Maria Rosaria Valentini: Magnifica. Roman
Buchtipp,  Gastland Italien

Magnifica / Maria Rosaria Valentini

das einfache Leben – eine italienische Familiengeschichte

Eine berührende Lebensgeschichte einer Familie über drei Generationen im italienischen Apennin.

In letzter Zeit stehen Familiengeschichten über mehrere Generationen in Italien hoch im Kurs. Elena Ferrante mit ihren vier Bänden der Neapel-Saga (2016, Suhrkamp) oder „Familienbild mit dickem Kind“ von Margerita Giacobino (2016, Kunstmann).

Maria Rosaria Valentini: Magnifica. Roman
© Dumont Maria Rosa Valentini : Magnifica

Ein besonderes Kleinod, das ebenfalls diesem Genre zugerechnet werden kann, ist das Buch „Magnifica“ von Maria Rosaria Valentini.

Auch hier erinnert sich eine weibliche Ich-Erzählerin ihrer Vorfahren und erzählt eine Geschichte von Leidenschaft, karger Arbeitswelt, Entbehrungen, Versuchungen, Liebe, Mutterschaft und Tod. Und es sind wieder die Frauen, die die Generationen zusammenhalten.

Das Buch ist außerdem eine grandiose Naturerzählung. Es spielt in einem nicht näher benannten Dorf am Ende eines abgelegenen, engen Tals im Apennin mit seinen weltberühmten Buchenwäldern.

wie es beginnt

Magnifica wird von ihrem Sohn Andrea genötigt, die Geschichte der Familie aufzuschreiben. Er verschwindet eines Tages ohne ein Wort und hinterlässt Magnifica einen Füllfederhalter und einige Zettel mit Anweisungen.

»Ich gebe ihn in deine treuen Hände. … In dieser Tinte ist alles enthalten. Deine Geschichte, meine. Jene, die kommen wird, derer, die bereits existieren, und jener, die nie existiert haben.«

»Ja, und seither bedeutet dieser Füllfederhalter alles für sie. Er hütet die Spuren einer langen Pilgerschaft. Und wirft seine Tinte auf die Zacken der Zeit, die Monde von gestern, die Seifenblasen des nicht Wiederholbaren, und ermöglicht Magnifica so, die Gegenwart zu durchmessen. Wartend, hoffend.«

über die Schönheit von Sprache

Ich nenne es ein Kleinod, da es ein wirklich schönes Buch ist. Ich bin begeistert von der opulenten Sprache, die noch für das einfachste und kleinste benutzt wird. Ich kann mir vorstellen, dass es für die Übersetzerin Monika Köpfer eine ganz besondere Herausforderung war, diese schöne und zauberhafte Sprache ins Deutsche zu übertragen. So wie der Großvater der Erzählerin Schmetterlinge präpariert, so arbeitet Valentini mit Sprache. Jedes Wort scheint wohlüberlegt mit der Pinzette aus dem reichen Schatz der Worte vorsichtig herausgezogen worden zu sein.

zum Inhalt

Die Hauptperson ist Ada Maria, die Mutter von „Magnifica“, die kurz nach dem zweiten Weltkrieg einem versprengten deutschen Soldaten im Wald begegnet. Diese Begegnung ist das große Narrativ (hier muss ich dieses überstrapazierte Wort einmal sinnvoll nutzen) der Familie – alles führt dorthin und entwickelt sich von dort fort.

Drei Generationen Eufrasia – Ada Maria – Magnifica und ihre dazu gehörigen Nebenfiguren, die alle doch eine große Rolle in dem Geflecht der Familie spielen: Aniceto – Teresina – Pietrino – Benedikt – Andrea

Während die Ehe von Aniceto und Eufrasia nur als unglücklich zu bezeichnen ist, aus der als einzig Gutes die Geschwister Ada Maria und Pietrino hervorgehen, rettet Teresina, die Geliebte Anicetos, mit ihrer ruhigen und beständigen Liebe die kleine Familie.

Aniceto, eigentlich ein ziemlicher Nichtsnutz, findet seine Bestimmung im Präparieren von Tieren, vor allem von Schmetterlingen. Nur bei dieser Arbeit in seinem Schuppen kann Ada Maria eine Nähe zu ihrem Vater aufbauen, in dem sie ihm still zur Hand geht.

Pietrino, der zehn Jahre jüngere Bruder von Ada Maria, widmet sein Leben und seine Liebe der Schwester. Er wird der Friedhofswärter der kleinen Gemeinde und bewahrt durch seine, trotz seiner jungen Jahre, uralten Seele das Andenken der Verstorbenen und der Lebenden.

Wir lernen sie alle kennen und sie werden uns vertraut. Ohne Mühe verstehen wir die archaischen Bilder von Liebe und Macht, Tod und Muttersein  – ohne dass Valentini langatmige Erklärungen geben muss. Und alle werden in irgendeiner Weise wichtig für, wie es scheint, das einzige Ziel: das Leben Magnificas zu ermöglichen.

Die Begegnung von Ada Maria und Benedikt – eine italienische “Hinterwäldlerin” und ein “verwahrloster” Deutscher – ist bestimmt eine der schönsten Liebeserzählungen dieses Jahres (meine unmaßgebliche Einschätzung). Daraus entsteht etwas Großartiges (ital. = magnifica). Und auch hier ist es die Sprache, sind es die Worte, die den Zauber hervorbringen. Ada Maria versteht instinktiv die fremde Sprache Benedikts.

Trotz ihrer Angst vor der Liebe, die ihr das Weinen ihrer Mutter Eufrasia in der Kindheit eingepflanzt hatte, schafft sie es, sich auf Benedikts Liebe einzulassen.

»Benedikt roch nach wildem Thymian und bedeckte ihren Körper mit Worten. Kurze geflüsterte Strophen. Undeutliche Laute, deren Sinn sie nicht verstand, aber das war jetzt auch nicht mehr wichtig für sie, nun, da sie das zarte, großzügige, geschmeidige Gewicht eines so köstlichen Gefühls auf sich spürte, wie sie es sich niemals hätte vorstellen können.

In diesem Moment verlosch Eufrasias Weinen. 

Für immer.«

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Magnifica . Roman / Maria Rosaria Valentini. Aus dem Italienischen von Monika Köpfer. – 1. Aufl., 302 S.. – Dumont: Köln, 2018. -ISBN 9783832198749 

zur Autorin:

Maria Rosaria Valentini, geboren 1963 in Ciociaria, hat Germanistik in Rom studiert. Neben dem Schreiben arbeitet sie auch als Übersetzerin. Seit vielen Jahren lebt sie in der Schweiz, heute in Lugano. ›Magnifica‹ ist ihr erster Roman auf Deutsch. (Verlagstest)

und so klingt es im Original:

»Sì, da allora quella penna è tutto. Custodisce le impronte di un lungo pellegrinaggio. E getta inchiostro sulle cuspidi del tempo, nelle lune di ieri, nelle bolle di un ripetuto mai, per consentire a Magnifica di traversare il presente. In attesa, dentro la speranza.«

neugierig, wissbegierig, biblioman, barfuß, zero waste, plastikfrei

4 Comments

  • Monika Köpfer

    Liebe Frau Mager,

    ganz herzlichen Dank für Ihre wunderbare Rezension. Sie sprechen mir aus dem Herzen: Dieser Roman ist ein Kleinod – schade, dass er bislang so wenig Beachtung bei der Presse gefunden hat. Ich finde, Sie haben den Gehalt und die Seele dieses Romans genau erfasst, vielen Dank für Ihre Lektüre und genaue Analyse!

    Ganz herzliche Grüße

    Monika Köpfer

    • Erika

      Liebe Frau Köpfer,

      herzlichen Dank für Ihr Lob! Wenn ich es als Rezensentin schaffe, das Buch so zu beschreiben, wie es sich Autorin und Übersetzerin gedacht haben, bin ich sehr glücklich.

      Liebe Grüße
      Erika Mager

  • Maria Rosaria Valentini

    Liebe Frau Mager Ich danke Ihnen herzlich für die aufmerksame Lektüre. Sie haben die Atmosphäre und die Intention der Geschichte sehr gut interpretiert. Es war mir eine Freude Ihre Rezension zu lesen. Freundliche Grüße. Maria Rosaria Valentini

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