Springe zum Inhalt

2

Erri de Luca erzählt von Gott und der Welt. Pars pro toto. Die Natur des Glaubens wie durch die Lupe über ein kleines Detail betrachtet.

Von Gott und der Welt - von den kleinen und den großen Dingen

„Es braucht gewaltige Vorkommnisse, um dem Antlitz der Welt eine Erinnerung einzukerben. Der Anspruch, ein Zeichen zu hinterlassen, steht uns nicht zu.“ 

S.184

Wer Erri de Lucas Stil kennt – die kurzen Sätze, die fast ohne Nebensätze auskommen – wird sich gleich wieder zu Hause fühlen, die anderen werden sich im Lese- und Atemtempo nach und nach dem Rhythmus der Wörter hingeben und das Buch als kleine, kontemplative Auszeit nutzen. Sollten Sie sich nicht darauf einlassen können, ist Ihnen der Text wahrscheinlich zu flach, zu langsam… Aber ich kann Ihnen versichern, es liegt an Ihnen!

Zum Inhalt

Erri de Luca "Den Himmel finden" // "La Natura Esposta"
Erri de Luca "Den Himmel finden" // "La Natura Esposta"

Am liebsten würde ich Ihnen schnell den ganzen Plot erzählen, aber damit wäre das Kunstwerk zerstört. Nur soviel – ein alter Bergmann (… hier oben ist man mit 60 alt...) lebt in einem abgeschlossenen Tal an der Grenze zwischen Italien und Österreich. Dorthin verschlägt es Reisende (so nennt er Flüchtlinge), denen er gegen ein Entgelt über die grüne Grenze hilft. Er arbeitet zusammen mit zwei anderen Bergführern, die er schon aus Kindertagen kennt. Als herauskommt, dass er seinen Kunden am Ende der Passage das Geld zurückgibt, wird er aus ihrer Gemeinschaft ausgestoßen und muss das Dorf verlassen.

Er geht in eine Stadt am Meer und versucht sich mit kleineren Reparaturarbeiten in Kirchen etwas Geld zu verdienen. Als er schon aufgeben will, weil ihm niemand Arbeit gibt, trifft er in der letzten, der größten Kirche der Stadt einen Priester, der schon seit einem Jahr einen Steinmetz sucht.

Eine wunderschöne Marmorskulptur eines nackten Christus am Kreuz vom Anfang des 20. Jahrhunderts, soll vom nachträglich, aus Prüderie angebrachten Lendenschurz befreit werden. Als er zu bedenken gibt, dass er die "Natur" beim Entfernen des fremden Marmors zerstören könnte, erhält er den Auftrag, auch das zu restaurieren. 

"Die Natur, das Geschlecht, so nennen wir in meiner Gegend die Schamteile von Männern und Frauen."

S.32

Was zwischen den Zeilen steht

Und weiter möchte ich nichts verraten. An dieser Stelle wird der Restaurator und der Leser überrascht und auch am Ende gibt es eine, diesmal noch größere Überraschung. Ich werde auch den Schluss nicht verraten, auch wenn es kein Krimi ist, obwohl fast ein Mord geschieht. Es ist auch kein religiöses Buch, obwohl der gekreuzigte Christus im Mittelpunkt steht und alle drei großen Buchreligionen zu Wort kommen.

"Für mein Erleben schließe ich göttliches Eingreifen aus, nicht für das anderer Menschen. Das Du der Gebete, des Zorns und des Mitgefühls kann ich nur an die menschliche Spezies richten."

Erri de Luca im Vorwort

Es ist ein leises Buch über Grenzen, äußere und innere, über Anständigkeit und Moral, über Flucht und über Ankommen. Es erzählt vom Lieben, Verlieren und Behalten. Es erzählt auch von den Bergen, dem Meer und der Stadt. 

"Wer sagt, dass wir Bergbewohner sind, dem antworte ich, dass wir das Meer früher als andere hatten."

S.13

Und natürlich handelt es auch von Kunst, Kunstwerken und wie man sich respektvoll dem Werk eines anderen nähert. 

"Das Werk gehört dem Bildhauer, ich bin sein Stellvertreter im Detail"

S.186

Über den Autor

Erri De Luca
© Paola Porrini Bisson

Über Erri de Luca heißt es, er sei einer der meistgelesenen Schriftsteller Italiens. Das ist umso erstaunlicher, als er schon die verschiedensten Berufe ausgeübt und sich bei ganz unterschiedlichen Aktivitäten beteiligt hat. 

"Im Alter von achtzehn Jahren ging Erri De Luca 1968 nach Rom, um sich an der außerparlamentarischen Bewegung Lotta Continua (dt.: Ständiger Kampf) zu beteiligen. In den 1970er Jahren wurde er einer ihrer führenden Köpfe. Danach arbeitete er in zahlreichen Berufen in und außerhalb Italiens – als Facharbeiter bei Fiat, Kraftfahrer, Lagerist und Maurer. Während des Jugoslawien-Kriegs engagierte er sich als Kraftfahrer von Hilfslieferungen für die Bevölkerung. Er brachte sich selbst verschiedene Sprachen bei, darunter auch Althebräisch, was ihm die Übersetzung einiger Bücher der Bibel ins Italienische ermöglichte." (Quelle Wikipedia vom 05.07.2018)

Die Übersetzung

Seit Jahren übersetzt Annette Kopetzki schon die Texte von Erri de Luca. Da ist sie zur Expertin für die schönen Wortschöpfungen des Autors geworden, die sie behutsam und echt ins Deutsche überträgt. Wenn ich vergesse, dass es eine Übersetzung ist und dabei die Sprache des Autors wiedererkenne, dann halte ich es für eine gelungene Arbeit. Ein Glücksfall!

(siehe auch die ähnlich schwierige und behutsame Übersetzung von Andrea Baricco: Die schöne Braut)

"Porto all'aria anche i miei libri usati, li offro in lettura, faccio da bibliotheca comunale che non c'è. A me sono serviti a conoscere il mondo, la varietà delle persone, che da queste parti sono scarse. Tengono calda la casa, compatti contro la parete a settentrione."

-
"Auch meine gebrauchten Bücher bringe ich an die Luft, biete sie zur Lektüre an, ich bin die Gemeindebücherei, die es hier nicht gibt. Mir haben sie geholfen, die Welt kennenzulernen, die Vielfalt der Menschen, von denen es in dieser Gegend wenige gibt. Bücher wärmen das Haus, wenn sie dicht an der Wand stehen, die nach Norden geht. (S.13/14)

......... Werbung

Den Himmel finden : Roman / Erri de Luca. Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki. - List: Berlin, 2018. - ISBN-13 9783471351710

2

Ein weltoffenes Venedig zur Zeit der Reformation trotzt dem Vatikan

Zwischen Reformation und Inquisition

Text von Cristina Gregorin; Fotografien von Norbert Heyl

Ketzerisches Venedig / Gregorin; Heyl. Claudius-Verlag
Ketzerisches Venedig / Gregorin; Heyl. Claudius-Verlag

Heute stelle ich im Rahmen meiner Reihe Gastland Italien ein Sachbuch vor. 

Schon die Aufmachung ist gelungen - wieder einmal ein Beispiel dafür, dass analoge Bücher aus Papier dann eine Chance haben, wenn sie auch optisch und haptisch gut gemacht sind. Umschlag und Einband zeigen dasselbe schöne Foto von einem venezianischen Palazzo im Morgen- oder Abendsonnenschein. Das Papier ist durchgehend festes Kunstdruckpapier. Ganzseitige Fotos wechseln ab mit Text in einer augenfreundlichen Schrift. Zusätzlich zu den stimmungsvollen Fotos der Lagunenstadt gibt es historische Fotos und alte Karten, auf der die Position der erwähnten Lokalitäten verzeichnet sind. Eine große Übersichtskarte des modernen Venedigs zu Beginn des Buches ist ein weiteres Plus. Man bekommt sofort Lust, die nächste Reise nach Venedig zu planen - auf den Spuren der Reformation und der Inquisition.

Die Literaturwissenschaftlerin und Kunstführerin Cristina Gregorin und der Fotograf und Designer Norbert Heyl haben sich für uns auf den Weg gemacht, um diesen Spuren nachzugehen. In zahlreichen, nicht zu langen Kapiteln folgen wir ihnen durch die spannende und unerwartete Geschichte des katholischen Venedigs und der Reformation vom 16. Jahrhundert bis heute.

Die alte Handelsmetropole in Südeuropa war weltoffen und erlaubte sich eine geistige Freiheit und Unabhängigkeit vom Vatikan. Hier konnten die Schriften Luthers übersetzt, gedruckt und verbreitet werden, hier fanden "Abtrünnige" vor der Verfolgung Roms Zuflucht und Unterschlupf. Die Reaktion des Vatikans war die Einrichtung eines Tribunals für Glaubenslehren in Rom - eine Reorganisation der heiligen Inquisition. Eine spannende Entwicklung in der "Serenissima", wie Venedig auch genannt wird, zeigte sich auf allen Gebieten, die im weitesten Sinne den Handel betrafen.

Wir dürfen den beiden kompetenten Führern leichtfüßig durch die Stadt folgen und lernen nebenbei etwas über die Reformation, ihre Anhänger in ganz Europa und ihre Ausbreitung bis in die heutige Zeit. Wir erfahren viel über die neuen Techniken des Buchdrucks und die Beeinflussungsversuche durch Kunst und Architektur.

Schade, dass die Fußnoten erst im Anhang aufgeführt werden. Dort nachzuschlagen macht mir während der Lektüre zu viel Mühe. Brauchbar finde ich allerdings die Begriffserläuterungen und die ausführliche Chronologie, die sich mitsamt einer umfassenden Bibliografie ebenfalls im Anhang befinden.

Venedig: eine Auswahl @e_mager

Selten habe ich "trockene" Geschichte so unterhaltend und mit Genuss gelesen. Und selbst wenn wir nicht mit diesem Buch schnellstens nach Venedig reisen, wird es doch eine ganze Weile auf dem Wohnzimmertisch liegen und immer wieder in die Hand genommen. Hier liegt es in guter Gesellschaft mit Cees Nooteboom "Venedig - Fluide Stadt" und "Laguna. Venedigs Inselwelten" von János Kalmár und Alfred Komarek 

......... Werbung

Ketzerisches Venedig : zwischen Reformation und Inquisition / Text von Christina Gregorin, Fotografien von Norbert Heyl. - 128 S. ; zahlr., meist farb. Fotos und Karten. - Claudius: München, 2018. - ISBN 978-3-532-62815-7

8

Savo Montalbano ermittelt: eine Stimme in der Nacht. (Una Voce di Notte) Das Phänomen Andrea Camilleri

Das Phänomen Andrea Camilleri

Zum ersten Mal kam ich 1999 mit Andrea Camilleri und seiner Figur Salvo Montalbano in Kontakt. Seine Krimis liefen im italienischen Fernsehen im ersten Teil des Abendprogramms, das regelmäßig nach 21 Uhr beginnt. Unser Italienisch war damals schon so gut, dass wir fast ohne Mühe den schönen Krimis folgen konnten und nebenbei die sizilianischen Drehorte genießen konnten.

Andrea Camilleri : Eine Stimme in der Nacht (Una Voce di Notte)
Andrea Camilleri : Eine Stimme in der Nacht

Wir wurden Montalbano-Fans wie viele Italiener auch.

Die zweite Begegnung hatte ich mit Camilleri bei Feltrinelli in Rom, als ich kurz vor unserer unweigerlichen Rückkehr nach Deutschland noch etwas Lesestoff kaufen wollte. Ich hatte die Absicht, mich mit schönen, sonnigen Geschichten aus Süditalien über eine zu befürchtende Winterdepression zu retten. Schließlich musste ich nach drei langen sonnigen Jahren im November zurück nach Deutschland ziehen. Und da standen sie. Eine lange Reihe schmaler Bücher mit jeweils einem Montalbano-Krimi. Ich war entzückt. Noch bevor in Deutschland das Genre Regionalkrimi bekannt war, konnte ich ein Stück Sizilien mit nach Hause nehmen. Aber – oh weh: Camilleri schreibt in einer eigens erfundenen Sprache, dem Vigatese.

...weiterlesen "Eine Stimme in der Nacht / Andrea Camilleri"

4

Eine berührende Lebensgeschichte einer Familie über drei Generationen im italienischen Apennin. Opulent einfach! So wie der Großvater der Erzählerin Schmetterlinge präpariert, so arbeitet Valentini mit Sprache. Jedes Wort scheint wohlüberlegt mit der Pinzette aus dem reichen Schatz der Worte vorsichtig herausgezogen worden zu sein.

das einfache Leben - eine italienische Familiengeschichte

Eine berührende Lebensgeschichte einer Familie über drei Generationen im italienischen Apennin.

In letzter Zeit stehen Familiengeschichten über mehrere Generationen in Italien hoch im Kurs. Elena Ferrante mit ihren vier Bänden der Neapel-Saga (2016, Suhrkamp) oder „Familienbild mit dickem Kind“ von Margerita Giacobino (2016, Kunstmann).

Maria Rosaria Valentini: Magnifica. Roman
© Dumont Maria Rosa Valentini : Magnifica

Ein besonderes Kleinod, das ebenfalls diesem Genre zugerechnet werden kann, ist das Buch „Magnifica“ von Maria Rosaria Valentini.

Auch hier erinnert sich eine weibliche Ich-Erzählerin ihrer Vorfahren und erzählt eine Geschichte von Leidenschaft, karger Arbeitswelt, Entbehrungen, Versuchungen, Liebe, Mutterschaft und Tod. Und es sind wieder die Frauen, die die Generationen zusammenhalten.

Das Buch ist außerdem eine grandiose Naturerzählung. Es spielt in einem nicht näher benannten Dorf am Ende eines abgelegenen, engen Tals im Apennin mit seinen weltberühmten Buchenwäldern.

...weiterlesen "Magnifica / Maria Rosaria Valentini"

Eine Stadt macht "Bella Figura" und mausert sich zur Metropole

Ihr Name ist Programm: Neapolis (griechisch = neue Stadt). Seit fast 3000 Jahren behauptet sich die im Golf Partenopes gegründete Stadt, gegen alle Wirren und Katastrophen. Erfolgreich trotzt sie allen Besatzern und Herrschern.
Von der gefürchteten Durchgangsstation zu den Traumurlaubszielen der Deutschen im Süden Italiens hat sie sich zur lebendigen Großstadt mit einzigartigem Flair gemausert.
Dem "neuen" Bürgermeister Bassolino zu viel zu verdanken: Neapel ist heute eine ernst zu nehmenden Kongressstadt und touristische Metropole. Die Straßen sind sicherer geworden. Viele Kulturschätze sind heute dem Publikum zugänglich, die Parks sind herausgeputzt. Zwar ist die Camorra nicht unschädlich gemacht, aber sie wurde doch in engere Schranken verwiesen.
Anlässlich des G7-Gipfels im Jahre 1994 wollte Neapel "Bella Figura" machen - und diese ureigene italienische Schwäche erwies sich diesmal als Stärke. Was Sicherheit und Ordnung angeht, ist sie auf dem besten Weg, sich zu einer Großstadt wie jede andere zu entwickeln. Wenn das gelingt, wird sie einzigartig dastehen! Denn gepaart mit ihrer herrlichen Naturkulisse, dem stets milden Klima und dem freundlichen Wesen ihrer Einwohner (hier ist der Ärmste noch nobel und der Reichste gibt sich ganz unverbildet herzlich), sticht sie jede andere Stadt Europas aus.
Noch bleibt vieles zu verbessern, aber wer ein Gespür dafür hat, begreift, dass Neapel und Kampanien wirklich alles zu bieten haben: gute Verkehrsanbindungen, herrliches Wetter und eine touristische Schatztruhe:Geschichte, Kunst, Architektur, Religion, Archäologie, Gastronomie und natürlich Natur. So ist den wenigsten bekannt, dass in Kampanien sogar ein Dinosaurier gefunden wurde. Eine Entdeckungstour durch die Stadt beschert auf jeden Fall viele unvergessliche Augenblicke.

weiterlesen