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Einblick in die Arbeitsweise einer kleinen Bücherei. Leseverhalten und Recherche

Heute möchte ich einmal einen Einblick in die Arbeitsweise einer Bibliothekarin in einer kleinen Bibliothek geben.

Die Bücherei liegt in einem relativ kleinen, ländlich geprägten, aber doch stadtnahen Örtchen. Hier gibt es viele junge Familien mit Kindern, zahlreiche Senioren der gehobenen Mittelschicht und einen einigermaßen stabilen Kern an Berufstätigen. Die Bücherei ist komplett ehrenamtlich geführt mit etwa 20 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen.

Den Einkauf neuer Titel machen wir zu zweit. Im vergangenen Jahr haben wir laut Statistik 805 neue Medien eingekauft und 878 alte Titel ausgeschieden. Die Bücherei hat dabei einen ständigen Bestand um die 7000 Titel. Während der etwa 9 Stunden, die die Bücherei in der Woche geöffnet hat, beraten wir unsere Leser in ihrer Auswahl an lesenswerten Büchern. Hier gehen wir natürlich auf ihre Lesevorlieben ein. Wir kennen unseren Bestand und wir kennen unsere Leser.

Bei der Auswahl so vieler Titel im Jahr sind wir auf Lektoratsdienste angewiesen. Darüber hinaus achten wir auf Buchbesprechungen in Zeitungen und im Radio. Außerdem lesen wir aufmerkjochenmaisam die Besprechungen auf literarischen Blogs. Ja - und überdies lesen wir selbst, was das Zeug hält.

Ich lese parallel und nachts. Und so beginnt bei mir das Lesejahr 2017: tagsüber lese ich, wenn Zeit ist, das Buch „Warum ich losging, um Milch zu kaufen, und mit einem Fahrrad nach Hause kam“ von Jochen Mai. Es handelt sich um einen veritablen Ratgeber zur Entscheidungsfindung jeder Art. Nachdem ich fast fertig bin mit der Lektüre, kann ich jetzt schon sagen, welche meiner Leser und Leserinnen auf dieses Buch anspringen werden. Außerdem kann ich beurteilen, dass es auch ein paar Jahre in der Bücherodysseeei stehen kann, ohne zu veralten. Es ist locker geschrieben und gibt mit vielen wissenschaftlich untermauerten Studien verblüffende Einsichten in die menschliche Psyche.

Daneben versuche ich täglich ein bis zwei Seiten in der "Odyssee" zu lesen, die ich in einer schönen Taschenbuchausgabe im Penguin-Verlag gefunden habe. Hier liegt eine Neuübersetzung aus dem Griechischen von Kurt Steinmann vor, die gut zu lesen ist. Ich genieße es, die Zeilen wenigstens halblaut zu lesen. So erlebe ich die Musikalität und den Inhalt des Stücks hautnah.

"Jener erkannte mich gleich, als er mich mit den Augen erblickte, 
und wehklagend sprach er zu mir die gefiederten Worte:
>Zeus' Sproß, Sohn des Laertes, erfindungsreicher Odysseus,
Ärmster, schleppst auch du mit dir ein böses Verhängnis,
wie ich es droben stets ertrug im Lichte der Sonne?...<"

Wir haben zwar nicht viele Klassiker in unserer Bücherei, da wir uns eher als aktuelle "Verbrauchsbibliothek" sehen, aber auch hier gibt es Leserwünsche, gerade wenn es sich um eine gut lesbare Neuauflage handelt.

jorwedWenn ich zu Bett gehe, tue ich das natürlich nicht ohne Buch! Bei mir ist es zurzeit ein kleines Taschenbuch mit dem Titel "Wie Gott verschwand aus Jorwerd: Der Untergang des Dorfes in Europa" von Geert Mak, auf den ich durch das tolle Buch über die 12 Generationen einer Kaufmannsfamilie in Amsterdam gestoßen bin. Die Besprechung dazu finden Sie hier: G. Mak: Die vielen Leben des Jan Six

Mak verbringt eine lange Zeit im kleinen Dorf Jorwerd in der Nähe der friesischen Provinzhauptstadt Leeuwarden. Er schreibt die Biographie eines Ortes von den ersten Erwähnungen bis heute. Wie auch schon bei der Amsterdamer Familiengeschichte steht auch diese Erzählung exemplarisch für die Geschichte kleiner Dörfer und Bauern in ganz Europa. Deshalb ist es auch für jedermann interessant, der sich mit unserer und der Geschichte Europas auseinandersetzen will. Mir gefällt es ausnehmend gut. Trotzdem werde ich es für die Bücherei wohl nicht anschaffen, da es wahrscheinlich nicht allzu viele Entleihungen erzielen wird. Aber bei betreffender Nachfrage kann ich es ja auch gut über die Fernleihe beziehen.

norawebsterTja, und wenn ich mitten in der Nacht mal aufwache, was regelmäßig vorkommt, nehme ich meinen E-Reader (um meinen Mann nicht mit dem "großen" Licht zu nerven) und versinke im wunderbaren Roman "Nora Webster" von Colm Tóibín. Wie schon im preisgekrönten "Brooklyn", das wir im Literaturgesprächskreis unserer Bücherei vor kurzem gemeinsam gelesen haben, werden wir auch hier wieder in die kleine Welt eines durchschnittlichen Ortes in Irland, seine Geisteswelt und seine Menschen entführt. Da wir seit kurzem im Onleihe-Verbund Libell-e Süd Mitglied sind und so unseren Lesern auch E-Books bieten können, habe ich das Buch natürlich von dort bezogen. Hier der Link dorthin >> "Nora Webster"

Aber ich glaube, es könnte nicht schaden, ein echtes Papierbuch davon für unseren analogen Buchbestand zu beschaffen. Vor allem unsere Leserinnen werden es lieben.

Gerne würde ich noch mehr Bücher gleichzeitig lesen, aber auch mir sind Grenzen gesetzt 🙂

Hier noch einmal die oben erwähnten Titel:

Warum ich losging, um Milch zu kaufen, und mit einem Fahrrad nach Hause kam / von Jochen Mai

Odyssee / Homer. Aus dem Griechischen von übers. u. kommentiert von Kurt Steinmann

Wie Gott verschand aus Jorwerd : der Untergang des Dorfes in Europa / Geert Mak

Nora Webster / von Colm Tóibín   (siehe dazu auch die kurze Besprechung bei Sätze&Schätze)

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... ein Sachbuch mit vielen Jahreszahlen und Fakten. Aber Geert Mak schafft es, uns sofort mit hinein zu ziehen. Schon auf den ersten Seiten lässt er uns teilhaben an seiner Begeisterung, dass hier eine Familie über so viele Jahre nicht wirklich umgezogen ist und in einem Haus mit mehr als vierzig Zimmern ihre Geschichte, die der Stadt Amsterdam und die der Niederlande bewahrt hat. Und es ist kein Museum - hier wird gelebt.

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Es gibt kein Leben, das nicht,
Und sei es auch nur für einen Moment,
Unsterblich gewesen ist.
WisŁawa Szymborska

Dieses Zitat stellt Geert Mak seinem Opus über die 12 Generationen einer Amsterdamer Familie voran.

"Six van Hillegom heißen sie offiziell, und die ältesten Söhne tragen – fast – alle den Namen Jan. Das ist eine Tradition, die 1618 mit dem Stammvater begann, mit Jan Six – Tuchfärber, Dichter, Kunstliebhaber, Bürgermeister der Stadt Amsterdam, ein Freund Rembrandts und des Dichters Joost van den Vondel. Der heutige Hausherr ist der zehnte Jan Six. Sein Sohn, Kunsthändler, ist der elfte, und den zwölften Jan Six gibt es auch schon, ein strahlendes Bürschchen in einem Buggy."

Dieses 512 Seiten lange und schwere Werk ist ein Sachbuch mit vielen Jahreszahlen und Fakten. Aber Geert Mak schafft es, uns sofort mit hinein zu ziehen. Schon auf den ersten Seiten lässt er uns teilhaben an seiner Begeisterung, dass hier eine Familie über so viele Jahre nicht wirklich umgezogen ist und in einem Haus mit mehr als vierzig Zimmern ihre Geschichte, die der Stadt Amsterdam und die der Niederlande bewahrt hat. Und es ist kein Museum - hier wird gelebt. Und genauso kommt die Geschichte daher.

"Drinnen duftete es nach Kaffee, vermischt mit einem Hauch von Bohnerwachs. Ich betrat einen breiten Flur, unten im Haus. An der gefliesten Wand hörte ein Bauer nicht auf, friedlich zu pflügen, Papageien kreischten und plapperten, die Uhr stand für alle Zeit auf halb elf, die schwarzen Hände einer Lampe hielten das Licht empor. An den Wänden, ein Stück weiter, querformatige Stiche..."

mak
Foto: E. Mager

Geert Mak kann erzählen - nicht nur auf Lesungen, wie ich ihn zuletzt im Ehrengast-Pavillion der Frankfurter Buchmesse erlebt habe, sondern auch auf dem Papier. Das haben zum Glück auch seine Übersetzer Gregor Seferens und Andreas Ecke verstanden, ins Deutsche zu transportieren.
Anhand der vielen Fundstücke, die Mak im Haus der Familie Six in die Hand nehmen darf, erzählt er von Aufschwung und Niedergang, von Eheglück und Ehefrust, von Trauer und Not über geborene und früh verstorbene Kinder. Aber auch davon, dass es immer wieder bergauf ging. Die Familie Six hatte immer auch Einfluss im politischen Geschehen der Stadt - mal mehr, mal weniger. Es sind übrigens nicht nur die Männer, über die Mak zu berichten weiß. Wir erfahren auch eine Menge über die Frauen der Sixe. Besonders gefallen hat mir die Beschreibung Lucretias im 19. Jahrhundert.

Warum könnte uns die Biographie einer Amsterdamer Familie überhaupt interessieren? - Weil sie auch die Geschichte Europas und der Welt enthält. Weil wir viel über die allgemeinen Lebensumstände erfahren - auch die der einfachen Leute. Weil wir viel über die Hintergründe für die heutige Stellung der Niederlande in der Welt erfahren. Ich hatte so manches Aha-Erlebnis!

Ich empfehle dieses Buch all denen, die sich gerne mit Geschichte, Lebensgeschichten und Generationenfragen beschäftigen. Allen Liebhabern der Niederlande und der Stadt Amsterdam sei es als Pflichtlektüre sehr ans Herz gelegt.

Überdies ist es ein ausgesprochen schönes Buch geworden. Sehr sorgfältig gesetzt, gebunden und mit einem Lesebändchen versehen. Vielen Dank dafür an den Siedler-Verlag.

Schade nur, dass so wenige Illustrationen enthalten sind. Die wenigen, die es als Vignetten zu den Kapiteln ins Buch geschafft haben, sind sehr klein und in schwarz-weiß gehalten. Hier könnte ich mir sogar einen Zusatzband in der Art eines Ausstellungskatalogs vorstellen, der die vielen Gegenstände und Bilder enthält, die Geert Mak so fasziniert im Haus der Sixe in die Hand nehmen durfte.

Über Leben und Werk des Journalisten und Historikers Geert Mak finden sich viele Informationen auf seiner dreisprachigen Internetseite http://www.geertmak.nl

Hier ein Interview mit Geert Mak zum neuen Buch vor der Frankfurter Buchmesse: SR 2 - "Die vielen Leben des Jan Six"

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Die vielen leben des Jan Six : Geschichte einer Amsterdamer Dynastie / Geert Mak. Aus dem Niederländischen von Gregor Seferens, Andreas Ecke. - Siedler, 2016. - Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 512 S. und Abb. - ISBN: 978-3-8275-0087-8 - 26,99

Kein Witz! So reden die Leute in Deutschland. Man kennt das ja: immer mal wieder schnappt man Gespräche auf, die einen schmunzeln lassen. Manchmal ist es originell, ein anderes Mal ist es zum Fremdschämen. Ich war letzt auf einem Beerdigungskaffee und just der Kaffee konnte nicht so schnell herangeschafft werden, wie die Trauergesellschaft sich das gewünscht hätte. Die Kellnerin entschuldigte sich mit den Worten: "Wir sind mit dem Kaffee leider in Vollzug geraten."

IMG_20160606_221106Die Autorinnen Petra Brumshagen und Nina Petersmann haben sehr genau zugehört und ziemlich lange gesammelt, was so im öffentlichen Raum halbprivat geredet wird. Dann haben Sie das Material gesichtet und in acht Kapitel, jeweils mit einer kleinen Einleitung versehen, eingeordnet. Herausgekommen ist ein kurzweiliges, schnell zu lesendes Kompendium der gesprochenen Stilblüten in Deutschland, gerne auch im Dialekt.
Mal kurz und knapp, mal als längere Episode. Manchmal konnte ich schallend lachen, dann wieder nur kurz schmunzeln. Hier findet sich allerlei Material für Büttenreden oder Vorlagen für "der gespielte Witz".

Ein ideales Geschenkbuch, welches später zur Freude der Gäste als klassische "Klo-Lektüre" auf dem stillen Örtchen landet. Ich hab's gerne gelesen.

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Mein Sohn hat 'ne Schildkrötenunterfunktion : mitgehört in Deutschland / Petra Brumshagen, Nina Petersmann. - Ullstein-Verlag, 2016. - Taschenbuch, 144 S., 9,99 € ISBN 9783548376219  (auch als eBook erhältlich. 8,99 €  ISBN 9783843712958)

Diese Besprechung beruht auf der digitalen Epub-Ausgabe.

bloglitWir "Litblogger" freuen uns ja, Bücher zugesandt zu bekommen. Wir lesen gerne, schreiben gerne ... und das Buch darf man behalten. Win - win nennt man das wohl.

Bloß - diesmal habe ich ein Problem. Das Buch ist sch.... Und es ist wirklich nur schlecht, da kann man nichts beschönigen. Soll ich das jetzt auch besprechen? Wie sage ich es dem Autor, der ganz stolz ist auf sein Baby? Für ihn wäre es am besten, ich würde schweigen. Aber ist das ehrlich? Wird mein Blog nicht erst wirklich glaubwürdig, wenn ich auch die Verrisse veröffentliche?

Da merke ich mal wieder, wie harmoniebedürftig ich bin. Wie gehen denn die anderen damit um?

Ich glaube, ich schicke das Ding an den Autor zurück - und damit hat es sich.

Oder?

 

Erika von Litblogkoeb

Ein cooles Buch. Leider nur auf Italienisch. Trotzdem oder gerade deshalb, ich tauche ab in die Gassen der Quartieri Spagnoli, rieche den Tuff und höre den Sound dieser einmaligen Stadt. Und mich packt das Heimweh.

Antonio Menna: Se Steve Jobs fosse nato a Napoli

un fondaco a Napoli (Foto: Erika Mager, 1999)
un fondaco a Napoli

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