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Was hält eine Beziehung aus? Ein ergreifendes Psychogramm einer Ehe.

Wie viel hält eine Ehe aus?

Domenico Starnone aus Neapel ist Lehrer, Journalist und Drehbuchautor. Er lebt in Rom und hat für "Via Gemito" (2005 bei Haymon) den berühmten Premio Strega gewonnen - die höchste Auszeichnung, die man in Italien für ein Buch bekommen kann. Jetzt wurde bei DVA sein Roman "Lacci" von 2014 von Christiane Burkhardt ins Deutsche übertragen.

Starnone bietet uns einen großen Lebenskosmos, den er mit sparsamen Worten auf wenigen Seiten großartig entfaltet. Liebe, Schmerz, Hass, Leid und Schuld – ohne jemals kitschig zu werden. Eine ganz große Leistung. Ja, es ist geradezu ein Lehrstück für einen Schreibkurs, ohne jemals danach zu klingen. Starnone ist ein Meister der Auslassung, die sich mit jedem weiteren, nicht geschriebenen Wort in den Köpfen der Leser zu einem vollständigen Bild zusammensetzen. Und mit jedem weiteren, lakonischen Satz wächst unsere Erkenntnis und das Entsetzen.

©e_mager Domenico Starnone : Auf immer verbunden
©e_mager Domenico Starnone : Auf immer verbunden
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pinkfisch

Lesenswerte und sehr persönliche Eindrücke zur Buchmesse und zum Bloggen allgemein. Pinkfisch spricht mir aus der Seele.

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Ein poetisches, stilistisch überraschendes Buch über die Liebe und das Leben

Gastland Italien – Folge 7

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Die junge Braut / Alessandro Baricco ©e_mager

Alessandro Baricco ist mit "Die junge Braut" schon zum zweiten Mal in meiner Reihe "Gastland Italien" vertreten. Und das aus gutem Grund - ich bin verliebt in seine Sätze und seine skurrile Art. Nachdem im letzten Jahr sein kleines Drama "Smith & Wesson" auf Deutsch herauskam, kommen wir nun in den Genuss der guten Übersetzung von Annette Kopetzki von "La Sposa Giovane".

Wer nur Literatur lesen möchte, die realistisch ist und die die herrschenden Verhältnisse kritisch beleuchtet, ist bei Baricco fehl am Platz. Bei den Stimmen zur italienischen Ausgabe finden sich dann auch oft Aussagen wie "Nicht so meins.", "Konnte ich nichts mit anfangen." Die Fraktion der Baricco-Begeisterten, zu der ich ohne Zweifel gehöre, sammelt die wunderschönen Sätze des Autors sogar auf einer eigenen Facebook-Seite.

Beginnen wir zum Beispiel beim ersten Satz:

"Es sind sechsunddreißig Stufen, und der Alte steigt sie langsam hinauf, mit Bedacht, als sammele er sie eine nach der anderen ein, um sie in den ersten Stock zu treiben: er der Hirte, sie fügsame Tiere." (S.7)

Lässt man sich auf dieses Bild ein und fügt sich diesem ruhigen Sprachfluss, möchte man das Buch nicht mehr weglegen. Man wird eingelullt in diese bizarre Geschichte eines Hauses, einer Familie, deren Mitglieder nichts so sehr fürchten, wie die Nacht.

"Seit einhundertdreizehn Jahren, das muss erwähnt werden, sind in unserer Familie alle nachts gestorben. Das erklärt alles." (S.11)

Nachdem der Hausdiener Modesto die Nacht für beendet erklärt und eine Wetterprognose für den Tag verkündet hat, versammeln sich die Familienmitglieder am "Tisch der Frühstücke", um mit einem ausgedehnten Brunch das Leben zu feiern. Es ist immer für 25 Personen gedeckt, weil auch Geschäftspartner und Freunde jederzeit dazukommen können.

Die Familie besteht aus Vater, Mutter, Sohn, Onkel und Tochter. Dazu gibt es den Diener Modesto - und später noch die junge Braut. Dies ist der innere Kreis, um den sich weitere Personen scharren: ein Verwalter (Commandini), ein Notar (Bertini), ein Arzt (Acerbo), ein Monsignore... Es fällt auf, dass die wichtigen Personen namenlos sind. Baricco verwendet die Personen wie Spielsteine auf einem Brett. Sie erinnern ein wenig an die Masken der Commedia dell'Arte. Alle sind mit einer ganz besonderen Eigenschaft ausgestattet, die anstelle eines Charakters fungiert. So ist die Tochter zwar bildschön, muss aber wegen eines Unfalls in der frühen Kindheit hinken. Der Onkel schläft Tag und Nacht, beteiligt sich aber erstaunlicherweise vollkommen am Familienleben und äußert zu richtigen Zeit einen weisen Satz. Der Sohn ist abwesend, man vermutet ihn in England und hofft auf seine baldige Rückkehr, denn er soll die junge Braut heiraten. Der Vater hat eine schwache Konstitution und er darf "sich schon aus medizinischen Gründen keine Neigung zu Ängstlichkeit erlauben". (S.74) Die Mutter hat die Marotte, völlig unzusammenhängende Sachverhalte in einem Satz zu verknüpfen, was der Autor jedesmal in Klammern mit den Worten "(viele ihrer Syllogismen waren nämlich unergründlich)" kommentiert.

Und damit sind wir bei einer weiteren Besonderheit des Romans: der Autor mischt sich fortlaufend ein, kommentiert, unterbricht, erzählt vom Schreiben des Romans. Das macht er allerdings sehr dezent und durchaus zum Roman passend. Ebenso im ersten Moment verwirrend, dann aber nachvollziehbar, wechselt der Autor immer mal wieder von der 3. Person zum Ich, aber nicht, um von sich zu sprechen, sondern um die Figur, die gerade "dran" ist, persönlich hervortreten zu lassen, als spräche sie nun direkt zu uns.

Aber worum geht es denn nun eigentlich? An einem dieser immer gleichen, glücklichen Tage ("sie wussten nichts von der Abfolge der Tage, denn sie strebten danach, einen einzigen vollkommenen Tag zu leben..." (S.17)), erscheint eine junge Frau, um den Sohn zu heiraten, wie es vor Jahren, als die Liebenden dafür noch zu jung waren, vereinbart wurde. Nun ist sie da, die junge Braut, aber der Sohn nicht. Es wird also gewartet. Die junge Braut zieht ein, lernt die Familie kennen, wartet auf den Bräutigam. Ein ganzes Haus wartet. Währenddessen beschließt der Vater, als erster einer langen Reihe von Vorfahren, nicht im Schlaf zu sterben - und die junge Braut wird ihm dabei helfen.

Hier noch ein paar schöne Sätze:

"Es war, als würde eine zitternde spätnachmittägliche Sommersonne in den mit Parkett ausgelegten Saal fallen und Tanzschritte hervorrufen, die alle in einen gewissen Süden der Seele zurückbrachten." (S.31)

"Wissen Sie, man neigt dazu, das Unglück für eine Zeitverschwendung zu halten, das heißt für einen Luxus, den sich noch für eine gewisse Anzahl von Jahren keiner erlauben darf. Irgendwann vielleicht. Das Unglück raubt der Freude Zeit, und in der Freude wird Wohlstand geschaffen. Wenn Sie einen Augenblick lang darüber nachdenken, ist es ganz einfach." (S.26)

"Vede, qui si è propensi a credere che l’infelicità sia uno spreco di tempo e quindi una forma di lusso che per ancora un certo numero di anni nessuno si potrà permettere.
Forse un domani.
Ma, per adesso, a nessuna circostanza della vita, per quanto penosa, è concesso di rubare agli animi qualcosa di più di un momentaneo smarrimento.
L’infelicità ruba tempo alla gioia, e nella gioia si costruisce prosperità.
Se ci pensa un attimo, è molto semplice."

Lesen Sie dieses poetische, kleine Buch! Und wenn Sie dann darüber nachdenken, ist es ganz einfach: Unglück ist nicht erlaubt!   

Die junge Braut / Alessandro Baricco. Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki. - Hamburg: Hoffmann und Campe, 2017. - 1. Aufl. ; 206 S. - ISBN 9783455405781 fest geb. : 20,00 €

Über den Autor:

Alessandro Baricco, 1958 in Turin geboren, studierte Philosophie und Musikwissenschaft. Er ist Mitherausgeber verschiedener Literaturzeitschriften und von La Repubblica. Neben seinen Romanen hat Baricco zahlreiche Essays, Erzählungen und Theaterstücke verfasst, sein Roman Seide wurde zum internationalen Bestseller. Baricco wurde mit dem Premio Campiello, dem Premio Viareggio und dem Prix Médicis Étranger ausgezeichnet. (Verlagstext)

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Eine Kindheit in Bosnien - eine Jugend in Deutschland. Ein Flüchtlingsschicksal interessant erzählt.
9783462050264
Gestaltung Rudolf Linn, Köln

Irreparabel unglücklich und extrem gut gelaunt

"Die Geschichte eines Jungen im bosnischen Bürgerkrieg, seiner Flucht nach Deutschland und des Lebens unter deutschen Neonazis. Wild, bedrückend genau und dabei hoffnungsvoll komisch erzählt Tijan Sila von einem jungen Mann, für den Grenzen nur existieren, um sie zu übertreten." Soweit der Rückentext des Buches.

Ich bin auf "Tierchen unlimited" aufmerksam geworden, weil es von einem jungen Mann handelt, der in Bosnien seine Kindheit verbrachte und 1994 mit seinen Eltern nach Deutschland emigrieren konnte, wie so viele damals. Ich erinnere mich gut an die Zeit - meine Kinder waren noch klein - als es plötzlich nicht mehr Jugoslawien hieß, sondern es wichtig war, ob man aus Serbien oder Bosnien oder Kroatien stammte. Da ich auch heute wieder Kontakt zu jungen Menschen von dort habe, erschien es mir wichtig, einmal von jemandem zu lesen, der ähnliches erlebt haben musste.

Es ist ein schönes Buch! Sowas nennt man gemeinhin sorgfältig editiert, mit einer wunderschönen Umschlaggestaltung von Rudolf Linn in schwarzweiß und einem roten Lesebändchen. Obwohl, es hat gar keinen Umschlag. Das Motiv ist direkt aufs Buch appliziert, wenn man mit dem Finger über das kleine Fahrrad streicht, fühlt man es. Ein kleines haptisches Ereignis.

So weit so schön. Nachdem ich das kleine Büchlein genug gefühlt und hin- und hergedreht hatte, weil es wirklich schön ist, habe ich mich ans Lesen gemacht. Ebenfalls auf dem Rücken des Buches wird Feridon Zaimoglu zitiert "Hart, mitreißend und wahr: an einem Tag weggelesen, schallend gelacht!"

Nun, ich habe vielleicht drei Abende gebraucht und schallend lachen konnte ich auch nicht. Gleich zu Beginn begleitet man den jungen Icherzähler, leider habe ich seinen Namen nicht herausfinden können, als er völlig vermöbelt, nackt auf einem Fahrrad durch die Nacht flieht. Die Frau, mit der er die Nacht verbringen wollte, hat einen Bruder, der Neonazi ist und Ausländer im Zimmer seiner Schwester nicht duldet. Er landet schließlich im Krankenhaus. Erniedrigt, weil er alle Untersuchungen nackt über sich ergehen lassen muss, mit gebrochener Nase und blaugeschwollenen Geschlechtsteilen, rät der Notfallarzt ihm, es einmal mit Kung Fu zu versuchen, damit er sich das nächste Mal besser wehren kann. Das erinnert ihn an Sarah, die er kennengelernt hatte, kurz nachdem er in Deutschland angekommen war. Sie trainierte hart im Freistilringen, um auf Bundesligaebene kämpfen zu dürfen. Ihr Berufswunsch: Polizistin.

Und schon sind wir mitten in den Erinnerungen unseres "Helden", der von seiner Grundschulzeit in Sarajewo erzählt, dann wieder zu seinen Freundinnen in Deutschland springt, die fast alle einen Bruder haben, der Neonazi ist oder war. So auch Sarah, deren Vater sich das Leben genommen hatte, nachdem man seinen "Neonazi-Sohn" in Bosnien getötet hatte. "Dieser Idiot war runtergefahren, um auf kroatischer Seite gegen Moslems und Slawen zu kämpfen." So verquicken sich die Schicksale und die Erinnerungen.

Sehr gut gefallen, haben mir die Schilderungen der Zeit in Sarajewo. Wie er dort in seinem Viertel Čengić Vila mit Stromausfällen, Freundschaften und dem dort herrschenden Ehrenkodex unter Jungs zurechtkommt. Der Blick auf die Erwachsenen und die Zeiten in Luftschutzunterkünften und unter Bombenbeschuss sind sicher gut beobachtet. Ein wenig erinnern mich die Umstände an Franz-Josef Degenhards Roman "Zündschnüre". Auch dort gibt es während der Kriegshandlungen eine geheime Parallelwelt der Kinder.

Die Zeit in Deutschland fällt zusammen mit dem Erwachen der Neugierde für das andere Geschlecht. Das ist sicher für jeden Jungen ein besonderer Moment im Leben, hier gibt es aber nicht nur ein vorher und nachher von Kindheit und Jugend, sondern auch die geographische Grenze.

"Ich war ein Kind Jugoslawiens und von der Richtigkeit und Absolutheit meiner Eltern weit stärker überzeugt, als es ein deutsches Kind hätte sein können. [...] Heute blicke ich ratlos auf unsere Emigration. Was für ein Gehirnfurz." Die Eltern, die in Bosnien als Akademiker gute Chancen auch nach dem Krieg gehabt hätten, gehen stattdessen in ein Deutschland, wo ihre Fähigkeiten und ihre Studien nicht anerkannt werden. Und für ihn hat es ebenso fatale Folgen. "Wären wir in Bosnien geblieben, hätte man mir als Kollegenkind bestimmt einen Doktortitel mit dazugehöriger Dozentur nachgeworfen. Ich wäre ein Akademiker in einem Land gewesen, das von Menschen verlassen wird, sobald sie in der Lage sind, ein Buch von Wolfgang Hohlbein zu lesen." (Hier musste ich dann doch lachen.)

Auch die Flucht beschreibt Sila sehr anschaulich und abschreckend. Zuerst müssen sie durch einen engen Tunnel aus Sarajewo herauskriechen, um dann tagelang in einem überfüllten Bus auf menschenunwürdige Art und Weise bis nach Kroatien zu gelangen. Von Zagreb aus, wo sie eine Woche bei Freunden untergekommen sind, geht es dann problemlos weiter nach Deutschland.

Hier wird die Erzählung wild. Es geht um Mädchen, ums Studium, um Einbrüche, um Neo-Nazis. So wirklich habe ich es nicht verstanden. Es erschließt sich mir nicht ganz, warum er ausgerechnet in ein solches Milieu kommen musste. Im Buch macht es fast den Eindruck, als ob Deutschland genau so wäre für einen Bosnier. Er studiert und anstatt zu jobben, bricht er in Wohnungen ein, um sich mit dem Nötigsten zu versorgen - immer in Komplizenschaft mit Frauen, die großen Einfluss auf ihn haben. Auch Sarah, die Polizistin geworden ist, taucht wieder auf und hilft ihm. Das alles ist für meinen Geschmack sehr verwirrend geschildert. Wenn es um Prügeleien geht, erinnert mich die Geschichte an "Hool" von Philipp Winkler.

Fast scheint es, als wäre es auch dem Autor zu undurchsichtig geworden. Es gibt einen Epilog, in dem unser Protagonist aus einem gewissen Abstand nach dem erfolgreichen Studium der Bibliothekswissenschaft einen Arbeitsplatz in einer abgelegenen Bibliothek sucht, um der Pflicht zu entgehen, seine mittlerweile an Alzheimer erkrankten Eltern pflegen zu müssen. Auch hier wieder ziemliches Durcheinander. "In meinem Leben herrscht Chaos! Was erwartest du?" Der letzte Satz des Textes ist für mich bezeichnend und Erklärung genug: "In einem Moment halben Bewusstseins verstand ich, dass ich schlief und träumte."

Tierchen unlimited. Roman / Tijan Sila. - 1. Aufl.  - Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2017. - fest gebunden, 222 S. - ISBN 978-3462-05026-4  18,00 €

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Nachtrag April 2017:

Bei KulturErnten habe ich eine weitere Besprechung gefunden, die mir sehr gut gefällt.

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Einblick in die Arbeitsweise einer kleinen Bücherei. Leseverhalten und Recherche

Heute möchte ich einmal einen Einblick in die Arbeitsweise einer Bibliothekarin in einer kleinen Bibliothek geben.

Die Bücherei liegt in einem relativ kleinen, ländlich geprägten, aber doch stadtnahen Örtchen. Hier gibt es viele junge Familien mit Kindern, zahlreiche Senioren der gehobenen Mittelschicht und einen einigermaßen stabilen Kern an Berufstätigen. Die Bücherei ist komplett ehrenamtlich geführt mit etwa 20 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen.

Den Einkauf neuer Titel machen wir zu zweit. Im vergangenen Jahr haben wir laut Statistik 805 neue Medien eingekauft und 878 alte Titel ausgeschieden. Die Bücherei hat dabei einen ständigen Bestand um die 7000 Titel. Während der etwa 9 Stunden, die die Bücherei in der Woche geöffnet hat, beraten wir unsere Leser in ihrer Auswahl an lesenswerten Büchern. Hier gehen wir natürlich auf ihre Lesevorlieben ein. Wir kennen unseren Bestand und wir kennen unsere Leser.

Bei der Auswahl so vieler Titel im Jahr sind wir auf Lektoratsdienste angewiesen. Darüber hinaus achten wir auf Buchbesprechungen in Zeitungen und im Radio. Außerdem lesen wir aufmerkjochenmaisam die Besprechungen auf literarischen Blogs. Ja - und überdies lesen wir selbst, was das Zeug hält.

Ich lese parallel und nachts. Und so beginnt bei mir das Lesejahr 2017: tagsüber lese ich, wenn Zeit ist, das Buch „Warum ich losging, um Milch zu kaufen, und mit einem Fahrrad nach Hause kam“ von Jochen Mai. Es handelt sich um einen veritablen Ratgeber zur Entscheidungsfindung jeder Art. Nachdem ich fast fertig bin mit der Lektüre, kann ich jetzt schon sagen, welche meiner Leser und Leserinnen auf dieses Buch anspringen werden. Außerdem kann ich beurteilen, dass es auch ein paar Jahre in der Bücherodysseeei stehen kann, ohne zu veralten. Es ist locker geschrieben und gibt mit vielen wissenschaftlich untermauerten Studien verblüffende Einsichten in die menschliche Psyche.

Daneben versuche ich täglich ein bis zwei Seiten in der "Odyssee" zu lesen, die ich in einer schönen Taschenbuchausgabe im Penguin-Verlag gefunden habe. Hier liegt eine Neuübersetzung aus dem Griechischen von Kurt Steinmann vor, die gut zu lesen ist. Ich genieße es, die Zeilen wenigstens halblaut zu lesen. So erlebe ich die Musikalität und den Inhalt des Stücks hautnah.

"Jener erkannte mich gleich, als er mich mit den Augen erblickte, 
und wehklagend sprach er zu mir die gefiederten Worte:
>Zeus' Sproß, Sohn des Laertes, erfindungsreicher Odysseus,
Ärmster, schleppst auch du mit dir ein böses Verhängnis,
wie ich es droben stets ertrug im Lichte der Sonne?...<"

Wir haben zwar nicht viele Klassiker in unserer Bücherei, da wir uns eher als aktuelle "Verbrauchsbibliothek" sehen, aber auch hier gibt es Leserwünsche, gerade wenn es sich um eine gut lesbare Neuauflage handelt.

jorwedWenn ich zu Bett gehe, tue ich das natürlich nicht ohne Buch! Bei mir ist es zurzeit ein kleines Taschenbuch mit dem Titel "Wie Gott verschwand aus Jorwerd: Der Untergang des Dorfes in Europa" von Geert Mak, auf den ich durch das tolle Buch über die 12 Generationen einer Kaufmannsfamilie in Amsterdam gestoßen bin. Die Besprechung dazu finden Sie hier: G. Mak: Die vielen Leben des Jan Six

Mak verbringt eine lange Zeit im kleinen Dorf Jorwerd in der Nähe der friesischen Provinzhauptstadt Leeuwarden. Er schreibt die Biographie eines Ortes von den ersten Erwähnungen bis heute. Wie auch schon bei der Amsterdamer Familiengeschichte steht auch diese Erzählung exemplarisch für die Geschichte kleiner Dörfer und Bauern in ganz Europa. Deshalb ist es auch für jedermann interessant, der sich mit unserer und der Geschichte Europas auseinandersetzen will. Mir gefällt es ausnehmend gut. Trotzdem werde ich es für die Bücherei wohl nicht anschaffen, da es wahrscheinlich nicht allzu viele Entleihungen erzielen wird. Aber bei betreffender Nachfrage kann ich es ja auch gut über die Fernleihe beziehen.

norawebsterTja, und wenn ich mitten in der Nacht mal aufwache, was regelmäßig vorkommt, nehme ich meinen E-Reader (um meinen Mann nicht mit dem "großen" Licht zu nerven) und versinke im wunderbaren Roman "Nora Webster" von Colm Tóibín. Wie schon im preisgekrönten "Brooklyn", das wir im Literaturgesprächskreis unserer Bücherei vor kurzem gemeinsam gelesen haben, werden wir auch hier wieder in die kleine Welt eines durchschnittlichen Ortes in Irland, seine Geisteswelt und seine Menschen entführt. Da wir seit kurzem im Onleihe-Verbund Libell-e Süd Mitglied sind und so unseren Lesern auch E-Books bieten können, habe ich das Buch natürlich von dort bezogen. Hier der Link dorthin >> "Nora Webster"

Aber ich glaube, es könnte nicht schaden, ein echtes Papierbuch davon für unseren analogen Buchbestand zu beschaffen. Vor allem unsere Leserinnen werden es lieben.

Gerne würde ich noch mehr Bücher gleichzeitig lesen, aber auch mir sind Grenzen gesetzt 🙂

Hier noch einmal die oben erwähnten Titel:

Warum ich losging, um Milch zu kaufen, und mit einem Fahrrad nach Hause kam / von Jochen Mai

Odyssee / Homer. Aus dem Griechischen von übers. u. kommentiert von Kurt Steinmann

Wie Gott verschand aus Jorwerd : der Untergang des Dorfes in Europa / Geert Mak

Nora Webster / von Colm Tóibín   (siehe dazu auch die kurze Besprechung bei Sätze&Schätze)

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