Springe zum Inhalt

Operation Bird Dog / 70 Jahre Währungsreform. Ein fundiert recherchierter Wirtschaftskrimi. Wie war es wirklich?

20. Juni 1948 - Geburtsstunde der Deutschen Markt

TÖDLICHE D-MARK 1948. Zwischen den Mächten der Alliierten treten immer deutlicher unterschiedliche Interessen zutage. Deutschland steht vor einer Zerreißprobe. Die Sowjetunion isoliert West-Berlin. Einige Monate nach der Währungsreform wird der Bankier Dr. Victor Wrede tot aufgefunden. Neben ihm liegen seine tote Frau und der bewusstlose Sohn Carl. Jahre später sucht Carl Wrede nach den Gründen für den Tod seiner Eltern. Dabei stößt er auf einen großangelegten Betrug während der Geburtsstunde der D-Mark (Klappentext)

©e_mager Operation Bird Dog / Jan-Christoph Nüse
©e_mager Operation Bird Dog / Jan-Christoph Nüse

Am 20. Juni wird die Währungsreform von 1948 70 Jahre zurückliegen. Die D-Mark, nach dem Krieg von der amerikanischen Besatzungsregierung in Westdeutschland eingeführt, die uns bis 2002 begleitet hat. Sogar der Name "Deutsche Mark" war eine Wortschöpfung eines Amerikaners. Sicher wird es aus diesem Anlass Nachrichten und Rückblicke in der Presse geben. Man kann natürlich auch jetzt schon einen ausführlichen Wikipedia-Artikel zum Thema lesen.

Aber nirgendwo werden wir auf so spannende Art und Weise an das Thema herangeführt, wie mit dem historischen Krimi von Jan-Christoph Nüse.

Der Autor, eigentlich Journalist, hat mehrere Jahre intensiv recherchiert. Oftmals war er der Erste, der nach 30 Jahren die betreffenden Archivunterlagen einsehen wollte. In diesem Zusammenhang stieß er auf den mysteriösen Selbstmord des Ehepaars Victor und Eva Wrede. Dr. Victor Wrede war Chefvolkswirt bei der Bank deutscher Länder.

Aus Fakten und Fiktion, viele Personen gab es wirklich, einige sind frei erfunden, gelingt es Nüse, einen spannenden Wirtschaftskrimi zu konstruieren, der sich an manchen Stellen geradezu zur Räuberpistole entwickelt.

Der junge Carl Wrede, 1958 gerade einmal 24 Jahre alt, hat den gemeinsamen Suizid seiner Eltern, die auch ihn mit ins Grab nehmen wollten, überlebt. Er wurde gerade noch rechtzeitig von einem Freund der Familie, Gerd Jennings, gefunden. Dieser wurde als Vormund für den vierzehnjährigen Jungen bestellt. Nach Internat und ersten Firmenpraktika lässt Carl der Tod seiner Eltern keine Ruhe. Er will herausfinden, ob es nicht doch ein Mord war, der in der ersten Nachkriegszeit von einflußreicher Seite vertuscht wurde. Tatsächlich wecken seine hartnäckigen Nachforschungen schlafende Hunde. Es wird gefährlich...

Nüse baut geschickt aus den beiden Zeitebenen 1948 und 1958 einen gut zu lesenden und historisch authentischen Roman.

Besonders zu Beginn des Buches wurde ich durch die spannenden Hintergründe der Operation Bird Dog, wie die Amerikaner die geheim zu haltenden Aktivitäten zur Einführung der neuen Währung nannten,  in eine mir fremde Welt kurz nach dem Krieg entführt. Die Sprünge in die andere Zeitebene des jungen Carl 1958 passen als spannunggebendes Element gut hinein. Zwischendurch fand ich es allerdings zunehmend schwieriger, den nur mit dem jeweiligen Datum und dem Ort der Handlung überschriebenen Kapiteln zu folgen. Das ist etwas mühsam, da ich mich, die ich leider mit Zahlen und Daten wenig anfangen kann, sehr konzentrieren musste. Aber das ist ein persönliches Manko. Sicher fällt das anderen LeserInnen viel leichter. Schließlich ist man nach wenigen Worten wieder voll informiert, da ja die handelnden Personen ebenfalls auf die gerade gemeinte Zeit hinweisen.

Zum Schluss überschlagen sich die Ereignisse und die zwischenzeitlich auftauchenden losen Enden der Geschichte werden alle für den Leser zufriedenstellend zusammengeführt.

Schön finde ich, dass Nüse unterschwellig mehrere Themen in seinem Buch mit verarbeitet, wie zum Beispiel die vom Krieg traumatisierten jungen Menschen und die Machenschaften derer, die ihr Nazitum auch noch Jahre nach dem Krieg weder bereuten noch ablegten. Sicher auch ein Buch, welches sich für ältere Jugendliche eignet.

Ich könnte mir sehr gut eine Verfilmung des Buches zum Jubiläum der Währungsreform vorstellen. Vielleicht zum 75.

©e_mager Mit dem Autor im Gespräch
©e_mager Mit dem Autor im Gespräch - Operation Bird Dog von Jan-Christoph Nüse

Über den Autor:

Jan-Christoph Nüse wurde 1958 in Dortmund geboren, ging in Würzburg zur Grundschule und studierte Sozialwissenschaften, Germanistik und Politikwissenschaften in Bochum und Hagen. Er arbeitet als Redakteur und Reporter beim Fernsehsender Phoenix in Bonn und Brüssel. Für seine Berichterstattung über Wirtschaft und Politik wurde er mehrfach ausgezeichnet. Er hat einen Sohn und lebt seit zehn Jahren wieder in seiner Heimatstadt Dortmund. »Operation Bird Dog« ist sein erster Kriminalroman. (Verlagstext)

.............

Werbung

Operation Bird Dog : Kriminalroman / Jan-Christoph Nüse. - Originalausg., 1. Aufl.  - Gmeiner : Meßkirch, 2018. - ISBN 9783839222836 ; kart. 15,00 €

Wüstenlektionen zum Aufbrechen und Ankommen bei sich selbst.

Mose - Wüstenlektionen zum Aufbrechen

Man kann jemanden in die Wüste schicken – das ist für diesen wenig schmeichelhaft. Er wird ausgeschlossen, isoliert. Man kann aber auch sich selbst in die Wüste schicken, einen Wüstentag einlegen, mal nur zu sich kommen. Das habe ich früher gerne gemacht, als die Kinder klein waren und ich dachte, ich werde vom Alltag aufgefressen. Ich bin früh morgens los, zu Fuß, und habe einfach nur mit mir selbst einen ganzen Tag verbracht. Ohne Gepäck, einen Apfel und Kekse als Proviant. Da bin ich zu mir selbst gekommen, habe ich mich unbequemen Fragen gestellt und manchmal habe ich auch Antworten gefunden. Jedenfalls war ich danach wieder bereit für Familie und Alltag.

Ein ganzes Wüstenbuch mit intensiven Lektionen hat jetzt Heiner Wilmer vorgelegt. Der 1961 geborene Herz-Jesu-Priester wurde gerade zum 71. Bischof von Hildesheim berufen. Damit ist er wieder einmal, wie auch schon in seinen früheren Funktionen als Schulleiter oder Generaloberer seines Ordens, ein relativ junger Mann für ein solch bedeutendes Amt.

Wie begegnet man solchen Herausforderungen, die wir im Grunde alle irgendwie mehr oder weniger zu meistern haben?

Heiner Wilmer : Hunger nach Freiheit. Mose - Wüstenlektionen zum Aufbrechen (Herder, 2018)
Heiner Wilmer : Hunger nach Freiheit. Mose - Wüstenlektionen zum Aufbrechen (Herder, 2018)

Viele suchen sich heute einen Coach, folgen berühmten Gurus, suchen Erkenntnisse in beliebiger Ratgeberliteratur. Wilmer findet jedoch, wie könnte es für einen Priester anders sein, sein leuchtendes Vorbild in der Bibel. Da nimmt er sich jedoch keinen strahlenden Held oder makellosen Heiligen, auch nicht Jesus selbst zum Maßstab, sondern erkennt sich in der Figur des Moses wieder.

In dreizehn Kapiteln stellt er uns die schillernde und vielfach gebrochene Person des, wie Wilmer es formuliert, ersten modernen Menschen der Bibel vor.

Nach einer längeren Reise durch Afrika und einem daran anschließenden Besuch in einer Ausstellung von Damien Hirst in Venedig hat er die folgende Erkenntnis:

„So wie moderne Kunst die Welt des Menschen in verschiedenen Brechungen zu fassen versucht, so glaube ich, dass Mose die Verkörperung des modernen Menschen ist. Er ist ein Mensch mit Sehnsüchten und Hoffnungen. Aber auch ein Mensch mit Ängsten, mit Kanten, mit Abgründen. (…) Vor allem aber ist Mose einer, der den gleichen Hunger hat wie der moderne Mensch: den Hunger nach Freiheit.“

Nun nimmt uns Wilmer mit zu den vielen Stationen in Moses Leben und schlüsselt auf, welche Bedeutung gerade die jeweilige Begebenheit für die Entwicklung dieser berühmten Figur hat. Es gibt eigentlich keine Phase im Leben eines Menschen, die Moses nicht schon vorgelebt und ausgehalten hätte. In Kapiteln wie „Der fremde Totschläger“, „Der Brennende“, „Der Stotterer“ oder „der Treue“, um nur einige zu nennen, analysiert der Autor erst die meist sehr bekannte Episode, um sie dann ins Heute und als „Schlüssel zu mir selbst“ umzudeuten.

Das macht Wilmer so einleuchtend und menschenfreundlich – ganz ohne den religiös erhobenen Zeigefinger – dass selbst wenig religiöse Menschen etwas aus diesen Wüstenlektionen für den Alltag mitnehmen können.

Schön ist auch, dass Heiner Wilmer immer auch etwas aus seinem eigenen Leben preisgibt und zu Beispielen heranzieht, so dass es nicht nur ein Buch über Mose, sondern auch ein ganz persönliches Buch über den Autor wird. Er, der auf einem Bauernhof im Emsland aufgewachsen ist, zitiert am Ende seines Buches seinen alten Onkel Bernd, der ihn schon als Kind mit dem Satz, „Jungs, ihr dürft euch nie ganz satt essen.“ verwundert hat. Erst mit Mose, der das gelobte Land nicht betreten durfte, versteht er:

„Zu spüren, wann Schluss ist, egal, ob mit Essen oder anderen Dingen, das ist Achtsamkeit, das ist Wachheit. Achtsam zu sein, bedeutet wach zu sein, offen. Diese Wachheit und diese Offenheit wiederum machen Freiheit aus.“

In einem als Nachwort deklariertem Exkurs hebt Wilmer dann doch noch den Zeigefinger und beschwört die Gefahr herauf, dass das Abendland seine Seele verlieren könnte, wenn es verleugnete, auf einem jüdisch-christlichem Fundament zu stehen.

Nehmen Sie sich für dieses Buch Zeit, wenn es für eine Zeit in der Wüste nicht reicht! 

......... Werbung

Hunger nach Freiheit : Mose - Wüstenlektionen zum Aufbrechen / Heiner Wilmer unter Mitarbeit von Simon Biallowons. - Herder: Freiburg u.a., 2018. - ISBN 9783451379451 - fest gebunden 20 €

Ratgeber in Comic-Form für Eltern, die dringend Hilfe bei der Erziehung "besonderer Kinder" brauchen

Ratgeber in Comic-Form für Eltern, die dringend Hilfe bei der Erziehung "besonderer Kinder" brauchen

Kleindienst / Corazza : Wenn der kleine Sonnenschein zum Quälgeist wird. (Ullmann, 2018)
Kleindienst / Corazza : Wenn der kleine Sonnenschein zum Quälgeist wird. (Ullmann, 2018)

Heute soll es einmal ein spezielles Sachbuch sein, das ich als erfahrene Mutter von drei Kindern, der nichts Menschliches fremd ist, vorstellen möchte.

Das handliche, in stabiler Broschur gebundene Buch, kommt uns beim ersten Durchblättern als humorvoller Comic entgegen, der uns vermittelt, eine schnelle Hilfe bei verfahrenen Situationen mit dem verstockten Sprössling zu sein.

Auch der Text auf dem Einband: "Illustrierte Tipps und Tricks für einen entspannten Familienalltag mit Kindern ab 3 Jahren" suggeriert, ein fröhlicher Ratgeber für alle Eltern zu sein.

Kleindienst / Corazza : Wenn der kleine Sonnenschein zum Quälgeist wird. (Ullmann, 2018)
Kleindienst / Corazza : Wenn der kleine Sonnenschein zum Quälgeist wird. (Ullmann, 2018)

Ich möchte warnen! Diese Übersetzung aus dem Französischen ist ein ernst zu nehmender Text, der sehr komplexe und komplizierte Sachverhalte vor allem im Umgang mit hochsensiblen und ADS- oder ADHS-Kindern geben will.

...weiterlesen "Wenn der kleine Sonnenschein zum Quälgeist wird"

2

Ein weltoffenes Venedig zur Zeit der Reformation trotzt dem Vatikan

Zwischen Reformation und Inquisition

Text von Cristina Gregorin; Fotografien von Norbert Heyl

Ketzerisches Venedig / Gregorin; Heyl. Claudius-Verlag
Ketzerisches Venedig / Gregorin; Heyl. Claudius-Verlag

Heute stelle ich im Rahmen meiner Reihe Gastland Italien ein Sachbuch vor. 

Schon die Aufmachung ist gelungen - wieder einmal ein Beispiel dafür, dass analoge Bücher aus Papier dann eine Chance haben, wenn sie auch optisch und haptisch gut gemacht sind. Umschlag und Einband zeigen dasselbe schöne Foto von einem venezianischen Palazzo im Morgen- oder Abendsonnenschein. Das Papier ist durchgehend festes Kunstdruckpapier. Ganzseitige Fotos wechseln ab mit Text in einer augenfreundlichen Schrift. Zusätzlich zu den stimmungsvollen Fotos der Lagunenstadt gibt es historische Fotos und alte Karten, auf der die Position der erwähnten Lokalitäten verzeichnet sind. Eine große Übersichtskarte des modernen Venedigs zu Beginn des Buches ist ein weiteres Plus. Man bekommt sofort Lust, die nächste Reise nach Venedig zu planen - auf den Spuren der Reformation und der Inquisition.

Die Literaturwissenschaftlerin und Kunstführerin Cristina Gregorin und der Fotograf und Designer Norbert Heyl haben sich für uns auf den Weg gemacht, um diesen Spuren nachzugehen. In zahlreichen, nicht zu langen Kapiteln folgen wir ihnen durch die spannende und unerwartete Geschichte des katholischen Venedigs und der Reformation vom 16. Jahrhundert bis heute.

Die alte Handelsmetropole in Südeuropa war weltoffen und erlaubte sich eine geistige Freiheit und Unabhängigkeit vom Vatikan. Hier konnten die Schriften Luthers übersetzt, gedruckt und verbreitet werden, hier fanden "Abtrünnige" vor der Verfolgung Roms Zuflucht und Unterschlupf. Die Reaktion des Vatikans war die Einrichtung eines Tribunals für Glaubenslehren in Rom - eine Reorganisation der heiligen Inquisition. Eine spannende Entwicklung in der "Serenissima", wie Venedig auch genannt wird, zeigte sich auf allen Gebieten, die im weitesten Sinne den Handel betrafen.

Wir dürfen den beiden kompetenten Führern leichtfüßig durch die Stadt folgen und lernen nebenbei etwas über die Reformation, ihre Anhänger in ganz Europa und ihre Ausbreitung bis in die heutige Zeit. Wir erfahren viel über die neuen Techniken des Buchdrucks und die Beeinflussungsversuche durch Kunst und Architektur.

Schade, dass die Fußnoten erst im Anhang aufgeführt werden. Dort nachzuschlagen macht mir während der Lektüre zu viel Mühe. Brauchbar finde ich allerdings die Begriffserläuterungen und die ausführliche Chronologie, die sich mitsamt einer umfassenden Bibliografie ebenfalls im Anhang befinden.

Venedig: eine Auswahl @e_mager

Selten habe ich "trockene" Geschichte so unterhaltend und mit Genuss gelesen. Und selbst wenn wir nicht mit diesem Buch schnellstens nach Venedig reisen, wird es doch eine ganze Weile auf dem Wohnzimmertisch liegen und immer wieder in die Hand genommen. Hier liegt es in guter Gesellschaft mit Cees Nooteboom "Venedig - Fluide Stadt" und "Laguna. Venedigs Inselwelten" von János Kalmár und Alfred Komarek 

......... Werbung

Ketzerisches Venedig : zwischen Reformation und Inquisition / Text von Christina Gregorin, Fotografien von Norbert Heyl. - 128 S. ; zahlr., meist farb. Fotos und Karten. - Claudius: München, 2018. - ISBN 978-3-532-62815-7