Buchtipp,  Gastland Italien,  Sachbuch

Die Barbaren / Alessandro Baricco

Vorbemerkung

Die Barbaren : über die Mutation der Kultur / Alessandro Baricco (Hoffmann und Campe, 2018)
Die Barbaren : über die Mutation der Kultur / Alessandro Baricco (Hoffmann und Campe, 2018)

Ein Buch, das mir die Welt erklärt, ist immer ein Volltreffer in der verzweifelten Suche, unter den unzähligen Neuerscheinungen wenigstens ein paar wirklich lesenswerte Titel aufzustöbern.

„Die Barbaren : über die Mutation der Kultur“ von Alessandro Baricco ist genau so ein Buch. Bitte lest es, wenn ihr verstehen wollt, was zur Zeit um uns herum vonstatten geht.

Eine Zeitungskolumne

Leider hat sich der Verlag Hoffmann und Campe erst jetzt dazu entschlossen, das schon 2006 im italienischen Original erschienene Buch in Deutschland herauszubringen. In Italien war der Text zunächst eine wöchentliche Kolumne, die in der auflagenstarken Zeitung „La Repubblica“ erschienen ist. Die dreißig Folgen wurden von Mai bis Oktober 2006 geschrieben und zwar, wie der Autor im Vorwort schreibt, als Live-Arbeit ohne nachträgliche Korrekturen „bei der es mir eher auf die Notwendigkeit des Denkens ankam als auf die Besonnenheit, die für eine Veröffentlichung nötig ist.“ (Baricco, Barbaren S. 5) Schon in der Zeitung nennt der Autor es ein Buch.

Wir dürfen also dem Autor von „Seide“ und zahlreichen anderen wunderbaren Romanen (zuletzt „Smith & Wesson“ und „Die junge Braut“ auf diesem Blog besprochen) beim Denken über die Schulter schauen. Ein Glücksfall, wie ich meine.

Worum es geht? – Um uns!

Was passiert hier eigentlich seit einigen Jahren mit unserer Welt, mit unserer Kultur, mit uns? Geht eigentlich irgendwie alles den Bach runter? Gelten die alten Werte nichts mehr? Müssen wir unsere Traditionen und Bräuche eifrig vor dem Verfall und der Sinnentleerung retten? Brauchen wir Politiker, die die „Heimat“ beschützen und unser jeweiliges Land und seine „Wurzeln“ gegen feindliche Einflüssen von innen und von außen absichern?

Oder müssen wir kampflos mit ansehen, wie alles, was wir als hohe, anzustrebende Bildungsgüter und Werte ansehen, von einer neuen, „barbarischen“ Gesellschaft verflacht und trivialisiert wird?

Was ist bloß los? – Alessandro Baricco hat sich das auch gefragt und er hat eine Vermutung, die sich wohl erst im Rückblick von ein paar Jahrzehnten, bestätigen wird.

Barbaren oder eine neue Art?

„Erst dachte ich an folgenden Titel für das Buch: Die Mutation. Doch ich habe niemanden gefunden, dem dieser Titel auch nur annähernd gefiel.“

Baricco glaubt, an der Schwelle einer neuen Epoche zu stehen, ähnlich wie am Beginn der Aufklärung oder der Romantik. Erst im Rückblick wurde der Anfang dieser Epochen sicher benannt. Die damaligen Zeitgenossen konnten höchstens die Veränderungen spüren, jedoch nicht das Ausmaß des Epochewechsels begreifen. Und so ist es wahrscheinlich auch jetzt.

Das, was wir „Gestrigen“ als barbarisch, verflacht, sinnentleert wahrnehmen, ist in Wirklichkeit der Beginn einer neuen Lebensweise. Die schon „mutierten“ Mitmenschen (Baricco gebraucht das Beispiel einer Art, die vom Land ins Wasser geht. Deren mutierte Mitglieder also langsam zur Kiemenatmung übergehen.) fangen an, sich im neuen Element zu bewegen. Entweder sind sie schon hervorragend angepasst und können die Kiemenatmung schon oder sie gewöhnen sich langsam an die neue Lebensweise. Die, die sich verweigern oder es nicht schaffen, sich anzupassen, werden nach und nach aussterben. Die Option, den Wandel zu stoppen oder aufzuhalten, gibt es nicht.

Das Buch – ein Essay als Versuch einer Erklärung des Neuen

Die dreißig kurzen Kapitel samt Vorbemerkung, Einleitung und Epilog lassen sich wunderbar leicht lesen; angesichts des nicht einfachen Themas doch erstaunlich. Baricco bemüht sich, seine Leser nicht zu verlieren. Mir war, als würde er den Text vorlesen und ab und zu hochschauen, um zu sehen, ob ich ihm noch folgen kann. Bei manchen schwierigeren Gedankengängen musste ich mich tatsächlich sehr konzentrieren, aber dann ging es locker weiter im Text.

Ich habe viele wertvolle Einsichten gewonnen. Der Text wird mir helfen, viele Strömungen und Meinungen, denen ich täglich begegne mit anderen Augen zu sehen und darauf zu überprüfen, ob da bloß Barbaren am Werk sind, oder ob es schon die unweigerlichen Veränderungen sind, die die neue Epoche bedeuten.

„…es geht darum, dass wir fähig sein müssen, zu entscheiden, was wir von der alten in die neue Welt mitnehmen wollen. Was wir trotz der Unsicherheit einer Reise ins Unbekannte gerne unversehrt erhalten sähen. Verbindungen, die wir nicht trennen, Wurzeln, die wir nicht verlieren wollen, Worte, die wir auch morgen noch und immer wieder aussprechen wollen, Ideen, die wir uns weiterhin ausmalen wollen. (…) Es ist eine schwierige Aufgabe, weil es niemals bedeutet, etwas vor der Mutation in Sicherheit zu bringen, sondern immer in der Mutation.“ (S.218)

„Detto in termini elementari, credo che si tratti di essere capaci di decidere cosa, del mondo vecchio, vogliamo portare fino al mondo nuovo. Cosa vogliamo che si mantenga intatto pur nell’incertezza di un viaggio oscuro. I legami che non vogliamo spezzare, le radici che non vogliamo perdere, le parole che vorremmo ancora sempre pronunciate, e le idee che non vogliamo smettere di pensare. È un lavoro raffinato. Una cura. Nella grande corrente, mettere in salvo ciò che ci è caro. È un gesto difficile perché non significa, mai, metterlo in salvo dalla mutazione, ma, sempre, nella mutazione.“

Vielen Dank an Annette Kopetzki für die einfühlsame und authentische Übertragung aus dem Italienischen ins Deutsche.

Über den Autor

Alessandro Baricco, 1958 in Turin geboren, studierte Philosophie und Musikwissenschaft. Er ist Mitherausgeber verschiedener Literaturzeitschriften und von La Repubblica. Neben seinen Romanen hat Baricco zahlreiche Essays, Erzählungen und Theaterstücke verfasst, sein Roman Seide wurde zum internationalen Bestseller. Baricco wurde mit dem Premio Campiello, dem Premio Viareggio und dem Prix Médicis Étranger ausgezeichnet. Zuletzt erschien bei Hoffmann und Campe Die junge Braut (2017). (Verlagstext)

………… Werbung

Die Barbaren : über die Mutation der Kultur / Alessandro Baricco. Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki. – Originaltitel: I barbari. Saggio sulla mutazione. – 1. Aufl. – 221 S., Ill. – Hamburg: Hoffmann und Campe, 2018. – ISBN 9783455405804

neugierig, wissbegierig, biblioman, barfuß, zero waste, plastikfrei

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

Ich stimme zu.