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Der Abiball als Prüfstein für alte und neue Beziehungen.

IMG_20180214_141746Hier bleiben nur zwei Fragen offen: wer tanzt mit Oma und wer ist eigentlich Eric Nil?

Eric Nil, laut Verlagsangabe ein bekannter Schriftsteller und Kenner komplizierter Familienkonstellationen, hat die Abifeier seiner Tochter zum Anlass genommen, einen als Roman gekennzeichneten Bericht über seine Überlegungen vor und nach dem Fest zu protokollieren. Dabei lässt er dann auch keine noch so abseitige Wendung außer acht.

Dieses amüsante Büchlein sollte man scheidungswilligen Paaren mit kleinen Kindern schenken, damit sie über spätere Konsequenzen informiert sind.

Selbst wenn alle Beteiligten einer Scheidung - ehemalige Partner, neue Lebensgefährten und die dazugehörigen Kinder - einvernehmlich und sogar freundschaftlich die schwierigsten Fragen klären konnten, es kommt der Tag, an dem eines der größeren Feste ansteht: Abiball, Hochzeit, Taufen, Kinderkommunionen ... Und dann wird es trotz aller Abgeklärtheit und Vernunft schwierig! Das fängt bei der Sitzordnung an und hört beim gemeinsamen Tanz nicht auf. Sogar die Fahrt nach Hause nach der Feier kann noch Explosionsstoff 9783869711652.jpgenthalten. Bei weniger abgeklärten Gemütern könnten da auch die neuen Beziehungen zerbrechen.

Was hier als äußerst amüsanter Blick auf komplizierte Sitzverhältnisse während einer Familienfeier locker daher kommt, kann zwischen den Zeilen auch wehmütig und bedauernd gelesen werden. Nie werde ich den Satz eines guten Freundes vergessen: "Das Beste im Leben war meine schlechte Ehe."

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Abifeier: Roman / Eric Nil. - Berlin: Galiani, 2018. - 160 S. - ISBN 9783869711652 fest geb. : 17,00 €

 

 

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Über die Schwierigkeiten, das passende Leben zu finden.

Gastland Italien - Folge 8 meines Projekts, die Übersetzungen aus dem Italienischen der letzten Zeit vorzustellen.
Acht Berge von Paolo Cognetti Und wieder mal Cognetti. Nachdem ich von ihm im Sommer "Fontane N° 1" vorgestellt habe, welches meine Sehnsucht nach Rückzug und Bergeinsamkeit angesprochen hatte, musste ich natürlich auch zu diesem besonders schön gemachten Bändchen "Acht Berge" greifen.

Diesmal handelt es sich um einen Roman, obwohl ich, da er in der ersten Person erzählt, nicht umhin konnte, immer nur den Autor selbst zu hören. Ich kannte ihn ja schon aus seinen Aufzeichnungen aus der Berghütte, die als Sachliteratur gelten.

Nach dem überwältigenden Erfolg des Buches in Italien, wo es den berühmten Premio Strega  erringen konnte, erklärt der 39jährige Autor, dass die im Roman erzählte Kindheit wirklich seiner eigenen entspricht, von da nimmt die Geschichte jedoch ihren eignen Verlauf. Vielleicht so, wie er sich sein Leben erträumt.

"L'infanzia è quasi un'autobiografia ne 'Le otto montagne' e poi il romanzo, in maniera un po' misteriosa, prende una sua strada. Pietro non sono più io e la sua vita è forse quella che io sognavo."

Die Geschichte erzählt die unterschiedlichen Lebenswege zweier Jungen, die seit der Kindheit miteinander verflochten sind. Wie bei einer langen Bergwanderung kommt man auch im Leben immer wieder an Weggabelungen, an denen man wählen muss. Hier lässt der Autor die Jungen eben den jeweils anderen Weg gehen.

Das Stadtkind Pietro kommt Jahr für Jahr in den Sommerferien mit den naturbegeisterten Eltern in das kleine Dorf Grana in den Dolomiten. Dort lernen sie den Bauernjungen Bruno kennen. Während Bruno trotz der Förderung von Pietros Eltern das Dorf und die Almwirtschaft nicht verlassen will, zieht es Pietro als Erwachsener bis nach Nepal. Die Bergtouren mit seinem Vater sind sehr spannungsgeladen und schwierig, faszinieren Pietro aber trotzdem. Er entwickelt den Ehrgeiz, trotz seiner Höhenkrankheit, den Anforderungen des Vaters zu genügen.

Es zieht ihn immer wieder zurück in die Berge von Grana und er erkennt, dass sein Vater die Beziehung zu Bruno nie aufgegeben hat. Er war vielleicht der Sohn, der Pietro hätte sein sollen. Auch die Beziehung zu Lara, die Pietro einmal aus der Stadt mit in die Berge nimmt, gestaltet sich schwierig. Mit Bruno dagegen scheint sie ihre Bestimmung gefunden zu haben. Doch auch das reicht nicht für ein ganzes Leben.

Dies ist ein Buch der leisen Töne. Es liest sich leicht wie ein Spaziergang, vermittelt jedoch große Gedanken wie eine anstrengende Bergwanderung. Es treibt sich in den "Acht Bergen" der Welt herum, weil es den einen Berg noch nicht gefunden hat. Ein nepalesisches Sprichwort sagt, dass die Welt ein Rad mit acht Speichen ist. Diese stehen für acht Berge rund um den Berg Sumero in der Mitte. Im Buch geht es um die Frage: ist es besser, sich auf "allen" acht Bergen der Welt umzuschauen oder nur auf den einen Gipfel des wichtigen Berges in der Mitte zu steigen?

Christina Burkhardts Übersetzung ist gelungen und bringt die Schönheit und Klarheit Cognettis Sprache auch im Deutschen zum Klingen. Ich mag solche Bücher, die unsere Sehnsucht nach dem einfachen Leben thematisieren und uns zeigen, dass es eine unstillbare Sehnsucht ist.

"Una mattina lui stava per uscire mentre mia madre dormiva, e allacciando gli scarponi si era trovato davanti me, vestito e pronto a seguirlo. Dovevo essermi preparato dentro il letto. Nell'oscurità l'avevo spaventato come se fossi piú grande dei miei sei o sette anni: ero già quello che sarei diventato dopo, nel suo racconto, la premonizione di un figlio adulto, un fantasma del futuro."

"Eines Morgens, als er gerade aufbrechen wollte und sich die Stiefel schnürte, während meine Mutter noch schlief, habe ich plötzlich vor ihm gestanden: angezogen und aufbruchsbereit. Ich müsse mich im Bett fertig gemacht haben. Im Dunkeln hätte ich ihn erschreckt, so als wäre ich weitaus älter als meine sechs oder sieben Jahre. Schon damals war ich der, der ich einmal werden sollte, zumindest seinen Schilderungen nach: ein Vorgeschmack auf den erwachsenen Sohn, ein Gespenst aus der Zukunft."

"Acht Berge" hat das Potenzial zum Klassiker. Ein doppelter "Coming of Age", der die existentiellen Fragen des Lebens aufgreift aber nie abschließend beantwortet.

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Über den Autor:

Paolo Cognetti, 1978 in Mailand geboren, verbringt die Sommermonate am liebsten in seiner Hütte im Aostatal auf 2000 Metern Höhe. Er hat Mathematik studiert, einen Abschluss an der Filmhochschule gemacht und Dokumentarfilme produziert, bevor er sich ganz dem Schreiben zuwandte. Auf Italienisch sind von ihm schon Erzählbände und zwei Romane veröffentlicht worden. »Acht Berge« stand über Monate auf Platz 1 der Bestseller in Italien; der Roman erhielt u.a. den renommiertesten italienischen Literaturpreis, den Premio Strega, und erscheint in rund 40 Ländern. (Verlagstext)

Ein Interview mit dem Autor

Acht Berge : Roman / Paolo Cognetti. Aus dem Italienischen von Christina Burkhardt. - Stuttgart: DVA, 2017. - 256 S. - ISBN 978-3-421-04778-6 ; 20 €

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1950iger Jahre - Gastarbeiter im eigenen Land - ein erschütternder Bericht über das Leben von jungen Süditalienern in Norditalien.

Gastland Italien - Folge 3 meines Projekts, die Übersetzungen aus dem Italienischen der letzten Zeit vorzustellen. Hier ein erschütterndes Beispiel, wie schrecklich es Menschen ergeht, die aus Armut ihre Heimat verlassen müssen und das ganze Leben darunter zu leiden haben. Obwohl ein Rückblick, ist dieses Buch aktueller den je. Ich wünsche ihm viele Leser und Leserinnen.

das-leben-wartet-nicht-9783257069839Süd-Italien in den fünfziger Jahren. Es herrscht bittere Armut bei den Napulí oder Terroni – wie die Mailänder die Gastarbeiter aus dem Süden nennen. Ninetto, der von einem Salzhering am Tag leben muss, wird schon im Alter von 9 Jahren mit einem Onkel von Sizilien nach Mailand zum Arbeiten geschickt. Die Verhältnisse dort sind katastrophal. In heruntergekommenen, dreckigen Mietkasernen teilen sich die Arbeiter kleine Wohnungen. Kinder wie Ninetto müssen sich mit Gelegenheits- und Schwarzarbeiten durchschlagen, da sie erst mit 15 Jahren eine offizielle Arbeit in einer Fabrik bekommen können. Sie werden vor der Zeit erwachsen – so auch Ninetto, der ein Mädchen aus Kalabrien kennenlernt. Gerade mal 15 Jahre, fahren beide zum Heiraten in Ninettos Heimatdorf in Sizilien, wo der Vater den Priester überreden kann, die Trauung vorzunehmen. Zurück in Mailand findet Ninetto Arbeit bei Alfaromeo. Sie bekommen ein Kind. Alles läuft so dahin, die schwere Arbeit in der Fabrik, das einfache Leben als kleine Familie in Mailand. Ninetto hätte gerne mehr gelernt, die ersten Schuljahre in Sizilien gefielen ihm, der dortige Lehrer war ihm ein Vorbild. Er wäre gerne Schriftsteller geworden. Stattdessen muss er in der Fabrik schuften.

„Manche werden als Hauptstraße geboren, manche als Sackgasse. Das Gesetz, das bestimmt, wer ein armer Teufel ist und wer nicht, gilt ja für das ganze Universum, nicht nur für die Menschen.“ (S. 278)

Als er eines Tages seine halbwüchsige Tochter im dunklen Keller mit einem jungen Mann erwischt, sieht er rot und greift zum Messer. Er verletzt seinen künftigen Schwiegersohn so schwer, dass dieser sich von den Verletzungen nie wieder ganz erholt. Ninetto geht für diese Tat fast 30 Jahre ins Gefängnis. Er weiß nichts mehr mit sich anzufangen und stellt fest: das Leben wartet nicht.

„Und das Leben geht unterdessen weiter, es wartet nicht auf dich,...“ (S. 215) „...das Leben drängte sie weiter. Weiter, immer weiter, während es mich kurz hielt wie einen Hund an der Kette.“ (S. 243)

Balzano schreibt im Nachwort, dass er viele Arbeiter aus dem Süden Italiens interviewt hat, die jetzt um die 70 sind und viel zu früh erwachsen werden mussten. Seine Geschichte um Ninetto steht exemplarisch für die vielen Lebensläufe, die ihm erzählt wurden. Heute, über fünfzig Jahre später, leben in denselben Wohnblöcken Mailands die Neuankömmlinge aus China und Nordafrika. Sie haben dieselben Träume wie die Süditaliener damals.

Das Leben wartet nicht. Roman / Marco Balzano. Aus dem Italienischen von Maja Pflug. - Zürich: Diogenes, 2017. - 304 S. -  ISBN 978-3-257-06983-9 ; 22 €

Über den Autor:

Marco Balzano, geboren 1978 in Mailand, ist der Sohn von Süditalienern, die ihr Glück im Norden suchten. Er schreibt, seit er denken kann: Gedichte und Essays, Erzählungen und Romane. Neben dem Schreiben arbeitet er als Lehrer für Literatur an einem Mailänder Gymnasium. ›Das Leben wartet nicht‹ ist sein bisher erfolgreichster Roman. Er lebt mit seiner Familie in Mailand. (Verlagstext)

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Ein menschlicher Blick auf Sterbebegleitung und gelingendes Leben. Pásztor: Und dann steht einer auf...

9783462048704Diesmal war es eindeutig der Titel, der mich auf das Buch aufmerksam werden ließ. Er brachte in mir etwas zum Klingen. Hören Sie das auch?

"Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster."

Es gibt so viele Situationen, wo man keine Worte mehr hat, wo der Mensch mit seinem Latein am Ende ist. Eine bedrückende Stille ... und dann steht einer auf ...

Ich stellte mir vor, dieses Buch müsste so ähnlich sein. Als ob mal jemand einfach ein Fenster aufmacht.

Nun, es ist ein Roman und er spielt im Milieu der Sterbehilfe und Hospizvereine. Es geht um Tod - und um den persönlichen Umgang damit. Ein Thema, dass man nicht unbedingt mit Belletristik in Verbindung bringt. Doch Susann Pásztor ist es genial gelungen, dieses schwere und bedrückende Thema in eine Geschichte einzubinden, die äußerst locker und unterhaltsam daherkommt.

Es treten nur wenig Personen auf, die uns alle auf irgendeine Weise schnell vertraut werden und allesamt sympathisch sind. Fred Wiener, Ende vierzig und leicht übergewichtig, ist alleinerziehender Vater von Philipp, 13 Jahre, zu klein für sein Alter, der lieber Gedichte schreibt, als mit Gleichaltrigen abzuhängen. Phil, wie er neuerdings genannt werden möchte, hat einen Freund, Max, das reicht ihm völlig. Seine Mutter lebt mit neuem Ehemann auf einer Farm in Schottland, wo Phil die Ferien verbringen muss, obwohl ihm Natur und Tiere nicht ganz geheuer sind.

Karla Jenner-García lebt allein in einem Mehrparteienwohnhaus. Ihre Kontakte beschränken sich auf gelegentliche Begegnungen im Treppenhaus mit dem Hausmeister, Leo Klaffki, und Rona, eine Serviererin aus dem Café nebenan, die ihr ungefragt Tüten mit Lebensmitteln vor die Haustür stellt.

Karla leidet an Krebs im Endstadium und Fred wird ihr "ambulanter Sterbebegleiter". Fred hat dazu einen Kurs absolviert und nun seinen ersten Einsatz. Die Handlung beginnt mit der ersten Begegnung der beiden. Karla ist keineswegs ein umgänglicher Mensch. Sie weiß, dass sie in absehbarer Zeit sterben wird und hat keine Lust, sich in irgendeiner Weise zu verstellen oder höfliche Konversation zu betreiben.

"»Herr Wiener? ... Darf ich Sie fragen, warum Sie das machen? Was bringt Sie dazu, fremde Leute zu besuchen, die bald sterben werden?« ... »Ich hab mal eine Fernsehsendung über Hospizarbeit gesehen«, sagte er. »Ich wusste sofort, dass ich das auch machen wollte.«
» Nehmen die denn jeden?« ...

»Was ich davon habe? Vielleicht möchte ich lernen, es auszuhalten, dass Menschen sterben.«

»Sie wollen das erst lernen? Sie können das noch nicht?«, fragte Karla. ...

»Es ist mein erstes Mal.« ...

«Was für ein Zufall. Bei mir ist es auch das erste Mal.«"

Hier treffen also Charaktere aufeinander, die aus ganz verschiedenen Welten kommen. Karla kann man sicher zu den Altachtundsechzigern zählen, die früher auf Rockkonzerten abgehangen haben. Fred dagegen lebt ein ziemlich biederes Leben und hat Klaras spitzen Kommentaren nicht viel entgegenzusetzen. Sie passen also überhaupt nicht zusammen. Klara zieht sich zurück, Fred muss diese Niederlage in seiner Hospizgruppe schmerzlich aufarbeiten.

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Susann Pásztor während einer Lesung auf der Leipziger Buchmesse 2017  ©e_mager

Hier wäre die Geschichte schon am Ende, wäre da nicht Phil, der zu Klara einen ganz anderen Zugang findet. Und das macht den Roman zu etwas ganz Besonderem. Wir begleiten die so ganz verschiedenen Personen und wie sie aneinander wachsen und sich entwickeln. Vom Fortgang der Handlung will ich nichts weiter verraten, aber wie Susann Pásztor es schafft mit Leichtigkeit und sicherem Gespür für echte Dialoge am Thema dranzubleiben, ist bewundernswert.

Ihre Erzählform ist die dritte Person, die Kapitel für Kapitel die Sicht des jeweiligen Protagonisten einnimmt. Zwischen die Kapitel werden Listen von Karla eingestreut, in denen sie nach Art eines Gedankenprotokolls frei assoziert.

Lesen Sie dieses Buch! Keine Angst vor dem schweren Thema! Es ist Zeit, das Thema Alter, Tod und menschenwürdiges Sterben nicht weiter auszuklammern und zu verschweigen. Je mehr wir uns alle damit beschäftigen, um so leichter wird es in Zukunft sein, Hilfe zu finden und anzubieten.

Ein Roman, in dem es auch viel zu lachen gibt, kommt da gerade recht.


Ich hatte das große Vergnügen, Frau Pásztor persönlich auf der Leipziger Buchmesse zu treffen. Sie las einige Passagen aus ihrem Buch und erzählte ansonsten frei von ihren eigenen Erlebnissen. Sie hat nämlich genau wie Fred Wiener einen Kurs zur ehrenamtlichen Sterbebegleitung gemacht und kann deshalb so authentisch und unverkrampft berichten.  (Link)

Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster. Roman / Susann Pásztor. - 1. Aufl.  - Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2017. - 285 S., fest geb., ISBN 978-3-462-04870-4 , 20,00 €