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Da ich nicht alles selber lesen, geschweige denn besprechen kann, was ich gelesen habe, gibt es jetzt hier ein paar sehr schöne Beiträge befreundeter Blogger zu Übersetzungen aus dem Italienischen:

Alessandro Baricco: So sprach Achill (02/2018)  - besprochen bei AstroLibrium

Elena Ferrante: Tetralogie der Neapel-Saga - u.a. bei leckere Kekse, bei buch-haltung.de und aus.gelesen

Möchte jemand seinen Beitrag über einen italienischen Autor auch hier wiederfinden, bzw. verlinken? Bitte melden!

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Ein Sommer in den italienischen Bergen. Ein Rückzug und die Reise zu sich selbst. Paolo Cognetti: Fontane Numero 1

Heute präsentiere ich in der Reihe Gastland Italien meine vierte Entdeckung von Übersetzungen aus dem Italienischen. Zugleich nehme ich mit diesem Artikel bei der wunderschönen Blogparade "Bella Italia" von Silvia und Astrid bei "Leckere Kekse" teil. Es ist mir eine große Freude, dabei mitmachen zu dürfen!

Beim Rotpunktverlag Zürich - in der Edition Blau - habe ich "Paolo Cognetti - Fontane Numero 1" entdeckt. Der Verlag hat es mir dankenswerterweise als Rezensionsexemplar überlassen.

Dieses Sommerbuch kommt mir gerade recht. Hier schreibt ein Autor, der sich nach einer Schaffenskrise für einen Sommer in eine relativ einsame Berghütte auf 2000 Meter irgendwo im Aostatal zurückzieht. Er hofft, wieder zu sich zu finden, mithilfe der Einsamkeit und des einsamen Lebens zum Kern, zur Quelle seiner Kreativität.

Das Thema spricht mich sehr an. Auch ich stelle es mir wunderbar vor und sehne mich geradezu
danach, für eine längere Zeit in eine Hütte in den Bergen oder am Meer zu ziehen, wo ich von den täglichen Anforderungen an mich einmal nichts mitbekomme. Ich stelle es mir paradiesisch vor, nur mit Büchern, Papier, Stiften und Malutensilien die Tage zu verbringen. Einfaches Leben, einfaches Essen, kein Internet, kein Trubel.

Cognetti ist 30 Jahre alt und erinnert sich daran, wie er mit einem Bergführer in seiner Kindheit die langen italienischen Sommerferien im Gebirge verbracht hat. Mittlerweile im quirligen und lauten Mailand zu Hause, glaubt er, die Verbindung zu dem Naturburschen, dem "ragazzo selvatico" (So der Titel im Original), der er einmal war, verloren zu haben. Er schiebt auch seine Schreibschwierigkeiten darauf.

Vor allem aber schrieb ich nicht, und das ist für mich, als würde ich nicht schlafen oder essen: Eine solche Leere hatte ich noch nicht erlebt.“

Das Büchlein hat nur 140 S., aber die haben es in sich. Alle Bibliomanen unter uns kann ich nur warnen – der Stapel der ungelesenen Bücher wird immer höher. Cognetti bezieht sich in seinem Vorhaben nicht nur auf Henry David Thoreau „Walden oder das Leben in den Wäldern“, sondern führt auch eine Reihe anderer Autoren an, die aus Weltverdrossenheit in der Natur Einsamkeit gesucht hatten.“ 

Wenn ich ein Buch finde, bei dem ich schon auf den ersten drei Seiten, fünf Sätze herausschreiben und erinnern möchte, dann habe ich ein Gefühl wie Liebe auf den ersten Blick: erhöhter Herzschlag, eine wunderbare Entdeckung, Freude. Dieses Bändchen ist so eine Entdeckung für mich.

Es beginnt im Original so:

"Qualche anno fa ho avuto un inverno difficile. Ora non mi pare importante ricordare l’origine di quel male. Avevo trent'anni e mi sentivo senza forze, sperduto e sfiduciato come quando un’impresa in cui hai creduto finisce miseramente. Un lavoro, una storia d’amore, un progetto condiviso con altre persone, un libro che ha richiesto anni di fatica. In quel momento immaginare il futuro mi sembrava un’ipotesi remota quanto quella di mettersi in viaggio quando hai la febbre, fuori piove e la macchina è in riserva sparata. Avevo dato molto, e dove stava la mia ricompensa?"

Der Übersetzung von Barbara Sauser merkt man an, dass sie viel Erfahrung mit dem Italienischen hat. Sie schafft es, die Sätze behutsam zu verknappen und damit die Aussagen aus dem immer etwas weitschweifigerem Italienischen in die adäquate, kargere deutsche Sprache zu übertragen.

"Vor ein paar Jahren erlebte ich einen schwierigen Winter. Die Gründe dafür sind jetzt nicht wichtig. Ich war dreißig und fühlte mich kraftlos, verloren und niedergeschlagen, wie wenn ein Unternehmen, an das man geglaubt hat, kläglich gescheitert ist: eine Arbeit, eine Beziehung, ein gemeinschaftliches Projekt, ein Buch, das mich Jahre der Mühe gekostet hat. Mir eine Zukunft vorzustellen, kam mir in diesem Moment ungefähr so abwegig vor wie eine Reise anzutreten, wenn man Fieber hat, es draußen regnet und dazu der Tank leer ist. ich hatte alles gegeben, wo blieb nun mein Lohn?"

Neben Zitaten aus den literarischen Vorbildern Cognettis (Thoreau, Levi, De André, Reclus, Krakauer und Stern) lernen wir auch die Gedichte der in Italien wohl recht bekannten Antonia Pozzi (1912 bis 1938) kennen. Auch hier hat Barbara Sauser es geschafft, vier davon stimmungsvoll und ohne Verluste zu übersetzen.

Cognetti bezieht im Frühjahr eine von vier verlassenen Hütten, die zusammen das Dorf Fontane gebildet hatten, als es noch bewohnt war. Anfangs ist es wirklich einsam, von Frühling wenig zu spüren, im Mai schneit es noch einmal kräftig. Er findet, was er gesucht hat. Einsamkeit, Natur, das einfache Leben mit Holzmachen, Einheizen, dem Anlegen eines Gemüsegartens und langen Spaziergängen. Später kommen die Hirten mit ihren Tieren. Mit zwei Menschen, Gabriele, dem Kuhhirten, und Remigio, seinem Vermieter, der ab und zu nach ihm schaut, freundet er sich an. Als dann auch noch die Touristen kommen, „die, fast immer in großen Gruppen unterwegs, taub und blind für die Landschaft schienen...“, die die Tiere verjagten, wird ihm auch die Hütte zu viel. Er beschließt, draußen zu leben, noch karger, noch einsamer. „Schwer beladen machte ich die Tür hinter mir zu und hatte doch das Gefühl, mich von einer Last zu befreien.“ Er kommt zu der Einsicht, dass seine Flucht nicht von der Hütte und auch nicht von den Leuten herrührt. Dass die Last vielmehr von ihm selbst ausging. „Wovor sollten wir sonst fliehen, wenn wir aus dem Haus fliehen?“

Am Ende des Sommers kommt er zurück in die Hütte, bis es auch hier Zeit wird, alles winterfest zu machen und zurück in die Stadt zu fahren. Cognetti hat in diesem Sommer zu sich gefunden, aber ganz anders, als er es sich gedacht hatte.

Meine Erkenntnis nach der Lektüre: jeder muss die Hütte in sich selbst finden! Die Kunst ist, im Alltag zu sich zu finden - das wilde Kind in sich zu befreien. Es geht nicht um die Hütte oder die Einsamkeit, sondern um die Abgrenzung gegen die tägliche Brandung an Anforderungen von außen. Ich versuche es gerade; ich bin auf einem guten Weg.

Fontane Numero 1 : ein Sommer im Gebirge / Paolo Cognetti. Aus dem Italienischen von Barbara Sauser. - 1. Aufl., 140 S. - (Edition Blau). - Zürich: Rotpunktverlag, 2017. - 9783858697400 ; geb. 18 €

Über den Autor:

Paolo Cognetti, geboren 1978 in Mailand, ist Schriftsteller und Dokumentarfilmer. Zur Autorenkreis rund um den quirligen Verlag Minimum Fax in Rom gehörend, hat er mehrere, verschiedentlich ausgezeichnete Bücher veröffentlicht. 2016 ist beim renommierten Turiner Verlag Einaudi sein Debütroman erschienen, der in rund 30 Sprachen verkauft wurde. Mit Fontane Numero 1 liegt sein erstes Buch auf Deutsch vor. Über aktuelle Lektüre und über die Berge schreibt er auf seinem Blog: paolocognetti.blogspot.com. (Verlagstext)

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lithundBei Sätze&Schätze gibt es ein neues Projekt, das sich mit dem "Hund in der Literatur" befasst. Mein erster Gedanke ging sofort zu dem phantastischen Buch von David Wroblewski "Die Geschichte von Edgar Sawtelle", von dem ich hier berichten möchte.

Ich habe es vor einigen Jahren im englischen Original gelesen und war begeistert. Zwei Sachen sind mir im Gedächtnis geblieben. Erstens: mein nächster Hund wird nur mit Gesten erzogen. Zweitens: Warum hat Edgar seine geliebte Hündin Almondine am Ende so im Stich gelassen?

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copyright e.mager

Jetzt habe ich es noch einmal in der deutschen Fassung gelesen. Wie man oben sieht, gemeinsam mit meinem Hund Bilbo. Er wurde nicht mit Gesten erzogen, denn ich habe ihn schon sehr lange - er wird bald 16 Jahre alt. Aber ich quassel ihn seit damals nicht mehr so voll. 🙂

Edgar Sawtelle ist der Sohn von Trudy und Gar Sawtelle, die irgendwo im Mittelwesten der USA eine Hundezucht betreiben. Sie haben sie von Gars Vater John übernommen, der sich darauf spezialisiert hatte, besonders vertrauensvolle Hunde zu züchten. Das besondere an den "Sawtelle-Hunden" ist, dass sie erst voll ausgebildet, also mit etwa zwei Jahren, an ihre neuen Besitzer abgegeben werden. Das machst sie zu besonders verlässlichen, sehr begehrten und somit auch sehr teuren Hunden.

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copyright e.mager

Die Hündin Almondine wird schon als Welpe ins Haus der Sawtelles geholt und dort erzogen. Als Edgar geboren wird und es sich herausstellt, dass er stumm ist, macht sie es sich selbst zur Aufgabe, ihm nicht mehr von der Seite zu weichen.

"Dies wird seine erste Erinnerung sein. Rotes Licht, Morgenlicht. Eine hohe schräge Decke. Träges Klicken von Krallen auf Holz. Zwischen den honigfarbenen Stäben der Wiege schiebt sich eine schnurrhaarige Schnauze hindurch, bis sich die Lefzen zurückziehen und eine Reihe zierlicher Vorderzähne zu einem lächerlichen Grinsen entblößen."

Nach dem ersten Schreck, dass ihr Sohn stumm sein wird, lernt Trudy Gebärdensprache und bringt sie sowohl Edgar als auch seinem Vater bei. Edgar lernt sehr früh sich mit den Händen auszudrücken, so dass sein Handicap nicht wirklich Probleme bereitet.

Er wächst mit Almondine und den anderen Hunden auf, die in einer großen Scheune geboren und erzogen werden. Edgar wird in alle Arbeiten mit eingebunden und kann schon bald ebenfalls Hunde trainieren und für sie sorgen. Soweit ist es eine wunderbare Idylle, die sich dann aber zunehmend in eine klassische Tragödie wandelt.

Gar hat einen Bruder Claude, der den elterlichen Hof schon als ganz junger Mann verlassen hat. Nun ist er wieder da. Über das, was er in der Zwischenzeit gemacht hat, herrscht Schweigen. Er bleibt auf dem Hof und will mitarbeiten. Schon nach kurzer Zeit wird klar, dass die Brüder nicht mit einander auskommen. Es gibt ständig Streit, bis Claude in die Stadt zieht und eine andere Arbeit findet.

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copyright e.mager

Mittlerweile ist Edgar 14 Jahre alt und darf seinen ersten eigenen Wurf Welpen trainieren. Alles läuft bestens, als er seinen Vater schwer verletzt in der Scheune findet. Außer ihnen ist niemand auf dem Hof. Da Edgar nicht per Telefon Hilfe rufen kann, muss er zusehen, wie sein Vater stirbt. An dieser vermeintlichen Schuld zerbricht der Junge fast, als ihm plötzlich sein Vater als Geist erscheint und ihm zu verstehen gibt, dass Claude ihn umgebracht hat.

Trudy, die davon nichts zu ahnen scheint, verliebt sich in Claude. Edgar ist verzweifelt. Die Tragödie nimmt ihren Lauf. Edgar flieht mit drei Hunden in die Wildnis, wo er ums nackte Überleben kämpft. Almondine ist zu alt für diese Anstrengungen und wird deshalb von Edgar im Stich gelassen. Ziemlich unglaubwürdig, wenn man bedenkt, welch eine Beziehung die beiden zu einander haben.

Hier möchte ich aufhören, über den Plot zu sprechen. Ich kann wirklich sehr zu diesem Buch raten, vor allem, wenn man Hunde liebt. Allerdings besteht das Werk auch ohne das. Es ist eine großangelegte Familiensaga, ein Abenteuerroman, voller menschlicher Tragödien, ein klassisches Drama. Es hat überhaupt keine Längen (was andere Kritiker allerdings anders sahen, s.u.) und gibt dem Leser die ganze Zeit Rätsel auf. Was kann man von einem Buch noch verlangen? Ach ja - ich habe es beim ersten Mal nicht gemerkt - Wroblewski hat hier den ganzen Hamlet in das Amerika der siebziger Jahre verlegt. Wer seinen Shakespeare kennt, wird es wohl sofort bemerken. Ich konnte den Roman auch ohne diese zweite Spur genießen.

Zu den etwaigen Längen, die von einigen Kritikern bemängelt wurden: sicher hätte man weite Teile des Buchs kürzen können, z.B. wenn sich Edgar mit drei seiner treuen Hunde monatelang im Wald versteckt und sie sich von den Konserven aus Ferienhütten ernähren; vielleicht hätte man Naturbeobachtungen und Tierstudien weglassen können. Ich finde jedoch, es gehört ganz genau zum Buch und ist der dramatischen Familiengeschichte angemessen.

Die deutsche Übersetzung von Barbara Heller und Rudolf Hermstein ist gut gelungen, obwohl ich die Originalsprache ohne Zwischenschritt immer vorziehe.

David Wroblewski, 1959 geboren, wuchs auf einer Farm in Wisconsin auf, unweit des Chequamegon National Forest, wo auch sein Roman angesiedelt ist. Seine Eltern hatten ebenfalls eine Hundezucht.  Das Buch wurde 2008 vom Oprah's Book Club entdeckt und wurde danach zum Bestseller in den USA und später weltweit. Vorher arbeitete Wroblewski als Softwareentwickler. "Die Geschichte von Edgar Sawtelle" ist bislang sein einziger Roman.

Die Geschichte des Edgar Sawtelle : Roman / David Wroblewski. Aus dem Englischen von Barbara Heller und Rudolf Hermstein. - DVA, 2009. - ISBN 978-3-641-03720-8 - (epub, 9,99€)

Das Buch ist nur noch antiquarisch oder als E-Book erhältlich.

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