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Savo Montalbano ermittelt: eine Stimme in der Nacht. (Una Voce di Notte) Das Phänomen Andrea Camilleri

Das Phänomen Andrea Camilleri

Zum ersten Mal kam ich 1999 mit Andrea Camilleri und seiner Figur Salvo Montalbano in Kontakt. Seine Krimis liefen im italienischen Fernsehen im ersten Teil des Abendprogramms, das regelmäßig nach 21 Uhr beginnt. Unser Italienisch war damals schon so gut, dass wir fast ohne Mühe den schönen Krimis folgen konnten und nebenbei die sizilianischen Drehorte genießen konnten.

Andrea Camilleri : Eine Stimme in der Nacht (Una Voce di Notte)
Andrea Camilleri : Eine Stimme in der Nacht

Wir wurden Montalbano-Fans wie viele Italiener auch.

Die zweite Begegnung hatte ich mit Camilleri bei Feltrinelli in Rom, als ich kurz vor unserer unweigerlichen Rückkehr nach Deutschland noch etwas Lesestoff kaufen wollte. Ich hatte die Absicht, mich mit schönen, sonnigen Geschichten aus Süditalien über eine zu befürchtende Winterdepression zu retten. Schließlich musste ich nach drei langen sonnigen Jahren im November zurück nach Deutschland ziehen. Und da standen sie. Eine lange Reihe schmaler Bücher mit jeweils einem Montalbano-Krimi. Ich war entzückt. Noch bevor in Deutschland das Genre Regionalkrimi bekannt war, konnte ich ein Stück Sizilien mit nach Hause nehmen. Aber – oh weh: Camilleri schreibt in einer eigens erfundenen Sprache, dem Vigatese.

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Ein vielschichtiges "Sommerbuch". Tina beobachtet sehr genau die Welt der Erwachsenen und macht sich einen Reim auf das teilweise merkwürdige Verhalten der Menschen. (Alessio Torino: Über mir die Sonne)
Tina - Coverfoto "Über mir die Sonne" - Hoffmann & Campe
Coverfoto "Über mir die Sonne" - Hoffmann & Campe

Der deutsche Titel „Über mir die Sonne“ und ein Mädchenkopf mit wehenden Haaren auf dem Cover suggeriert ein leichtes Sommerbuch zur Unterhaltung. Der im Italienischen durchaus erfolgreiche Titel „Tina“ wäre bei deutschen LeserInnen vielleicht gar nicht angekommen. Wer weiß? Das sind Überlegungen des Verlags, die wir nicht vollends durchschauen.

Schauplatz, Bühne und Darsteller

Die achtjährige Tina ist jedenfalls die Hauptperson dieses „Sommerbuchs“. Sie verbringt mit ihrer Zwillingsschwester Bea und ihrer Mutter den Sommer auf der Insel Pantelleria. Ihr Vater Sergio ist mit seiner jungen Klavierschülerin Laura in Urbino geblieben. Die Ehe scheint vor dem Aus.

Während Bea sich ihrer Weiblichkeit schon sehr bewusst ist und versucht, damit zu kokettieren, weiß Tina noch nicht, wohin die Reise geht. Sie wird von den meisten für einen Jungen gehalten.

„Tina. Mit diesem unentrinnbaren a. Ihr kam der Verdacht, dass ihre Mutter es absichtlich tat: So konnte sie der ganzen Cala und dem Bar-Restaurant Alta Marea verkünden, dass Signora Ottaviani aus Urbino zwei Töchter hatte.“

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Begriffserklärung und neue Sicht auf die Debatte um Tradition und Überfremdung, Angst vor kulturellen Vermischungen in der Nachfolge der Flüchtlingskrise, um den eigentlichen Heimatbegriff und die identitäre Bewegung.

--- Wurzeln? Ich bin ein Mensch, ich habe Füße! ---

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"Es stimmt, sie sind hübsch, alle diese Dörfchen. All diese Marktflecken, Weiler, Gemeinden und Städte. Mit ihren Burgen, ihren Kirchen, ihren Stränden. Sie haben nur einen Schwachpunkt: sie sind bewohnt." (Georges Brassens, Ballade von den Leuten, die irgendwo geboren sind")

Mit diesem humorvollen Motto stimmt uns Bettini sehr schön in seinen durchaus wissenschaftlich fundierten Diskurs über Heimat, Tradition und Identität ein. Es liegt hier ein zwar schmales, aber auch sehr gehaltvolles Sachbuch vor, das zur aktuellen Debatte neue Denkanstöße geben kann. Allein der umfangreiche Anmerkungsapparat zeigt, wie viel Recherchearbeit, sowohl für den Autor selbst als auch für die Übersetzerin Rita Seuß, hinter den Thesen von Maurizio Bettini steckt.

...weiterlesen "Wurzeln / von Maurizio Bettini"

Ein bedrückender Thriller. Identitätsfindung und Familie. Achtung: spannend.

“ONLY DAUGHTER by Anna Snoekstra is a dark meditation on the secrets we keep about our families and about ourselves. Twisty, slippery, and full of surprises, this web of lies will ensnare you and keep you riveted until you’ve turned the final page.”

— Lisa Unger, New York Times bestselling author of Ink and Bone.

9783959679640

Ein Thriller als Charakterstudie - so habe ich dieses Buch gelesen. Spannend und überraschend bis zum letzten Wort.

Anna Snoekstra, die bei uns noch unbekannte Autorin aus Australien, lässt uns gleich zu Beginn wie mit einem Trick in eine außergewöhnlich Begebenheit schlüpfen.

Eine junge Frau wird bei einem Ladendiebstahl erwischt und gibt vor, die seit elf Jahren gesuchte Rebecca Winter zu sein, der sie ziemlich ähnlich sieht.

Was sie zuerst nur erfindet, um der momentanen unangenehmen Situation für eine gewisse Zeit zu entgehen, bringt sie in die Familie des gesuchten Mädchens. Es erstaunt sie sehr, dass ihre Lüge nicht auffliegt und ihr scheinbar alle glauben. Die Mutter ist überglücklich, der Vater verhält sich abwartend neutral, selbst die jüngeren Brüder, nette Zwillinge merken nichts.  Sie fängt an, sich in der neuen Familie wohlzufühlen, da sie selbst keine besonders schöne Kindheit hatte.

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Auftakt zur neuen Thriller-Serie um Kommissar Henry Frei - Spannung garantiert

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Die erste große Frage: wer ist Alanna? Ich halte den neuen Thriller von Martin Krist als eBook in Händen und bin vom "bösen" Titelbild fasziniert. Die obere Gesichtspartie eines Mannes ist über dem Namen des Autors zu sehen. Ich fühle mich beobachtet. Über dem Titel kann ich einen Namen entziffern. Da steht wie eine handschriftliche Signatur: Alanna.

Nun, im ersten Band der neuen Reihe um Kommissar Frei werden wir dazu wenig erfahren. Ganz beiläufig gibt es erste Anspielungen auf ein weiter zurückliegendes Geschehen. Wir ahnen - Alanna wird uns noch eine Weile beschäftigen. Unsere Neugierde wird in diesem Buch nicht gestillt.

JEDE LÜGE HAT IHREN PREIS. DIESE WIRD DICH TÖTEN.

Ein Mord mitten in der Hauptstadt. Das Opfer wurde erschlagen und gekreuzigt. Kriminalkommissar Henry Frei und sein Team ermitteln.

Suse, heillos mit ihren Kindern überfordert, seit ihr Mann sie verlassen hat, ist in Panik: Ihre Tochter Jacqueline ist verschwunden. Die alarmierte Polizei glaubt der Mutter kein Wort.

Wo ist Jacqueline? Wer zieht seine blutige Spur durch Berlin? Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt! ("Klappentext")

Den neuen Thriller von Martin Krist musste ich unbedingt lesen, nachdem ich im letzten Jahr zufällig auf  "Märchenwald" gestoßen war. Ich war vom Stil des Autors und dem von ihm vermittelten Nervenkitzel fasziniert. Schon lange hatte mich kein Krimi so gefesselt.

Auch im neuen Buch beginnt es nach ähnlichem Muster: wir sehen in einer düsteren Momentaufnahme  eine verängstigte weibliche Person in einer äußerst bedrohlichen Lage, soviel wird klar, aber schon blendet die "Kamera" zur nächsten Szene. Eine Frau wacht aus einem schlechten Traum auf. Wir können nun hoffen, dass sich dieser Traum auf die erste Szene bezieht und uns damit beruhigen. Aber dann wäre es ja kein Thriller von Martin Krist.

Wieder werden wir von Szene zu Szene, die teils mit schrecklich grausamen Details aufwarten, von einer falschen Vermutung zur nächsten geführt. Immer wieder müssen wir unsere vorschnellen Beurteilungen der Lage revidieren. Dabei sind wir dicht an der Seite des neuen Ermittlerpaars Hauptkommissar Henry Frei und Kriminaloberkommissarin Louisa Albers.

Während  Louisa versucht, Haushalt, Kleinkind und Dienst einigermaßen chaotisch auf die Reihe zu bekommen, hasst Frei genau zwei Dinge: Unpünktlichkeit und Unordnung. Auch er ist verheiratet und hat einen achtjährigen Sohn mit Asperger-Syndrom und eine pubertierende Tochter. Als weiterer Kollege wird uns Kriminalkommissar Phan Cha Lee vorgestellt, den alle nur Charlie nennen. Er ist Sohn einer Deutschen und eines Vietnamesen und lockert die Arbeit ständig mit vietnamesichen Schimpfworten auf. Die drei Kollegen müssen sich anscheinend noch aneinander gewöhnen. Spannungen sind also auch auf dieser Ebene des Plots garantiert.

Während ich versuche, meine Eindrücke über Martin Krists neuen Thriller zu beschreiben, merke ich, dass ich einen Film im Kopf habe. Schnelle Schnitte, Szenenwechsel, heftige Wortwechsel, beklemmend düstere Räume, nassen Asphalt, Kälte - großes Kino. Sogar die Musik fehlt nicht.

Ich werde hier gar nicht erst versuchen, die Geschichte zusammenzufassen. Damit würde ich jedem Leser die Freude am Buch nehmen. Man muss ihn selbst entdecken, jeder Hinweis auf den Fortgang des Geschehens wäre ärgerlich.

Nur soviel: neben der Hauptstory gibt es, wie bei echter Polizeiarbeit sicher auch, noch weitere Fälle und alte Geschichten. Martin Krist hat hier ein Universum an Figuren und Geschichten erschaffen, die sicher noch für ein paar Fortsetzungen gut sind.

Und dann werden wir irgendwann erfahren, wer Alanna ist und welches Schicksal sie erleiden musste.

You're a girl in this vicinity, sangen Elbow, I'm a dog without a collar on.

Böses Kind / Martin Krist. - (Alanna , 1) Berlin: R&K, 2017. - 326 S. - ISBN 978-3745035292

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Über den Autor:

Martin Krist, geboren 1971, lebt als Schriftsteller in Berlin. Er arbeitete viele Jahre als leitender Redakteur bei verschiedenen Zeitschriften. Seit 1997 ist er als Schriftsteller tätig. Nach mehr als 30 Sachbüchern, darunter Biografien über die Hamburger Kiez-Ikone Tattoo-Theo, die Punk-Diva Nina Hagen, den Rap-Rüpel Sido, die Grunge-Ikone Kurt Cobain und den gewaltlosen Rebell Mahatma Gandhi, schreibt er seit 2005 Krimis und Thriller. (Verlagstext)