Delphine Minoui "Die geheime Bibliothek von Daraya" Benevento 2018
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Die geheime Bibliothek von Daraya / Delphine Minoui

Über die Macht der Bücher in Zeiten des Krieges

– Unbedingt Lesen ! –

Vom 15. Oktober 2015 bis zum 12. September 2017 dauert der Zeitraum, über den dieses Buch berichtet. Die kleine Stadt Daraya, nur sieben Kilometer von Damaskus entfernt, ist seit 2012 im Belagerungszustand. Zuletzt harren noch zwölftausend Menschen in der ausgehungerten Stadt aus. Am Ende wird niemand mehr dableiben können. Viele sind in der Zwischenzeit gestorben – durch Fassbomben oder Hunger.

Die französische Journalistin Delphine Minoui findet im Oktober 2015 auf der Facebook-Seite von  „Humans of Syria“ die Aufnahme einer „geheimen Bibliothek im Herzen von Daraya“, so die Bildunterschrift. Ihr Interesse ist geweckt und mit Hilfe der digitalen Möglichkeiten, bekommt sie Kontakt zu Ahmad, dem Fotografen, der sie von nun an direkt aus Daraya mit Informationen versorgt. Über Whatsapp und Skype befreundet sie sich mit einer handvoll junger Menschen, die ihr von dem Alltag in einer belagerten Stadt und dem mühevollen Leben dort erzählen. Sie erlebt quasi hautnah, wie junge Menschen nicht nur nach Essen und Trinken suchen, sondern auch nach Wissen und Bildung. Wie sie trotz täglicher Bombardierungen mit Fassbomben einen Weg finden, eine unterirdische Bibliothek mit den in den Trümmern der Häuser zurückgelassenen Bücher aufzubauen. Wie sie sich gegenseitig unterrichten, wie sie Trost in den Büchern finden, die ihnen von ähnlichen Schicksalen berichten. Oft handelt es sich um Menschen, die vor der Belagerung überhaupt nicht gelesen haben. 

Originalfoto von Abu Al-Ezz, 23 (gefunden unter „Humans of Syria“ Facebook

„Ihr Wissendrang kennt keine Grenzen. Eines Februarmorgens enthüllt mir Ahmad die Existenz eines weiteren unterirdischen Horts des Meinungsaustauschs, der Ende 2015 ganz in der Nähe der Bibliothek eröffnet wurde. Unter größter Geheimhaltung werden in diesem zweiten Diskussionsforum per Skype Videovorträge für die Einwohner der Stadt organisiert. Sie sitzen vor einem riesigen Bildschirm und dürfen die im Exil lebenden Professoren und Dissidenten jeglicher Couleur, die sich dort abwechseln, alles fragen, was ihnen in den Sinn kommt. Die Gelegenheit, den Grundstein zu legen für ein offeneres und toleranteres politisches Projekt als jenes, in dem sie aufgewachsen sind.“

Die geheime Bibliothek von Daraya (S. 106)

Delphine Minoiu lässt uns in ihrem chronologischen Bericht wie in einem Tagebuch an den Ereignissen und dem Alltag der jungen Menschen teilhaben. Wir fiebern beim Lesen mit ihr, wenn sie tagelang kein Lebenszeichen mehr bekommt. Wir staunen, wie lebensfroh und voller Hoffnung die Freunde sind. Wie trotz Angst und Tod zarte Liebesbeziehungen gepflegt werden. Nach und nach wird klar, dass der hoffnungsvolle Beginn mit dem Rückzug in die unterirdische Bibliothek kein Happy End haben kann. Es ist eben kein schön ausgedachter spannungsgeladener Roman, sondern ein Sachbuch, dass jetzt schon über Vergangenes berichtet. 

Mir wird bewusst, dass diese Dinge alle passierten und noch passieren, während wir in unserem komfortablen Deutschland über Obergrenzen von Asylsuchenden nachdenken, während wir uns über Merkels „Wir schaffen Das“ aufgeregt haben, während wir keinerlei Einbußen in unserem Leben hinnehmen mussten. Es beschämt mich, dass so etwas geschehen muss und die Weltgemeinschaft – wir – keine Möglichkeit finden, die Kriege in der Welt zu beenden. 

Es freut mich, dass Literatur ein wichtiges Nahrungsmittel für Geist und Seele sein kann. In unserer übersättigten Welt verkennen wir oft die Macht der Bücher – ob in Zeiten des Krieges oder auch sonst.

Ich wünsche mir, dass dieses Buch in Schulen gelesen und möglichst vielen jungen Menschen bekannt gemacht wird.

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Die geheime Bibliothek von Daraya : über die Macht der Bücher in Zeiten des Krieges / Delphine Minoui. Aus dem Französischen von Nathalie Lemmens. – EST: Les passeurs de livres de Daraya. Une bibliothèque secrète en Syrie. – Benevento: Salzburg, München, 2018. – ISBN 9783710900426

Über die Autorin

Delphine Minoui, geboren 1974, ist eine französisch-iranische Journalistin und Nahost-Expertin. Sie arbeitet unter anderem für Le Figaro, Le Soir, L’Express und Radio France und wurde 2006 für ihre Reportagen mit dem »Albert-Londres-Preis«, dem wichtigsten französischen Journalistenpreis, ausgezeichnet. Sie hat bereits mehrere Bücher über den Iran, Libyen und den Jemen veröffentlicht und legt mit »Die geheime Bibliothek von Daraya« ihren Finger in die aktuell wohl größte Wunde der arabischen Welt: das vom Bürgerkrieg zerrüttete Syrien. Neben Teheran war Beirut einige Jahre ihre Wahlheimat, zurzeit lebt sie in Istanbul. (Verlagstext)

neugierig, wissbegierig, biblioman, non binary

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