Wechselfällen der Geschichte, immer wieder neuen Strömungen und Kulturen öffnen muss. Die Veränderungen sind aber so über die Tausende von Jahren vor sich gegangen, dass es der einzelne Mensch nicht empfinden kann.

Wir, die wir immer nur eine kurze Lebensspanne in der großen Geschichte eines Ortes erlebt, können diese großen Umwälzungen gar nicht wirklich überblicken und fühlen. Wir bemerken nur, dass plötzlich etwas ganz anders läuft, als wir aus unserer Kindheit gewohnt waren. Das schürt Ängste und bereitet den fruchtbaren Boden für die verheißungsvollen Bilder der neuen Rechten, die uns glauben machen, dass es wieder so schön werden könnte, wie wir es als Kinder erinnern.

Nachdem ich das Buch gelesen hatte, habe ich versucht, meine neuen Erkenntnisse mit jemandem zu teilen, der das Buch noch nicht gelesen hat. Das war eine besondere Erfahrung für mich, zeigte sie mir doch, wie sehr wir an den vertrauten Bildern hängen und wie unterschiedlich auch die individuellen Konnotationen zu einfachen Begriffen sind.

Das Buch ist in zwei Teilen angelegt. Der erste Teil "Gegen die Wurzeln" ist der Text eines 2011 in Italien erschienenen Buches "Contro le radici". Erst mit der Erweiterung um einen zweiten Teil "Neue Fragen zu den Wurzeln" ist der neue Titel "Radici" (in It. 2016) jetzt auf Deutsch erschienen.

Der Autor, geboren 1947, lehrt als Professor für klassische Philologie an der Universität Siena und leitet das Institut für Anthropologie der antiken Welt. Gerade die Mythologie hat es ihm besonders angetan, vor allem die Aufdeckung der Wahrheit hinter den Mythen. Das Buch war für mich eine äußerst interessante "Vorlesung", der ich ein großes Auditorium wünsche!

Rita Seuß ist es mit ihrer Übersetzung gelungen, die sicher nicht einfachen Gedankengänge des Professors Bettini auch einer deutschsprachigen Leserschaft nahe zu bringen.

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Wurzeln : die trügerischen Mythen der Identität / Maurizio Bettini. Aus dem Italienischen von Rita Seuß. - 149 S. - München: Kunstmann, 2018. - ISBN 978-3-95614-244-4 (ePub), 14,99 (auch als gebundene Ausg. erhältlich)

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Mit anderen Worten

ANDREAS BERNHARD  

Warum zitieren Schriftsteller so gern andere Autoren, wenn sie ein Buch beginnen? Über die Funktion des literarischen Mottos.

Sehr erhellende und erheiternde Infografiken zur Frage

aus der Süddeutschen Zeitung  HEFT 15/2012

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©e_mager Fabio Paretta "Trügerisches Neapel"
©e_mager Fabio Paretta : Trügerisches Neapel

Ja, da bin ich einem Irrtum aufgesessen. Nicht alles, was italienisch klingt, ist es auch. Fabio Paretta ist das Synonym eines deutschen Autors, der mit seiner italienischen Frau und zwei Kindern in Rom lebt.

Aber wenn im Titel das Wort Neapel vorkommt, ist es um mich geschehen, habe ich doch selbst dort einige Jahre gelebt. "Trügerisches Neapel" ist schon der zweite Fall für Commissario Franco De Santis. In "Die Kraft des Bösen" tritt er zum ersten Mal auf. Er lebt von seiner Frau Isabella und der gemeinsamen Tochter Ludovica getrennt. Letztere ist fast 15, wie sie immer wieder betont. De Santis macht sich große Sorgen um sein Töchterchen, das in seinen Augen viel zu viel Freiheiten hat und sich mit Leuten abgibt, die er nicht einschätzen kann. Seine Frau Isabella hat sich mit dem reichen Arzt und Lebemann Baldini eingelassen, den seine Tochter schon Pa nennt. De Santis selbst hat ein Auge auf die Staatsanwältin Elvira Barbarossa geworfen, die aber eine sehr schwer zu beeindruckende Frau ist.

Das alles geht De Santis gehörig gegen den Strich. Jetzt ist wieder einmal ein Wochenende, an dem Ludovica wie vereinbart bei ihm ist, doch ein neuer Fall hält ihn und seine Crew in Atem.

Der 16jährige Salvatore aus dem Viertel Ponticelli wird erschossen aufgefunden. Er liegt in der schicken Herrenboutique "Gentlemen" in der Via Carlo Poeri, einer sehr guten Adresse an der Riviera di Chiaia. Salvatore hatte dort einen Job und träumte davon, nach dem Abitur auf eine Universität in den USA zu gehen.

De Santis und seine Mitarbeiter verlieren sich bei der Aufklärung der Umstände in immer mehr Seitenwege, finden Zusammenhänge mit anderen Todesfällen und kommen natürlich auch mit der Camorra in Berührung. Dabei treten sie auch noch den Kollegen von der DIA (Direzione Investigativa Antimafia), der Spezialeinheit gegen das organisierte Verbrechen, auf die Füße.

Fabio Paretta lässt uns zusammen mit De Santis in seinem alten Alfa Romeo kreuz und quer durch die Stadt rasen. Dabei lernen wir ganz nebenbei die einzelnen, sehr unterschiedlichen Stadtviertel mit ihren Problemen und Eigenheiten kennen. Besonders die Jugendlichen stehen dabei im Mittelpunkt.

©e_mager Neapel
©e_mager Neapel

Aber nicht nur die Menschen haben in Neapel besondere Charakterzüge, sondern auch die einzelnen Stadtviertel, die jedes für sich ein eigenes Dorf bilden. Selten habe ich das in einer anderen Stadt so erlebt. Es hat mir Spaß gemacht, während des Lesens in alten Erinnerungen an das wilde und liebenswerte Neapel zu schwelgen.

Paretta gibt jeder Figur eine eigene Geschichte, das macht alle Personen plastisch und verstehbar. Er spielt mit den charakterlichen Gegensätzen seiner Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, wobei der Witz nicht zu kurz kommt. Auch die Sorgen und Lebensumstände der kleinen Leute im Viertel Ponticelli werden gut porträtiert. Auf der anderen Seite stehen die Reichen, hier exemplarisch Stefano Baldini, der mit "etwa vierzig Vertretern der neapolitanischen Hautevolee" den Geburtstag von Ludovica auf seinem Landgut auf Ischia feiert.

Wir haben hier einen rasant erzählten Krimi, der an keiner Stelle langweilt und noch am Ende mit Überraschungen aufwartet. Ich fühlte mich sehr gut unterhalten und wünsche der so sympathischen wie verschrobenen Crew von De Santis noch viele neue Fälle.  Wenn ich das Buch mit irgendetwas vergleichen sollte, fallen mir die Bücher von Donna Leon ein, was absolut als Kompliment gemeint ist.

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Trügerisches Neapel : ein Fall für Commissario De Santis / Fabio Paretta. - 1. Aufl., Originalausg. ; 381 S. - Penguin: München, 2018. - ISBN 9783328100874 kart. : 10,00 €

 

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Hier ein kurzer Ausblick auf die Titel, die ich als nächstes lesen und besprechen will.

Viva Italia! 😉

©e_mager Fabio Paretta
©e_mager Fabio Paretta : Trügerisches Neapel

Fabio Paretta : Trügerisches Neapel

Ein ganz normaler Frühlingstag in Neapel: Auf den Terrassen der Cafés genießen die Menschen das Leben, während in einer Seitenstraße eine Boutique ausgeraubt wird. Doch diesmal wird ein Schüler erschossen. Nur ein dummer Zufall, oder hatte jemand einen Grund, den Jungen zu beseitigen? Commissario Franco De Santis, der eine Tochter im Alter des Opfers hat, weigert sich, den Fall zu den Akten zu legen. Und stößt auf ein Netz aus Betrügereien, Schulden und Schwarzhandel im großen Stil. Alles deutet auf die Camorra hin, aber Franco De Santis lassen die Mitschüler des ersten Opfers Salvatore nicht mehr los. In ihren Augen liest er Frust, Hass – und Angst ... (Verlagstext)

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©e_mager Domenico Starnone : Auf immer verbunden

Domenico Starnone : Auf immer verbunden

Vanda und Aldo können auf ein langes gemeinsames Leben zurückblicken, auch wenn sie nicht immer glücklich waren. Wie bei vielen Paaren erstickte auch ihre Beziehung irgendwann in Routinen. Als Aldo dann die jüngere Lidia kennenlernt, scheint die Ehe endgültig zerbrochen. Doch die neue Liebe kann die Bande, die die Kinder geknüpft haben, nicht lösen, und so kehrt Aldo nach Hause zurück. Inzwischen sind seit dem Bruch Jahrzehnte vergangen, und die Wunden der einstigen Verletzungen scheinen geheilt - bis zu jenem Tag, als die alte Narbe plötzlich schmerzhaft aufbricht ... (Verlagstext)

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© Kunstmann-Verlag

Maurizio Bettini : Wurzeln 

Ein heilsames Vademecum gegen die Leitkultur- Debatte, eine kluge Warnung vor Fremdenfeindlichkeit, Ausgrenzung und Missbrauch von Tradition und Geschichte.

zu meiner Besprechung vom 10.04.2018

 

 

 

 

 

Alessio Torino : Über mir die Sonne

alessioTorino
© Hoffmann und Campe

Der  eine Sommer im Leben, der alles verändert: Es ist heiß auf Pantelleria, flirrend heiß, und der letzte Sturm hat die Quallen in die Bucht getrieben, wo Tina sie jetzt eine nach der anderen aus dem Wasser fischt und auf den Beton wirft. Es ist der erste Sommer ohne den Vater. Die Mutter ist nach der Trennung mit ihren beiden Töchtern alleine auf die Insel gefahren. Zwischen Rosmarin und Kapernblüten, salziger Haut und sonnenverbrannten Gesichtern, glitzerndem Wasser und felsigen Buchten erleben Tina und ihre Schwester die Fatalität des Erwachsenseins. Alessio Torino erzählt auf einzigartige Weise von dem schmerzlichen Moment der Gewissheit, in dem wir erkennen, dass nichts mehr so sein wird wie zuvor. (Verlagstext)

 

 

 

magnifica
© Dumont

Maria Rosaria Valentini : Magnifica

In einem Dorf im Apennin, in dem man nur bleibt, wenn man dort geboren wird, leben Ada Maria und ihr Bruder Pietrino zusammen mit ihrem Vater Aniceto. Das Oberhaupt der Familie interessiert sich vor allem für die Jagd und das Präparieren toter Tiere. Seine Gefühle schenkt er Teresina, einer einfachen, aber feinfühligen Frau, die seit Jahren seine Geliebte ist. Ada Maria ignoriert die Frau zunächst, so gut sie kann. Seit dem Tod der Mutter führt sie den Haushalt und kümmert sich um den geliebten Bruder. Doch wenn sie allein ist, träumt sie von der modernen Welt, den großen Städten und hofft auf ein anderes Leben, das nicht von Entbehrung bestimmt ist. Sie will weg, aber wohin? Ada Maria kennt nur das Dorf und seine eigenbrötlerischen Bewohner. Als sie eines Tages im Wald auf Benedikt, einen Deutschen, trifft, scheint die ersehnte Veränderung Wirklichkeit zu werden. Im Gegensatz zu ihr kennt Benedikt die Welt, von der Ada Maria träumt. Erst viele Jahre später, als sie mit ihrer Tochter Magnifica das Dorf verlassen muss, sieht sie die Kargheit und die Abgeschiedenheit, in der ihr Leben stattgefunden hat, mit ganz anderen Augen. (Verlagstext)

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