Springe zum Inhalt

1

Die große Ostpreußen-Saga: deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts eindrucksvoll erzählt.

9783746633510

"Die Jahre der Schwalben" ist der zweite Band von Ulrike Renks "Ostpreußen-Saga". Ich hatte schon im Januar den ersten Band besprechen können (siehe hier), an dem ich Kleinigkeiten auszusetzen hatte. Nun interessierte mich aber doch die Fortsetzung dieser großen Familiengeschichte, die damals schon mit einem Cliff-Hanger endete und auch dieses Mal ungeduldig auf die Fortsetzung hoffen lässt.

Die Geschichte von Frederike von Weidenfels und ihrer Familie wird weitererzählt. Haben wir am Ende des ersten Bandes die festliche Hochzeit von ihr und dem 12 Jahre älteren Ax von Stieglitz miterleben dürfen, die die beiden in eine hoffnungsfrohe Zukunft führen sollte, so treffen wir im neuen Buch eine verzweifelte 21jährige Ehefrau an, die sich der riesigen Aufgabe gegenübersieht, ein großes Gut ganz alleine managen zu müssen. Ihr Mann Ax ist an einer offenen Tuberkulose erkrankt und muss sich einer langwierigen Kur im Schweizer Luftkurort Davos unterziehen, während sie als neue Herrin auf Gut Sobotka erst lernen muss, mit den "Leuten", wie man die Bediensteten damals nannte, richtig umzugehen.

...weiterlesen "Die Jahre der Schwalben / Ulrike Renk"

Kindler_Kessel-Altenstein_Kompl.indd

Gut Altenstein in Brandenburg. Sommersitz der Grafen von Kolberg aus Mohrungen bei Königsberg in Ostpreußen. Als die Russen im Zuge des zweiten Weltkriegs die Menschen aus den deutschen Ostgebieten vertrieben, musste sich auch die Familie von Kolberg in Sicherheit bringen. Gut Altenstein erschien als der ideale Zufluchtsort, doch auch von dort musste Agnes von Kolberg mit ihren Kindern weiter in den Westen fliehen. Kuno von Kolberg, Agnes Ehemann, ging zurück an die Ostfront, von wo er nie zurückkehrte. Agnes kommt in Hersel bei Bonn unter, wo sie die Kinder zwar am Rande der Armut, aber immer im Geiste des Hochadels erzieht.

Für Agnes und Kuno war es die zweite Ehe, in die sie beide drei Töchter mit einbrachten. Nach dem ersten gemeinsamen Kind, Moritz, kamen noch zwei Mädchen, Helene und Marie. Da Marie die neunte war, wurde sie von allen Nona genannt. Agnes wollte Kuno unbedingt noch einen Jungen schenken, da Mädchen in der Familie nicht wirklich zählten. Doch ihr zehntes Kind, wahrhaftig ein Junge, war eine Totgeburt. Obwohl Kuno nun keine Kinder mehr wollte, setzte Agnes sich durch und bekam 1944 den Knaben Konrad.

«‹Frau Gräfin, Sie sind wie eine Blume, und ihre Kinder sind die Blütenblätter.› So sah sie sich. Sie war das Zentrum, wir nur die Zierde.» (S. 62) Diese Metapher findet sich auf dem Titelblatt wieder.

Von diesem reichen "Material" ausgehend, hat Julie von Kessel das farbige Panorama einer großen Familie im 20. Jahrhundert entwickelt. Obwohl es in erster Linie um Konrad zu gehen scheint, der nach der Wende das Gut Altenstein zurück in den Familienbesitz bringen will, sind in diesem Epos die wahren Hauptfiguren die Frauen. Sie sind tatkräftig und willensstark, während Moritz und Konrad eher schwächere Charaktere haben. Wir verfolgen in großen Zeitsprüngen kaleidoskopartig die Personen und ihre Rolle innerhalb der Familie. Nach und nach werden wir auch in die näheren Umstände der abenteuerlichen Flucht von Agnes und den Kindern eingeweiht. Wir verfolgen vereinzelt die Lebensstationen der Geschwister in Bonn, Rom, Brüssel und Mexiko.

Während der Lektüre kam ich mir vor wie ein Gast auf einem großen Familientreffen, bei dem man sich aus den verstreuten Erzählungen der Insider ein Bild der Geschehnisse machen muss. Die zeitlich und räumlich versprengten Kapitel sind thematisch zu Gruppen zusammengefasst. So bildet sich nur langsam ein roter Faden heraus. Nach einem Prolog, in dem Agnes den kleinen Konrad einem fast unbekannten Mädchen anvertraut, die ihn 1945 in einem überfüllten Zug von Königsberg mit nach Altenstein nimmt, werden wir schon im ersten Kapitel mit Konrads frühzeitigem Tod konfrontiert. Er stirbt 2005 an Krebs. So ist quasi das Ende der Geschichte schon am Anfang verraten. Dazwischen lernen wir außer Agnes nur einen Teil der zehn Kinder kennen. Es geht vor allem um Konrad, Moritz und Nona. Eine besondere Rolle spielt Isolde, genannt Bobby, die als einzige Tochter aus Kunos erster Ehe beim Vater geblieben ist. Sie gibt den jüngeren Halbgeschwistern den mütterlichen Halt, den Agnes als sehr ichbezogene Frau ihren Kindern nicht geben kann.

Mich hat es ziemlich gestört, dass dieses Familienepos ohne jede Chronologie der Ereignisse erzählt wird. Die thematischen Zusammenfassungen der Kapitel erschließen sich nur aus dem Inhaltsverzeichnis. Die Personen haben alle irgendwelche Macken und wurden mir nicht wirklich sympathisch. Jede und jeder verfolgt sein Ziel und ist auf seinen Vorteil bedacht. So ist es wahrscheinlich auch in vielen großen Familien und kann deswegen als realistisch gelten. (In meiner Familie ist es zum Glück nicht so.) Mich wundert auch, dass Agnes immer als Mutter von 10 Kindern dargestellt wird, obwohl nur sechs im Text näher benannt werden. Wir erfahren noch nicht mal die Namen der anderen, obwohl zumindest acht auf der Flucht aus Ostpreußen mit dabei gewesen sein müssen. Anstelle dessen lernen wir zwei Cousins der Geschwister mit Namen kennen.

Trotzdem wird es sicher viele Leser finden - schon allein wegen des hübschen Covers und des Themas Ostpreußen. Die Autorin Julie von Kessel versteht es, spannend zu erzählen, das ist gar keine Frage.

Jedenfalls ein tolles Buch für Lesekreise, es bietet eine Fülle an Gesprächsstoff - heftige Diskussionen sind garantiert.

Altenstein : Roman / Julie von Kessel. - 1. Aufl., 425 S.  - Reinbeck b. Hamburg: Rowohlt, 2017. - fest geb., ISBN 9783463406770 - 19,95 €

2

Ostpreußen in den 1920iger Jahren - eine große Familiengeschichte ostpreußischen Landadels.

renk_1In einer Mischung aus "Jauche und Levkojen" von Christine Brückner und "Dick und Dalli und die Ponys" von Ursula Bruns entwickelt Ulrike Renk im neuen Buch "Das Lied der Störche" eine große Familiengeschichte ostpreußischen Landadels. Es beruht auf einer wahren Geschichte, welche die Autorin für ihre Zwecke verändert und verfremdet hat.

Im Jahr 1920 ist Frederike von Weidenfels 11 Jahre alt. Die Mutter heiratet zum dritten Mal, und zwar Erik von Fennhusen, ein Vetter ihres zweiten Mannes. Die Kinder Fritz und Gerta aus der zweiten Ehe tragen also schon den richtigen Namen, während Frederike quasi nicht zur Familie gehört. Das wird ihr schon früh klar gemacht und durchzieht die ganze Geschichte, die uns übrigens komplett aus der Sicht Frederikes erzählt wird. Da sich die Autorin zu diesem Stilmittel entschlossen hat und es keine übergeordnete Erzählperspektive gibt, muss Frederike ziemlich oft hinter Sesseln sitzen oder vor angelehnten Türen lauschen, sich unter das Personal mischen oder sich aus Gesprächen der Erwachsenen so einiges zusammenreimen. Sie macht sich sehr viele Gedanken und handelt durchweg als große, vernünftige Schwester, was ich der Elfjährigen nicht immer abgenommen habe.

Nachdem wir die Lebensweise eines ostpreußischen Landgutes mit Haushaltung, Viehzucht, Gartenbau und rauschenden Festen zur Zeit der Entstehung des polnischen Korridors kennengelernt haben, springt der zweite Teil des Romans ins Jahr 1928. Frederike hat gerade ihre zweijährige Ausbildung auf der Obst- und Gartenbauschule für Frauen in Bad Godesberg abgeschlossen und kehrt auf das Gut der Familie zurück. Sie ist mittlerweile 19 Jahre alt und weiß, dass sich bald entscheidet, wie es für sie im Leben weitergeht. Da sie keine Ansprüche auf ein Erbe hat, wird sie entweder heiraten oder einen Beruf ergreifen müssen. Wieder werden Jagden und Bälle arrangiert, damit sich potenzielle Heiratskandidaten finden lassen. Doch da ist schon längst Ax von Stieglitz, mindestens 12 Jahre älter als Frederike, auf den alles hinauszulaufen scheint. "Das Lied der Störche" endet mit einem klassischen Cliffhanger, der Nachfolgeband ist schon angekündigt

Ulrike Renk versteht es, unterhaltend und kurzweilig zu erzählen. In die Geschichte eingeflochten sind viele Hinweise auf die politischen aber auch kulturellen Gegebenheiten der Zeit. So erfahren wir sowohl etwas von den Unruhen in Serbien und Kroatien, die schwierige Situation Ostpreußens hinter dem polnischen Korridor,  als auch über die neuste Mode und den Musikgeschmack der 20iger Jahre. Automobile und Telefonanschlüsse werden häufiger, die Industrie wird effizienter, Elektrizität wird in fast alle Zimmer gelegt, auf der Tenne spielt das Grammophon Charlston und Shimmy. Mit mundartlichen Einfärbungen der Sprache der "Leute", wie das Personal genannt wird, versucht die Autorin auf sympathische Weise Lokalkolorit zu vermitteln. Wie sie im allerdings im Nachwort zugibt, musste sie alles lesbar vereinfachen, "ei, obwohl mir das awwer aners ooch jut jefallen hat".

In den Gesprächen der Erwachsenen wird die Sorge vor einem neuen Krieg nur beiläufig erwähnt. Keiner mag sich eine so schlimme Entwicklung wirklich vorstellen. Bislang kann der Land- und Hochadel sich noch voll und ganz auf das feudale Leben mit Dienerschaft und Personal für die allerkleinsten Bedürfnisse verlassen. Da wir die wahre Geschichte schon kennen, wird es Frederike im nächsten Band wohl nicht mehr so gut ergehen. Leser und Leserinnen, die gerne historische Geschichten mit Heimatbezug lesen, werden sicher voll auf ihre Kosten kommen.

Nachtrag Oktober 2017: Die Besprechung vom zweiten Band der Familiensaga „Die Jahre der Schwalben“ 

-----------

Ulrike Renk: Das Lied der Störche. - Broschur, 512 Seiten. - Aufbau Taschenbuch
ISBN 978-3-7466-3246-9 ;12,99 € (Auch als eBook)

Homepage von Ulrike Renk