Coverfoto Dennis Kornblum. Der Eklat
Buchpreis,  Buchtipp,  Fundstücke

Der Eklat / Dennis Kornblum

Manchmal ist es einfach der Zufall, der ein Buch in meine Leseliste spült. Der kleine Verlag „Kuuuk mit 3U“ aus Königswinter bei Bonn ist einer der vielen unabhängigen Verlage. Der Zufall muss sehr groß sein, um diesen zu finden. Leider hat er auch eine der schlechtesten Homepages, die ich je gesehen habe.

Und doch und gerade dort bin ich auf ein sehr spannendes Buch gestoßen. Es heißt „Der Eklat“ und wurde vom Bonner Autor Dennis Kornblum geschrieben.

Zu Beginn der Lektüre tat ich mich erst einmal sehr schwer mit den wohlgeformten, fast schon gedrechselten langen Schachtelsätzen. Doch dann wurde ich förmlich hineingezogen. Ich vergaß, dass ich nur einen Text las. Es war, als säße ich vor dem Bildschirm und verfolgte gebannt ein Interview zwischen einem bekannten Fernsehmoderator und einem Journalisten. Sie kennen das: Sie zappen durchs Programm und bleiben bei einem dokumentarischen Format hängen. Sie haben den Anfang verpasst und wissen noch gar nicht so genau, worauf das Gespräch der beiden hinausläuft. Irgendwie haben Sie den Vorspann verpasst und auch von „dem Eklat“ haben Sie nur am Rande mitbekommen.

Coverfoto Dennis Kornblum. Der Eklat

Dennis Kornblum beteiligt Sie ohne weitere Infos an der Diskussion: „Ja schön, dass das heute geklappt hat, Herr Hagen.“ So der Einstieg in den Text. Herr Hagen ist als Journalist die Person im Buch, die die ganze Zeit um Objektivität bemüht ist, obwohl gerade sein Berufststand durchgehend im Verdacht steht, nicht objektiv zu berichten.

Und worum geht es nun?

Im Laufe der Lektüre erfahren wir, dass der Autor Jascha Wrobel in einer Talkshow ausfallend, gar handgreiflich geworden sein muss. Er ließ es zu dem besagten Eklat kommen. Nun sitzt er in Untersuchungshaft. Erst ganz am Ende des Romans werden wir wissen, worin genau der Eklat bestanden hat.

Neben des Gesprächs der beiden Männer, Journalist und Moderator, werden für das Publikum kurze Rückblicke eingeblendet, was den Anschein von Objektivität erwecken soll. Zum Teil werden diese Rückblicke mit der Sicht Jascha Wrobels verwoben, der die einzige Ichperspektive im Roman einnimmt und so nicht nur zum Gegenstand der Diskussion, sondern auch zur Hauptperson im Roman wird.

Wir lernen schnell, dass Wrobel alle möglichen „nichtwoken“ Ansichten vertritt. Sowohl in seinen Büchern als auch in den vielen Talkshows, zu denen er gerne eingeladen wird. Er ist Impfgegener, gegen das Gendern, frauen- und ausländerfeindlich und überhaupt gegen alles, was der so genannte Mainstream zur Zeit als political correct empfindet. Er wirft den Medien einseitige, zu linke Berichterstattung vor etc. Erstaunlichwerweise ist er aber auch für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Außerdem ist er mit einer Türkin verheiratet. Kurz, er ist schwer zu fassen und schwer einer Seite zuzuordnen.

Als Gegenpart fungiert im Roman die Journalistin Jasmina Lorentz. Sie verkörpert die Haltung derjenigen, die sich für eine gleichberechtigte Gesellschaft einsetzen und das auch sprachlich mit gendergerechter Sprache sichtbar machen. Sie ist das erklärte Feindbild Jascha Wrobels. In den verschiedenen Situationen treffen Sie auf einander und verwickeln sich jedesmal in heftige Streitgespräche.

In den Passagen, in denen Jascha Wrobel als Kommentator der Situation auftritt, wir seine persönlichen Gedanken „lesen“ können, erfahren wir viel über seine Herkunft, seinen Autismus – angeblich hat er Asperger, über seine Jahre in einer psychatrischen Wohngruppe und wie er dort seine Frau kennen gelernt hat. Sie war seine Psychologin und der erste Mensch, zu dem er Vertrauen fassen konnte. Sie war es auch, die ihn ermuntert hat, zu schreiben und auf eigenen Beinen zu stehen. Eine regelrechte Erfolgsgeschichte und auch etwas rührend. Durch die Liebe und Heirat findet er das Glück und seine Freiheit. Er schafft es, mehrere Bücher zu veröffentlichen, die nach einem holprigen Start im Selbstverlag endlich sogar zu Bestsellern wurden. Sie wurden in mehreren Sprachen herausgebracht und waren mehrfach für den deutschen Buchpreis nominiert worden.

Viel mehr will ich gar nicht zum Inhalt sagen. Nur so viel: es werden fast alle brisanten Themen angeschnitten, die uns heute beschäftigen. Der Talkshow-Betrieb wird genauso aufs Korn genommen, wie der unabhängige Journalismus, die Diskussion um Genderfragen, den Klimawandel, die Ausländer- und Frauenfeindlichkeit.

Der besondere Kunstgriff Kornblums ist es, den Protagonisten, die „Ich-Figur“, die normalerweise die Sympathien der Leserschafft auf sich zieht, all die Meinungen vertreten zu lassen, die nicht korrekt sind.

Diesen Twist musste ich beim Lesen bewältigen, denn immer mal wieder fand ich auch die sympathische und menschliche Seite desjenigen, dessen Meinungen ich ganz bestimmt nicht teile.

Ich empfehle diesen Roman ausdrücklich! Lassen Sie sich von den Schachtelsätzen nicht abschrecken. Sie gehören zu Jascha Wrobel – genauso, wie zum Autor Dennis Kornblum.

Zum Autor

Dennis Kornblum, geboren 1980, wohnhaft derzeit in Bonn, hat schon in der Grundschule angefangen, seinen ersten Roman zu schreiben. Nach einem abgebrochenen Psychologiestudium begann eine Odyssee durch Wohnheime und Institutionen, die ihn immer wieder mit der Welt fremdeln ließ. 2007 erhielt er die Diagnose Asperger-Syndrom. Offen geht er damit um, klug, nachdenklich … und nun wieder viel schreibend … so sieht er diese Welt verdammt genau. Quelle: Verlag

……… Werbung

Der Eklat / Dennis Kornblum. – 1. Auflage, 228 Seiten. – Königswinter: Kuuuk-Verlag, 2026. – ISBN 978-3-96290-053-3

Zum Kuuuk-Verlag—>

neugierig, wissbegierig, biblioman, non binary

Litblogkoeb - ohne Bücher ist alles nichts
Privacy Overview

This website uses cookies so that we can provide you with the best user experience possible. Cookie information is stored in your browser and performs functions such as recognising you when you return to our website and helping our team to understand which sections of the website you find most interesting and useful.