Erri de Luca "Den Himmel finden" // "la Natura Esposta" List 2018
Buchtipp,  Gastland Italien

Den Himmel finden – La Natura Esposta / von Erri de Luca

Von Gott und der Welt – von den kleinen und den großen Dingen

„Es braucht gewaltige Vorkommnisse, um dem Antlitz der Welt eine Erinnerung einzukerben. Der Anspruch, ein Zeichen zu hinterlassen, steht uns nicht zu.“ 

S.184

Wer Erri de Lucas Stil kennt – die kurzen Sätze, die fast ohne Nebensätze auskommen – wird sich gleich wieder zu Hause fühlen, die anderen werden sich im Lese- und Atemtempo nach und nach dem Rhythmus der Wörter hingeben und das Buch als kleine, kontemplative Auszeit nutzen. Sollten Sie sich nicht darauf einlassen können, ist Ihnen der Text wahrscheinlich zu flach, zu langsam… Aber ich kann Ihnen versichern, es liegt an Ihnen!

Zum Inhalt

Erri de Luca "Den Himmel finden" // "La Natura Esposta"
Erri de Luca “Den Himmel finden” // “La Natura Esposta”

Am liebsten würde ich Ihnen schnell den ganzen Plot erzählen, aber damit wäre das Kunstwerk zerstört. Nur soviel – ein alter Bergmann (… hier oben ist man mit 60 alt…) lebt in einem abgeschlossenen Tal an der Grenze zwischen Italien und Österreich. Dorthin verschlägt es Reisende (so nennt er Flüchtlinge), denen er gegen ein Entgelt über die grüne Grenze hilft. Er arbeitet zusammen mit zwei anderen Bergführern, die er schon aus Kindertagen kennt. Als herauskommt, dass er seinen Kunden am Ende der Passage das Geld zurückgibt, wird er aus ihrer Gemeinschaft ausgestoßen und muss das Dorf verlassen.

Er geht in eine Stadt am Meer und versucht sich mit kleineren Reparaturarbeiten in Kirchen etwas Geld zu verdienen. Als er schon aufgeben will, weil ihm niemand Arbeit gibt, trifft er in der letzten, der größten Kirche der Stadt einen Priester, der schon seit einem Jahr einen Steinmetz sucht.

Eine wunderschöne Marmorskulptur eines nackten Christus am Kreuz vom Anfang des 20. Jahrhunderts, soll vom nachträglich, aus Prüderie angebrachten Lendenschurz befreit werden. Als er zu bedenken gibt, dass er die “Natur” beim Entfernen des fremden Marmors zerstören könnte, erhält er den Auftrag, auch das zu restaurieren. 

“Die Natur, das Geschlecht, so nennen wir in meiner Gegend die Schamteile von Männern und Frauen.”

S.32

Was zwischen den Zeilen steht

Und weiter möchte ich nichts verraten. An dieser Stelle wird der Restaurator und der Leser überrascht und auch am Ende gibt es eine, diesmal noch größere Überraschung. Ich werde auch den Schluss nicht verraten, auch wenn es kein Krimi ist, obwohl fast ein Mord geschieht. Es ist auch kein religiöses Buch, obwohl der gekreuzigte Christus im Mittelpunkt steht und alle drei großen Buchreligionen zu Wort kommen.

“Für mein Erleben schließe ich göttliches Eingreifen aus, nicht für das anderer Menschen. Das Du der Gebete, des Zorns und des Mitgefühls kann ich nur an die menschliche Spezies richten.”

Erri de Luca im Vorwort

Es ist ein leises Buch über Grenzen, äußere und innere, über Anständigkeit und Moral, über Flucht und über Ankommen. Es erzählt vom Lieben, Verlieren und Behalten. Es erzählt auch von den Bergen, dem Meer und der Stadt. 

“Wer sagt, dass wir Bergbewohner sind, dem antworte ich, dass wir das Meer früher als andere hatten.”

S.13

Und natürlich handelt es auch von Kunst, Kunstwerken und wie man sich respektvoll dem Werk eines anderen nähert. 

“Das Werk gehört dem Bildhauer, ich bin sein Stellvertreter im Detail”

S.186

Über den Autor

Erri De Luca
© Paola Porrini Bisson

Über Erri de Luca heißt es, er sei einer der meistgelesenen Schriftsteller Italiens. Das ist umso erstaunlicher, als er schon die verschiedensten Berufe ausgeübt und sich bei ganz unterschiedlichen Aktivitäten beteiligt hat. 

Im Alter von achtzehn Jahren ging Erri De Luca 1968 nach Rom, um sich an der außerparlamentarischen Bewegung Lotta Continua (dt.: Ständiger Kampf) zu beteiligen. In den 1970er Jahren wurde er einer ihrer führenden Köpfe. Danach arbeitete er in zahlreichen Berufen in und außerhalb Italiens – als Facharbeiter bei Fiat, Kraftfahrer, Lagerist und Maurer. Während des Jugoslawien-Kriegs engagierte er sich als Kraftfahrer von Hilfslieferungen für die Bevölkerung. Er brachte sich selbst verschiedene Sprachen bei, darunter auch Althebräisch, was ihm die Übersetzung einiger Bücher der Bibel ins Italienische ermöglichte.” (Quelle Wikipedia vom 05.07.2018)

Die Übersetzung

Seit Jahren übersetzt Annette Kopetzki schon die Texte von Erri de Luca. Da ist sie zur Expertin für die schönen Wortschöpfungen des Autors geworden, die sie behutsam und echt ins Deutsche überträgt. Wenn ich vergesse, dass es eine Übersetzung ist und dabei die Sprache des Autors wiedererkenne, dann halte ich es für eine gelungene Arbeit. Ein Glücksfall!

(siehe auch die ähnlich schwierige und behutsame Übersetzung von Andrea Baricco: Die schöne Braut)

“Porto all’aria anche i miei libri usati, li offro in lettura, faccio da bibliotheca comunale che non c’è. A me sono serviti a conoscere il mondo, la varietà delle persone, che da queste parti sono scarse. Tengono calda la casa, compatti contro la parete a settentrione.”


“Auch meine gebrauchten Bücher bringe ich an die Luft, biete sie zur Lektüre an, ich bin die Gemeindebücherei, die es hier nicht gibt. Mir haben sie geholfen, die Welt kennenzulernen, die Vielfalt der Menschen, von denen es in dieser Gegend wenige gibt. Bücher wärmen das Haus, wenn sie dicht an der Wand stehen, die nach Norden geht. (S.13/14)

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Den Himmel finden : Roman / Erri de Luca. Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki. – List: Berlin, 2018. – ISBN-13 9783471351710

neugierig, wissbegierig, biblioman, barfuß, zero waste, plastikfrei

2 Comments

  • monerl

    Liebe Erika,
    das ist eine ganz tolle Buchvorstellung, die mir richtiggehend Lust auf das Buch gemacht hat. Ich habe es jetzt auf meine Wunschliste gesetzt, um es nicht aus den Augen zu verlieren. Bin sehr gespannt auf den Schreibstil des Autors! So, wie du schreibst, klingt es, als wäre er anders, als der, den man üblicherweise gewohnt ist. Ich bin sehr gespannt, was am Ende herauskommt und ob die Christusstatue ihre Natur zurückerhält. 😉
    GlG, monerl

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