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©e_mager (#Vatersbuch)

Heute, am 21.12.2017, wäre Heinrich Böll 100 Jahre alt geworden. Zu diesem Jubiläum hat der dtv-Verlag eine Sonderedition aufgelegt:

Irisches Tagebuch, Ansichten eines Clowns, Billard um halb zehn, Wanderer, kommst du nach Spa... und Die verlorene Ehre der Katharina Blum

Außerdem gibt es für diese fünf Titel schön aufbereitetes Material für Literaturgesprächskreise mit Exklusivbeiträgen von Odile Kennel, Nicol Ljubić, Madeleine Prahs und Ulrich Woelk:

https://www.dtv.de/_files_media/downloads/lesekreis-material-sonderedition-heinrich-boell-793.pdf

Ebenfalls zum Jubiläum startete Kipenheuer & Witsch eine neue Internetseite zu Lesungen und anderen Terminen rund um Böll und seinen Geburtstag. http://www.boell100.com/

Und zum obig abgebildeten Buch aus der Bibliothek meines Vaters "Und sagte kein einziges Wort" siehe die gerade herausgekommene Besprechung von "Peter liest" unter

http://www.peter-liest.de/heinrich-boell-und-sagte-kein-einziges-wort/

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Zeitungsbranche, Kunstbetrieb, Bauskandale - ein Sittengemälde Berlins zwischen den Kriege
Kaesebier erobert den Kurfürstendamm von Gabriele Tergit

Ein Hype, Merchandising, eine Blase ... von den Machenschaften in der Zeitungsbranche, Pfusch am Bau, schnelles Geld auf Kosten anderer, davon und von noch viel mehr handelt das Buch von Gabriele Tergit: "Käsebier erobert den Kurfürstendamm".

In atemloser Sprache, so schnell geschrieben wie gesprochen - meist sind es Dialoge oder die Schilderung der Ereignisse im Telegrammstil. Berliner Schnauze wechselt ab mit dem dünkelhaften Getue der High Society.

Der Plot ist so einfach wie verblüffend. Aus Verlegenheit, unbedingt auf der ersten Seite einer Berliner Tageszeitung einen Aufhänger zu bringen, wird über einen stümperhaft singenden Schlagersänger - mit Namen Käsebier - berichtet, als wäre es Caruso persönlich. Eine Welle der Werbung, der Vermarktung bis hin zum Bau eines eigenen Theaters für Käsebier am Kurfürstendamm, wird losgetreten. Das Gemauschel, die Absprachen, die Profiteure, man kann es sich lebhaft vorstellen. So läuft es ab hinter den Kulissen der Macht und der Kommunalpolitik. Man denke nur an den neuen Berliner Flughafen und andere verpfuschten Projekte der letzten Zeit.

Aber - die ganze Chose spielt 1929 folgende, geschrieben von einer jungen Gerichtsreporterin, veröffentlicht 1931! Nicht zu fassen, wie aktuell dieser alte Roman ist.

Ein Leckerbissen auch für Kulturhistoriker und alle, die gerne lebendig über vergangene Epochen lesen. Hier wird ein pulsierendes Berlin am Ende der "roaring twenties" geschildert, das ich noch nie so plastisch woanders gefunden habe. Alles ist eben aus erster Hand!

© Jens Brüning

Dem Schöffling-Verlag ist es zu verdanken, dass der Roman, der zu seiner Zeit sehr erfolgreich war, in den 50iger Jahren aber ziemlich schnell wieder in der Versenkung verschwand, wieder ans Licht gehoben wurde. Unbedingt lesenswert, sehr unterhaltsam und nachdenklich machend. Leben wir in ähnlichen Zeiten?

Mein Interesse an der Autorin wurde geweckt durch meine Entdeckungen in der Bibliothek meines Vaters. Näheres dazu unter #VatersBuch

Gabriele Tergit (1894–1982), Journalistin und Schriftstellerin, wurde durch ihre Gerichtsreportagen bekannt. Sie schrieb drei Romane, zahlreiche Feuilletons und Reportagen sowie posthum veröffentlichte Erinnerungen. Im November 1933 emigrierte sie nach Palästina, 1938 zog sie mit ihrem Mann nach London. Dort wählte sie 1957 das PEN-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland zum Sekretär, ein Amt, das sie bis 1981 innehatte. (Autorenportrait - Schöffling)

Eine ausführliche Würdigung des Buches hat Maike Albath auf den Seiten des Deutschlandfunks vorgelegt.

Gabriele Tergit: "Käsebier erobert den Kurfürstendamm"
Roman. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Nicole Henneberg,
Schöffling, Frankfurt 2016, 398 Seiten, 24,95 Euro.

auch als Taschenbuch bei btb oder als eBook

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#VatersBuch - oder wie man sich eine ganze Bibliothek erschließt.

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Kürzlich habe ich den Großteil der Bücher übernommen, die mein Vater (81) im Laufe seines Lebens gesammelt hat. Sein Wunsch an mich war es, diese Bücher in guten Händen zu wissen, bevor er stirbt. Er hatte berechtigte Angst, dass seine Sammlung ansonsten irgendwie zerstreut oder auf dem Müll landen würde.

Nun hat er das Glück, eine Tochter zu haben, die sowohl "vom Fach" ist, als auch genügend Platz hat, um mehrere tausend Bücher aufzustellen. Wir mussten mit unserem VW-Bus zweimal zwischen Bonn und dem Westerwald pendeln, um diese Massen abzuholen.

Und dann dauerte es etwa eine Woche, bis alle Regale standen und alle Werke einzeln per Hand in alphabetischer Reihenfolge (bei der Belletristik) oder passendem Sinnzusammenhang (bei der Sachliteratur) gebracht waren. Gar nicht so einfach; Kollegen wissen was "schieben" bedeutet.

Nun stehen sie da, schön geordnet, alt - da meistens antiquarisch auf Flohmärkten erworben - und mir größtenteils unbekannt. Natürlich sind auch Wiederentdeckungen dabei, vor allem bei den illustrierten Werken, die ich als Kind unendliche Male durchgeblättert habe. IMG_20170612_175921Besonders wichtig damals "Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde" von Gustav Fochler-Hauke und Helmut Bibow. Nichts religiöses, sondern eine ausführliche Evolutionsgeschichte vom Urknall bis zur Entwicklung des Menschen - von 1956. Wenn ich solche Bücher jetzt wieder in die Hand nehme, läuft mir im ersten Moment ein Schauer über den Rücken. Die ersten Berührungen mit Büchern aus meiner Kindheit werden lebendig.

Um nun auch die anderen Bücher und vor allem die Autoren und ihre Geschichten näher kennen zu lernen, habe ich mir ein besonderes Projekt ausgedacht. Ich werde fast täglich eine Autorin oder einen Autor herausnehmen und mit Bild (vom Buch) und mindestens einer informativen Seite aus dem Internet auf Twitter posten. Und zwar unter dem bisher noch nicht benutzten Hashtag #VatersBuch. Diese Seite drucke ich auch aus und lege sie dem ersten Buch bei. So erhoffe ich mir, nach und nach eine gut dokumentierte und fast wissenschaftliche Bibliothek des 20. Jahrhunderts mein Eigen zu nennen.

Vielleicht macht es Euch Spaß, mit mir gemeinsam in Vergessenheit geratene Schriftsteller wieder zu entdecken. Ich freue mich auf Eure Kommentare!

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