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1900. Der Traum vom alternativen Leben beginnt. Vorbilder und Nachahmer...

9783421046857_CoverDer Traum vom einfachen, natürlichen Leben - jeder Mensch träumt ihn sicher ab und zu, vor allem wenn ihn äußere Zwänge über Gebühr belasten. Was uns heute so modern und zeitgemäß erscheint und sich in hohen Auflagen von Zeitschriften wie "Landlust" und "Walden" niederschlägt, ist jedoch keine neue Erscheinung. Schon Diogenes saß ganz bescheiden und zufrieden in seiner Tonne. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts setzte sich Henry David Thoreau für ein Jahr von der Zivilisation ab und versuchte ein Leben in und mit der Natur. Er schrieb seine Erfahrungen am Lake Walden auf und ist damit der Vorreiter aller modernen Sinnsucher im einfachen Leben.

Stefan Bollmann ist es nun zu verdanken, die Stimmung zu Beginn des 20. Jahrhunderts einzufangen. Mit der Industrialisierung und der Motorisierung wurde das Leben für die meisten Menschen zur Plackerei in Fabriken und eng besiedelten Städten. Die Wohnungen waren eng und die Kleidung auch. Als Befreiung davon setzte sich mehr und mehr der Gedanke der Reform durch, die zu Reformkleidung und auch zum Reformhaus führte. Wer es sich leisten konnte, befreite sich von Korsett und Fischbein und ernährte sich vegetarisch.

Wie so oft bei neuen Strömungen gibt es kleine Gruppen, die den neuen Gedanken der Freiheit und des natürlichen Lebens radikal in die Tat umsetzen möchten. Stefan Bollmann zeigt mit seiner detailreichen Studie die allgemeine Tatsache, dass es immer wenige sind, die eine Utopie stellvertretend für alle anderen so leben, als wäre sie schon erreicht.

Es sind dann auch viele allgemein gültigen Erkenntnisse, die in den "Der Aufbruch", "Die Agenda" und "Die Verwandlung" überschriebenen Teilen des Buches zum Ausdruck kommen.

Wie bei vielen "spinnerten" Projekten, braucht es Menschen mit Ideen und Menschen mit Geld. Hier war es zu Anfang nur eine kleine Gruppe von sechs Personen: zwei Schwestern und Musikerinnen Ida und Jenny Hofmann, zwei Brüder Karl und Gustav Gräser, dazu noch Lotte Hattemer, ein "Mädchen mit einer Vorliebe für Esoterisches" und der vermögende Industriellensohn Henri Oedekoven. Nachdem die Idee geboren war und Formen annahm, fand man mit ein paar anderen Gleichgesinnten das Grundstück oberhalb Asconas am Lago Maggiore.

"Sie gehen zu Fuß, in ′einfacher und luftiger Kleidung′, auf den Rücken vermutlich recht schwere Rucksäcke, jedoch ohne das verpönte Schuhwerk, das die direkte Erdberührung verhindert - den ersehnten Kontakt mit der Natur." (S.37)

Die Gegend war wie geschaffen für einen Ort des Rückzugs und des geistig und körperlichen Neubeginns, waren doch schon "vor der Jahrhundertwende bereits eine Handvoll Aussteiger nach Locarno gelangt - Langhaarige und Vegetarier wie die nun aus München kommende Schar" (S. 42)

Im Laufe der Zeit kamen zahlreiche Schriftsteller und Künstler, wie z.B. Oskar Maria Graf, Erich Mühsam und Herrmann Hesse,  und Visionäre wie Rudolf von Laban, der die rhythmische Gymnastik und den Tanz reformierte, auf den Monte Verità.

Stefan Bollmann erzählt die wechselhafte und sonderbare Geschichte des Bergs der Wahrheit mit all seinen verschrobenen Typen, Künstlern und Lebemenschen, die es wahrlich nicht immer leicht hatten, ihre Ideale zu leben, bis in die 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts, als der Kunstmäzen und Bankier Eduard Freiherr von der Heydt den Komplex übernimmt und aus dem Monte Verità ein alternatives Wellness-Resort macht.

Bis heute führt uns die Zeittafel am Ende des Buchs, denn ein Ende des Bergs der Wahrheit ist noch nicht geschrieben, wie auch das folgende Video vom Hotelkomplex Monte Verità beweist:

[youtube https://www.youtube.com/watch?v=Lg4pnWfj54M&w=560&h=315]

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Gerade gehört und absolut empfehlenswert!

colliniVierunddreißig Jahre hat der Italiener Fabrizio Collini als Werkzeugmacher bei Mercedes-Benz gearbeitet. Unauffällig und unbescholten. Und dann ermordet er in einem Berliner Luxushotel einen alten Mann. Grundlos, wie es scheint.

Er leugnet die Tat nicht, will nicht verteidigt werden, gibt keine Motive an. Der junge Anwalt Caspar Leinen wird zum Pflichtverteidiger bestellt. Sein erster Fall. Es stellt sich heraus, dass er mit dem Mordopfer seit Kindheitstagen bekannt ist.

Erst will er das Mandat niederlegen, doch dann hört er auf den Rat eines erfahrenen Anwalts, und macht weiter. Was als aussichtslose Verteidigung erscheint, entwickelt sich zu einem Lebensdrama mit vielen Facetten.

Ich glaube nicht, dass ich die Geduld aufgebracht hätte, das Buch im nüchternem Stil von Gerichtsprotokollen zu lesen, aber die Stimme von Burghart Klaußner macht das Ganze zum Erlebnis.

Der Fall Collini. Ferdinand von Schirach. Ungekürzte Lesung mit Burghart Klaußner. - 3 CDs, 224 Minuten Laufzeit, ISBN 978-3-86952-354-5 (Erschienen am 12.01.2017 bei Hörbuch Hamburg ) 

Der Fall Collini / von Ferdinand von Schirach. Ungekürzte Lesung mit Burghart Klaußner (Onleihe)

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Latein: eine erstaunlich lebendige Sprache um "die flüchtigsten Zustände des Inneren in Worte zu fassen,"

Gastland Italien - Folge 8

978-3-498-02539-7
In meiner Reihe zu interessanten Übersetzungen aus dem Italienischen möchte ich diesmal auf ein Sachbuch aufmerksam machen.

Nicola Gardini schreibt geradezu hymnisch über sein geliebtes Latein. Er kann davon schwärmen, wie andere es bei besonderen Menschen tun.

Er verbindet die verschiedenen Werke dieser alten, ehrwürdigen Sprache mit seinen eigenen Lebensstationen. Dabei geht er nicht immer chronologisch vor, aber heraus kommt so etwas wie eine Biographie des Lateinischen.

...weiterlesen "Latein lebt / Nicola Gardini"

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Feridon Zaimoglu liest seinen neuen Roman "Evangelio". Ein deftiger, wortgewaltiger Beitrag zum Lutherjahr - aber auch sonst.

Ein Abend bei Kiepenheuer & Witsch. In der Reihe "Kiwi am Dom" konnten gestern Abend (2.3.2017) Buchhändler, Presse und BloggerInnen die allererste Lesung Feridun Zaimoglus aus seinem neuen Roman "Evangelio" genießen. Nach einer Einführung durch seinen Lektor Olaf Petersenn, der mittels einiger schlaglichtartiger Momente aus seinen Begegnungen mit dem Autor auf äußerst charmante Art den Mensch F. Zaimoglu vorstellte.

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Feridun Zaimoglu mit seinem Lektor Olaf Petersenn. © e mager

Und dann begann die eigentliche Lesung. Nach ein paar  Worten, mit denen uns F. Zaimoglu in die Atmosphäre seines Romans einführte, setzte er seine Brille auf, nahm einen Schluck aus seinem Weinglas, besann sich kurz und sprach dann mit veränderter Stimme die Worte des ersten Kapitels von "Evangelio".  Er intonierte, er dirigierte seine Worte mit silberberingter Hand, er rhythmisierte die Sätze, als ob er musikalische Vortragsbezeichnungen im Text stehen hätte. Ich war fasziniert.

"4. Mai 1521 bis 1. März 1522: Martin Luther hält sich auf der Wartburg auf. Gänzlich unfreiwillig, denn er ist auf Geheiß des Kurfürsten von Sachsen in Gewahrsam genommen worden. Dort sieht er sich größten Anfechtungen ausgesetzt, vollbringt aber auch sein größtes Werk: In nur zehn Wochen übersetzt er das Neue Testament ins Deutsche." (Verlagsangabe)

Der Text ist nicht leicht zu lesen. Es "spricht" der Landsknecht Burkhard, der dem Junker Jörg (Martin Luther) während seiner "Schutzhaft" als Beschützer zu Seite gestellt war. Eine fiktive Figur, die es aber nach den vielen Recherchen des Autors, so oder so ähnlich gegeben haben muss. Er spricht so, wie man vermutlich am Ausgang des Mittelalters in Sachsen gesprochen und gedacht haben könnte. Natürlich so geschrieben, das wir Heutigen es verstehen können.

Nach dem Vortrag glaube ich, verstanden zu haben, wie ich den Text lesen muss. Es ist Musik und Poesie. Ich stelle mir vor, wie Feridun Zaimoglu beim Schreiben die Worte so lange laut ausprobiert hat, bis jeder Satz die richtige Melodie und den gewünschten Klang hervorbrachte. Da kann ich glauben, dass er sich ganz in diese Figur hineinversetzt hat. Er war beim Schreiben dieser katholische Landsknecht, der auf Luthers Seite stand, aber doch mit ihm um den rechten Glauben stritt und haderte. Er muss sich beim Schreiben vorgekommen sein wie Luther damals, der bei der Übersetzung der heiligen Schrift verzweifelt nach dem richtigen Wort, der richtigen Übersetzung gerungen haben muss. Wollte er doch das "helle Wort Gottes" finden, auch auf Deutsch, so dass zwischen Gott und dem Leser kein Mittler vonnöten wäre. "Sola scriptura" allein durch die Schrift - welch ein Unterfangen!

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Preseruatiu Cur vnnd Seelen Artzney, wider die gifftige jetzoschwebende Seuch der New Euangelischen Secten, bevorab deß hochschädlichen Lvthertvmbs (Jngolstatt Eder 1581.)

Der Abend wurde live über Facebook übertragen. Ab der 28. Minute liest F. Z. aus Evangelio.

Evangelio : ein Luther-Roman / Feridun Zaimoglu. - 1. Aufl. - Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2017. - fest geb.; 344 S. - ISBN: 978-3-462-05010-3 ;  22,00€ ab 9.3.17 im Buchhandel

siehe auch:

Interview mit Dennis Scheck

Interview mit F. Z. über seine silbernen Ringe

Nachtrag am 1.5.2017: interessante Rezension bei Kulturernten

 

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Nachtrag: frisch von der Leipziger Buchmesse -  Mara Gieses Interview mit F. Zaimoglu

 

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... ein Sachbuch mit vielen Jahreszahlen und Fakten. Aber Geert Mak schafft es, uns sofort mit hinein zu ziehen. Schon auf den ersten Seiten lässt er uns teilhaben an seiner Begeisterung, dass hier eine Familie über so viele Jahre nicht wirklich umgezogen ist und in einem Haus mit mehr als vierzig Zimmern ihre Geschichte, die der Stadt Amsterdam und die der Niederlande bewahrt hat. Und es ist kein Museum - hier wird gelebt.

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Es gibt kein Leben, das nicht,
Und sei es auch nur für einen Moment,
Unsterblich gewesen ist.
WisŁawa Szymborska

Dieses Zitat stellt Geert Mak seinem Opus über die 12 Generationen einer Amsterdamer Familie voran.

"Six van Hillegom heißen sie offiziell, und die ältesten Söhne tragen – fast – alle den Namen Jan. Das ist eine Tradition, die 1618 mit dem Stammvater begann, mit Jan Six – Tuchfärber, Dichter, Kunstliebhaber, Bürgermeister der Stadt Amsterdam, ein Freund Rembrandts und des Dichters Joost van den Vondel. Der heutige Hausherr ist der zehnte Jan Six. Sein Sohn, Kunsthändler, ist der elfte, und den zwölften Jan Six gibt es auch schon, ein strahlendes Bürschchen in einem Buggy."

Dieses 512 Seiten lange und schwere Werk ist ein Sachbuch mit vielen Jahreszahlen und Fakten. Aber Geert Mak schafft es, uns sofort mit hinein zu ziehen. Schon auf den ersten Seiten lässt er uns teilhaben an seiner Begeisterung, dass hier eine Familie über so viele Jahre nicht wirklich umgezogen ist und in einem Haus mit mehr als vierzig Zimmern ihre Geschichte, die der Stadt Amsterdam und die der Niederlande bewahrt hat. Und es ist kein Museum - hier wird gelebt. Und genauso kommt die Geschichte daher.

"Drinnen duftete es nach Kaffee, vermischt mit einem Hauch von Bohnerwachs. Ich betrat einen breiten Flur, unten im Haus. An der gefliesten Wand hörte ein Bauer nicht auf, friedlich zu pflügen, Papageien kreischten und plapperten, die Uhr stand für alle Zeit auf halb elf, die schwarzen Hände einer Lampe hielten das Licht empor. An den Wänden, ein Stück weiter, querformatige Stiche..."

mak
Foto: E. Mager

Geert Mak kann erzählen - nicht nur auf Lesungen, wie ich ihn zuletzt im Ehrengast-Pavillion der Frankfurter Buchmesse erlebt habe, sondern auch auf dem Papier. Das haben zum Glück auch seine Übersetzer Gregor Seferens und Andreas Ecke verstanden, ins Deutsche zu transportieren.
Anhand der vielen Fundstücke, die Mak im Haus der Familie Six in die Hand nehmen darf, erzählt er von Aufschwung und Niedergang, von Eheglück und Ehefrust, von Trauer und Not über geborene und früh verstorbene Kinder. Aber auch davon, dass es immer wieder bergauf ging. Die Familie Six hatte immer auch Einfluss im politischen Geschehen der Stadt - mal mehr, mal weniger. Es sind übrigens nicht nur die Männer, über die Mak zu berichten weiß. Wir erfahren auch eine Menge über die Frauen der Sixe. Besonders gefallen hat mir die Beschreibung Lucretias im 19. Jahrhundert.

Warum könnte uns die Biographie einer Amsterdamer Familie überhaupt interessieren? - Weil sie auch die Geschichte Europas und der Welt enthält. Weil wir viel über die allgemeinen Lebensumstände erfahren - auch die der einfachen Leute. Weil wir viel über die Hintergründe für die heutige Stellung der Niederlande in der Welt erfahren. Ich hatte so manches Aha-Erlebnis!

Ich empfehle dieses Buch all denen, die sich gerne mit Geschichte, Lebensgeschichten und Generationenfragen beschäftigen. Allen Liebhabern der Niederlande und der Stadt Amsterdam sei es als Pflichtlektüre sehr ans Herz gelegt.

Überdies ist es ein ausgesprochen schönes Buch geworden. Sehr sorgfältig gesetzt, gebunden und mit einem Lesebändchen versehen. Vielen Dank dafür an den Siedler-Verlag.

Schade nur, dass so wenige Illustrationen enthalten sind. Die wenigen, die es als Vignetten zu den Kapiteln ins Buch geschafft haben, sind sehr klein und in schwarz-weiß gehalten. Hier könnte ich mir sogar einen Zusatzband in der Art eines Ausstellungskatalogs vorstellen, der die vielen Gegenstände und Bilder enthält, die Geert Mak so fasziniert im Haus der Sixe in die Hand nehmen durfte.

Über Leben und Werk des Journalisten und Historikers Geert Mak finden sich viele Informationen auf seiner dreisprachigen Internetseite http://www.geertmak.nl

Hier ein Interview mit Geert Mak zum neuen Buch vor der Frankfurter Buchmesse: SR 2 - "Die vielen Leben des Jan Six"

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Die vielen leben des Jan Six : Geschichte einer Amsterdamer Dynastie / Geert Mak. Aus dem Niederländischen von Gregor Seferens, Andreas Ecke. - Siedler, 2016. - Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 512 S. und Abb. - ISBN: 978-3-8275-0087-8 - 26,99

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